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Panorama Berlin trotzt dem S-Bahn-Chaos
Nachrichten Panorama Berlin trotzt dem S-Bahn-Chaos
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23:00 20.07.2009
Von Alexander Dahl
Überprüfung aller Züge: Es wird eng in Berlins S-Bahnen.
Überprüfung aller Züge: Es wird eng in Berlins S-Bahnen. Quelle: Axel Schmidt/afp
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Die Schirmmütze mit der silbernen Kokarde und dem Emblem eines geflügelten Rades hat Peter Richter (Name geändert) in den Nacken geschoben. Der Krawattenknoten ist gelockert, die grelle Warnweste lässt ihn im stickigen Eingangsbereich des Bahnhofs Friedrichstraße schwitzen. Die Rolltreppen zu den Bahnsteigen der S-Bahn sind außer Betrieb und mit Gittern verrammelt.

An den Treppenaufgängen stehen Richter und seine Kollegen von der Bahnsicherheit und fangen Fahrgäste ab, die wie gewohnt zum Zug eilen. „Stopp! Hier geht nichts!“, ruft Richter einem Mann mit Aktentasche nach. Seit Montag ist auf der Ost-West-Achse der S-Bahn-Verkehr stillgelegt, weil das Eisenbahnbundesamt (EBA) zwei Drittel der Züge nach Mängeln an den Achsen stillgelegt hat.

Wer dennoch fahren will, muss einen der roten Nahverkehrszüge nehmen, von den mehr als sonst üblich fahren. „Erweitertes Zugangebot“, nennt die Bahn das, obwohl es die Krise auf den Berliner Gleisen nur unzureichend kaschieren kann. Eine Krise, von der Kommentatoren in Berliner Zeitungen spotteten, sie sei die größte seit April 1945. Auch damals, in der Endphase des Krieges, seien vergleichbar viele S-Bahn-Wagen nicht fahrbereit gewesen, allerdings habe man damals die Rote Armee dafür gebraucht, und heute reichten vier mittlerweile abgelöste S-Bahn-Manager.

Dass aus der Krise kein Chaos wurde, lag dann auch weniger an der Bahn als an den Berlinern und den Sommerferien. Die hatten sich Montag früher als sonst und oft auch per Rad auf den Weg zu Arbeit gemacht; die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) hatte ihren Ferienfahrplan storniert, längere U-Bahn-Züge auf die Gleise geschickt und mehr Busse eingesetzt. Man fahre mit allem, was fahren kann, sagte ein BVG-Sprecher.

Obwohl die Bahntochter S-Bahn nur noch 165 von sonst 550 Zügen einsetzen konnte, kam sie anfangs auch mit dem wenigen nicht zurecht. Es habe Probleme gegeben, die Bahnen zu ihren Ausgangspunkten zu bringen, so ein Sprecher. Selbst am späten Vormittag baten die Computerstimmen der automatischen Ansage noch um Verständnis für Verspätungen. Nicht jeder mochte dies aufbringen.

„Allet studierte Leute, kriejen ’n Haufen Jeld, und det kommt dabei raus“, schreit eine Endfünfzigerin quer über den Bahnsteig Neukölln, weil ihr Zug schon lange überfällig ist. Immerhin darf sich die Bundeshauptstadt über Solidarität freuen: München und Stuttgart halfen mit S-Bahn-Zügen aus; mehrere Bundesländer mit Nahverkehrswagen. Drangvolle Enge herrscht seit Montag auf allen Abstellgleisen der S-Bahn.

Dort warten stillgelegte Züge darauf, dass 2000 Achsen für rund 65 Millionen Euro ausgetauscht werden. Erst im Dezember, so vorsichtige Erwartungen, kehrt der Alltag auf die Gleise zurück. An die Erwartung, dass die Bahntochter 2010 rund 125 Millionen Euro Gewinn an den Konzern abführt, glaubt hingegen keiner mehr. Ein Radbruch Anfang Mai hatte die Krise eingeleitet.

Das EBA ordnete Prüfungen von Achsen an, die das Unternehmen S-Bahn ignorierte und dafür die Stilllegungsverfügung bekam. Peter Richter sieht die Krise mit Bitternis. Bis 2006 arbeitete er als Mechaniker im S-Bahn-Werk Friedrichsfelde. Der Betrieb wurde geschlossen und Richter zur Bahnsicherheit versetzt. „Sozialplan hieß das, aber für den Konzern war es nur Gewinnoptimierung“, sagt er.