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Panorama Der Drache schluckt die Sonne
Nachrichten Panorama Der Drache schluckt die Sonne
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21:41 21.07.2009
Gut vorbereitet: Ein Paar in Peking probiert gebastelte Schutzbrillen.
Gut vorbereitet: Ein Paar in Peking probiert gebastelte Schutzbrillen. Quelle: AFP
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Wenn sich im alten China plötzlich der Tag verfinsterte, glaubten die Menschen, es mit einem Angriff des legendären Fabeltiers zu tun zu haben. Dann wappneten sie sich gegen Erdbeben oder Überschwemmungen und munkelten, dass der Himmel ihrem Kaiser womöglich das Regierungsmandat entzogen habe. Zwar wussten Chinas Astronomen schon vor 4000 Jahren, dass der feuerspeiende Drache nur der gute, alte Mond war, der sich kurz vor die Sonne schob. Doch der Aberglaube war häufig mächtiger als die Wissenschaft.

Am Mittwoch erscheint wieder der Drache am Himmel, wie viele Chinesen noch immer sagen. In großen Teilen Südchinas und weit darüber hinaus können die Menschen am Morgen die längste totale Sonnenfinsternis des Jahrhunderts beobachten. In einem bis zu 259 Kilometer breiten Streifen zieht der Kernschatten von der Westküste Indiens beginnend über den Himalaja und China, streift Japan und endet im Pazifik. Auf den dortigen Marshall-Inseln wird die Verdunklung ihre maximale Dauer von sechs Minuten und 39 Sekunden erreichen. Hobbyastronomen aus aller Welt treffen sich vor allem in Schanghai, wo die verfinsterte Sonne und ihre Korona rund sechs Minuten zu sehen sein werden. Der US-Astrophysiker Fred Espenak taufte die Finsternis wegen ihrer Länge „das Monster”.

Chinas Behörden bereiten sich mit der ihnen eigenen Detail- und Kontrollversessenheit vor. Die Regierung wies lokale Beamte von höchster Stelle an, „Notfallpläne“ aufzustellen. Einer Massenpanik soll ebenso vorgebeugt werden wie einem Zusammenbruch des Telekommunikationsnetzes, wenn Millionen Menschen gleichzeitig mit dem Handy telefonieren oder Bilder verschicken. In Chongqing wurden die Bewohner aufgefordert, während der Eklipse nur im Notfall zu telefonieren. In Städten wie Schanghai, Nanjing und Wuhan sind die Stadtwerke darauf vorbereitet, für die Zeit der Verdunklung die Straßenlaternen anzuschalten. Autofahrer sollen mit Flugblättern und Radioansagen ermahnt werden, ihre Augen auf der Straße zu halten und nicht in den Himmel zu schielen.

Darüber hinaus sind die Staatsmedien auch heute noch damit beschäftigt, gegen Aberglauben anzukämpfen. So erhielt ein Radiosender zahlreiche besorgte Anrufe aus dem Kreis Wenchuan, dem Epizentrum des jüngsten verheerenden Erdbebens. Bewohner wollten wissen, ob die Sonnenfinsternis ein weiteres Beben auslösen könne. „Seismologische Experten gehen davon aus, dass der Hauptgrund für Erdbeben die Erde selbst ist“, beruhigte der Astronom Li Jing.

In Deutschland, wo im Süden des Landes zuletzt am 11. August 1999 eine totale Sonnenfinsternis zu sehen war, muss man auf ein Naturschauspiel wie am Mittwoch in China noch lange warten: bis zum 3. September 2081.