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Panorama Am Gymnasium in Sankt Augustin wurde Gefährdung eventuell unterschätzt
Nachrichten Panorama Am Gymnasium in Sankt Augustin wurde Gefährdung eventuell unterschätzt
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17:35 12.05.2009
Die tatverdächtige 16-jährige Schülerin hat sich nach dem Amokalarm an dem Gymnasium in Sankt Augustin bei Bonn der Kölner Polizei gestellt. Quelle: Henning Kaiser/ddp
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Am Tag nach dem Amokalarm am Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin bei Bonn ist dort scheinbar wieder der Alltag zurückgekehrt. Am Dienstag spielen die Unterstufenschüler auf dem Pausenhof ausgelassen Fangen. Nur wenige interessierten sich für die Kamerateams, die vor der Schule ausharren.

Im Gymnasium stehen aber rund 40 Psychologen und Notfallseelsorger für Schüler, Lehrer und Eltern bereit. Sie sollen helfen, das aufzuarbeiten, was am Montagmorgen offenbar leicht zu einer Katastrophe hätte werden können.

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Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler hatte Tanja O., eine 16-jährige Schülerin des Gymnasiums, einen Rücksack mit einer Gaspistole, Benzin und einen Brief in das Gebäude gebracht. Als sie in der Mädchentoilette von einer 17-jährigen Mitschülerin überrascht wird, soll sie diese mit einem langen Messer attackiert und ihr dabei den Daumen abgetrennt haben. Die 16-Jährige war nach der Messerattacke zunächst geflüchtet und hatte sich am späten Montagabend am Kölner Hauptbahnhof der Bundespolizei gestellt. Anschließend wurde sie festgenommen.

Schuldirektorin Anne Marie Wähner beschreibt die mutmaßliche Täterin am Dienstag als „eigentlich recht gute Schülerin“. Zwei ihrer Mitschüler hätten die Schulleitung allerdings in der vergangenen Woche darauf hingewiesen, dass die 16-Jährige möglicherweise Probleme habe. So habe die Jugendliche im Freundeskreis öfters über das Thema Selbstmord gesprochen. Ein Eindruck, der sich am Dienstag der Bonner Staatsanwaltschaft zufolge bestätigt. Es werde erwogen, die 16-Jährige zu ihrem eigenen Schutz in der Jugendpsychiatrie unterzubringen.

Die Schulleitung habe, wie in solchen Fällen vorgesehen, einen von der Bezirksregierung bestellten Psychologen benachrichtigt. Der Experte habe bei der Schülerin ein erhöhtes Selbstmordrisiko vermutet, Anzeichen für eine Fremdgefährdung aber eher nicht gesehen. Das für Montag mit dem Schulpsychologen vorgesehene Gespräch verpasste Tanja O. dann, weil sie sich offenbar zu der Tat entschlossen hatte.

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer (CDU) zeigt sich am Dienstag bestürzt darüber, dass in diesem Fall offensichtlich eine Täterin für den Amokalarm verantwortlich gewesen sei: Bislang habe man „die Mädchen bei diesem Problem einfach ausgeklammert“, sagt sie. Der Ministerin zufolge seien nur vier der weltweit bislang rund 150 registrierten Amoktaten an Schulen von weiblichen Tätern begangen.

Polizei und Ordnungsamt halten unterdessen Neugierige und Medienvertreter vom Schulgelände ab. Das komplette Kollegium sowie die meisten Schülerinnen und Schüler seien zum Unterricht erschienen, berichtet Wähner. Auch habe das Gros der Schüler an den angesetzten Klassenarbeiten und Klausuren teilgenommen und auf die angebotenen Ausweichtermine verzichtet.

Die Verwaltung muss am Dienstag einräumen, dass der Amokalarm an der Schule in den ersten Sekunden nicht funktioniert hat, wie für solche Fälle geplant. Statt dessen sei Feueralarm ausgelöst worden, wonach die Schüler umgehend die Klassenräume verlassen sollen. Also genau das Gegenteil von dem, was eigentlich bei Amokdrohungen vorgesehen ist: sich im Klassenraum zu verbarrikadieren.

Schülersprecher Christian von den Driesch räumt ein, dass viele Schüler nach dem Vorfall betroffen seien und Gesprächsbedarf hätten. Dennoch hätten die Schüler die Nerven bewahrt: „Eine Panik hat es nicht gegeben.“ Der 18-Jährige fügt aber hinzu, dass noch unklar sei, wie vor allem die Schüler der Unterstufe mittelfristig auf die Ereignisse reagieren würden: „Das ist ja eine Erfahrung, die man hoffentlich nie wieder macht.“

ddp

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