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Netzwelt Re:publica 2019: Wieso auch Sascha Lobo nicht an Greta Thunberg vorbeikommt
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22:53 06.05.2019
Berlin: Sascha Lobo, Autor, spricht bei der Internetkonferenz "re:publica". Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/
Berlin

Die re:publica und Sascha Lobo, das gehört zusammen. Die Rede des Autors und Kolumnisten ist fester Bestandteil der Digitalkonferenz – und deshalb sind auch abends, um 20 Uhr, wenn Lobo anfängt zu sprechen, die Sitzplätze gut gefüllt. Dabei geht es nicht um krasse Nischenprobleme, sondern um ganz große Themen, weit über das rein Digitale hinaus. Das Motto in diesem Jahr: „Realitätsschock.“

Es werde keine lustige Rede, warnt Lobo gleich zu Beginn, denn etwas sei falsch. Ein Gefühl, mit dem Lobo, so glaubt er, auch nicht alleine ist. Die meisten Menschen in seinem näheren und weiteren Umfeld, hätten das Gefühl, das etwas schief läuft. Manche, wie er, spürten eine „diffuse Wut“. Der Moment, in dem das bei ihm selbst angefangen habe, sei der 8. November gewesen. Der Abend, an dem Donald Trump – entgegen Lobos Erwartungen – zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. „Mit meiner Verirrung war ich gar nicht so ganz alleine“, sagt Lobo. Denn schließlich sagten ja quasi alle Experten voraus, dass Hillary Clinton die Wahl gewinnen würde. Sind wir also alle Idioten? („Mit Wir meine ich hier, die tendenziell gebildeten Bevölkerungsschichten der westlichen Industrieländer.“)

Sascha Lobo und der „Realitätsschock

Trump ist dabei auch nur ein Beispiel. Brexit, Rechtsruck, Klimakrise, Insektensterben, Digitalisierung oder Globalisierung – „das alles erschüttert uns offensichtlich ziemlich in seiner Kombination“. Die Themen hätten, so Lobo, das Gefühl ausgelöst, die Welt sei in den letzten Jahren aus den Fugen geraten. Aber stimmt das auch? Im Gegenteil, findet der Autor: Die Welt gerate in die Fugen. Seine These: „Unser Bild der Welt war viel zu oft eine kollektive Illusion.“ Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts sei eine riesige Filterblase gewesen, die Welt sei uns – zumindest in den westlichen Industrieländern – als durchschaubarer und teilweise sogar beherrschbarer erschienen, als sie es eigentlich war. Diese Blase sei nun geplatzt. Und dieses Zerplatzen, das nennt LoboRealitätsschock“.

Dass wir so lange in dieser Filterblase leben konnten, hat laut Lobo zwei Gründe: Zum einen habe die Öffentlichkeit ein völlig falsches Bild vom aktuellen Wissen der Welt. Das zeige sich zum Beispiel daran, dass manche konservative Menschen glaubten, es gebe nur zwei Geschlechter - „das sieht man doch“ - während auf der anderen Seite Wissenschaftler Geschlecht viel eher als Spektrum, denn als binäres System betrachten. Das Problem: „Falsche Vorstellungen von der Realität führen zu falschen Debatten und falsche Debatten führen zu falscher Politik.“ Lobo nimmt allerdings auch die Experten nicht aus der Verantwortung, die sich ebenfalls – wenn sie zum Beispiel immer wieder behaupteten, jetzt würde es aber wirklich eng für Trump – in einer Krise befinden.

Der Klimawandel und Sascha Lobo

Wie lange die Realitätsschocks ausgeblieben sind, zeichnet Lobo unter anderem am Beispiel Plastik nach: Schon in den 70er Jahren sei klar gewesen: Plastikmüll ist ein Problem. Warum ist damals nicht wirklich etwas passiert? Weil, so Lobo, es von Anfang an auch Gegenstimmen gegeben habe, eine Lobby ein „Re-Branding“ geschaffen habe und den Leuten eingebläut habe: Umweltverschmutzung, das ist die Schuld des einzelnen, der Leute, die den Müll wegwerfen.

Während andere Länder, wie Bangladesch, das Problem Plastikmüll schon viel früher erkannt – und etwas dagegen unternommen hätten – sei der Plastik-Realitätsschock im Westen dann eingetreten, als plötzlich Bilder auftauchten – vor allem in sozialen Medien. Videos, die zeigen, wie einer Schildkröte ein Plastikhalm aus der Nase gezogen wird. „Wenn wir einen positiven Effekt von sozialen Medien sehen können und wollen, dann liegt er darin, dass sie offenbar auf die richtige Art es schaffen, einen Realitätsschock bei den Leuten auszulösen, der auch eine Wirkung hat.“

Realitätsschocks, das wird bei Lobo klar, müssen also nichts negatives sein. Sie können über das Gefühl, dass die Welt nicht mehr in Ordnung ist, hinausgehen. „Ich glaube, dass wir einen Realitätsschock brauchen, überall dort, wo er noch nicht geschehen ist“, fordert Lobo daher. Sie könnten zurecht rütteln, den Blick für neue Lösungen öffnen. Ganz besonders ist das wohl beim Klimawandel notwendig. Was also tun? Lobo zitiert dazu Fridays-for-Future-Initiatorin Greta Thunberg, die „sich bis in die Tiefe in diesen Realitätsschock eingearbeitet hat“: „Aktivismus wirkt. Also handelt.“

Von RND/Anna Schughart

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