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Medien Wiedersehen mit Hannelore Elsner im „Club der einsamen Herzen“ – große Diva in biederer Komödie
Nachrichten Medien Wiedersehen mit Hannelore Elsner im „Club der einsamen Herzen“ – große Diva in biederer Komödie
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11:12 06.06.2019
Die Drei vom Tanzcafé: Etwas Besseres als die Langeweile werden die Freundinnen Helga (Jutta Speidel, v. l.), Kiki (Hannelore Elsner) und Marie (Uschi Glas) überall finden. Quelle: Foto: Laurent Trümper/ARD
Köln

Gerade fand noch die große Trauerfeier für sie statt – schon gibt es ein Wiedersehen mit Hannelore Elsner im Fernsehen. Die große Diva des deutschen Films ist dabei in einer relativ kleinen und dürftigen Komödie zu sehen. Sie ist das beste am „Club der einsamen Herzen“, einer Standardgeschichte über das Glück der späten Jahre. Sie spielt Kiki – eine Sängerin – schön und glamourös.

Komödien über das „Coming-of-Best-Age“ haben Konjunktur

Das Alter, so lehrt uns die Medienlandschaft seit Jahrzehnten, gibt es gemeinhin nur in zwei Aggregatszuständen: entweder vergreist oder juvenil, also spießig oder unkonventionell. Wenn die Reklame etwa das Pensionsalter umwirbt, gesellen sich zum rüstigen, aber schwergängigen Rentner auf Treppenliftsuche vor allem hochagile Best-Ager, an denen höchstens die Haarfarbe betagt wirken darf. In Zeitschriften ist das ähnlich in fiktionalem Fernsehfilmen ebenfalls.

Neben dem aussterbenden Ohrensessel-Typus („ist doch so schön gemütlich im Ruhestand“), gern verkörpert von Hildegard Schmahl oder Saskia Fester, dominiert in Filmen und Serien die Sorte „Unruhestand“, den Didi Hallervorden seit Jahren mit Tatendrang füllt.

Strickjacke statt Turnschuh, den Kopf (sofern kein Honig drin ist) voll Flausen, die Libido intakt, ein Freak mit Falten – so wie die neue Figur einer TV-Gattung, die man „Coming-of-Best-Age“-Filme nennen könnte: Menschen, die es im hohen Alter „einfach noch mal wissen wollen“, wie es im PR-Sprech der üblichen verdächtigen Kanäle wie der ARD oft heißt.

Hannelore Elsner lässt ihre Kolleginnen alt aussehen

Kiki also, ulkiger Name, muss heute Abend im Ersten trotz (oder wegen) ihrer dermatologisch sichtbaren 70+ Cowboystiefel tragen und Zigarette rauchen, junge Lover haben und ganz wichtig im Feelgood-Fernsehen öffentlich-rechtlicher Art: ein echt total verrücktes Auto. Hier ist es ein grasgrüner Oldtimer, in dem der von Elsner gespielte „internationale Schlagerstar“ lebt und liebt und lacht und leidet.

Weil das allein jedoch noch keine Erzählung ist, trifft sie zu Beginn der Tragikomödie nach jahrzehntelanger Trennung ihre Ex-Freundinnen Maria (Uschi Glas) und Helga (Jutta Speidel), deren Lebensabend vor lauter Langeweile fast Mitternacht schlägt.

Und damit wir den Gegensatz auch wirklich verstehen, zückt die adrette Helga bei der ersten Wiederbegegnung Fotos von Kindern (drei) und Haus (abbezahlt), während die strenge Maria ihr ablaufendes Haltbarkeitsdatum im störrischen Disput mit den Nachgeborenen ums Familiengeschäft verdeutlicht.

Hannelore Elsner – sie spielt ihre Rolle mit großer Hingabe

Spätestens aber, als Kiki ihnen beim lustigen Disco-Besuch frische Energie einhaucht, gerinnt der Titel zur unvermeidbaren Handlung: Da es die drei, wie gesagt, noch mal wissen wollen, eröffnen sie zum Ende hin den „Club der einsamen Herzen“, ein Tanzcafé für Senioren mit Schwung. Und weil das Ende von Anfang an feststeht, ist es auch nicht gespoilert, zu verraten: Zum Schluss liegen sich alle fröhlich in den Armen. Und dazu singt die Elsner Playback – man hätte ihr nun wirklich ein anspruchsvolleres Requiem gewünscht.

In einer ihrer letzten Rollen (es folgt noch am 5. September der Kinofilm „Hannes“ und – noch ohne Datum – der Fernsehfilm „Lang lebe die Königin“) spielt Deutschlands vielleicht letzte Filmdiva (so war es in vielen Nachrufen zu lesen) besagte Kik mit spürbarer Hingabe. Definitiv hätte sie ein besseres Drehbuch als jenes der versierten „Tatort“-Regisseurin Christine Hartmann verdient – allein schon deshalb, weil ihre Kolleginnen so hilflos am gescripteten Mainstream scheitern.

Jutta Speidel zum Beispiel guckt als verwitwete Helga 90 Minuten lang wie ein verschrecktes Reh, während Uschi Glas ihrer halsstarrigen Maria stets ein wenig zu viel Bitterkeit in den Eier-Flip kippt, den Helga wie einst beim Tanztee andauernd serviert. Und im Hintergrund laufen die Hits der 50er, 60er und das Beste von gestern.

Hannelore Elsner – hoffentlich guckt sie nicht von oben zu

Wer sich verglichen mit dieser neunzigminütigen Eierlikörbrause ein Meisterwerk wie Jan Gregor Schüttes Speeddating-Improvisation „Altersglühen“ (2014, mit Senta Berger und Mario Adorf) ansieht, die reifere Kohorten in ihrer mehrdimensionalen Vielfalt zeigt, erschrickt daher kurz vor dieser eindimensionalen Leichtigkeit am Rande des Seichten. Ein Konzentrat ideenloser Berechenbarkeit, in dem kleine Kinder sogar noch ein bisschen biederer sein müssen als ihre Eltern und deren Enkel ZDF-Fernsehgarten-kompatibel naseweis.

Schon nach der Hälfte des Films wünscht man sich daher inständig, Hannelore Elsner schaut sich den „Club der einsamen Herzen“ von droben nicht auch noch an. Obwohl: hier drunten besser auch niemand.

Von Jan Freitag/RND

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