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Panorama Die Schlandballer – was der Handball dem Fußball voraus hat
Nachrichten Panorama Die Schlandballer – was der Handball dem Fußball voraus hat
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15:39 25.01.2019
Besser als Fußball? Nationaltorhüter Andreas Wolff jubelt mit Fans. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE
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Köln

Nach dem Sieg müssen sich die Familien von Deutschlands Handball-Nationalspielern Fabian Wiede und Patrick Wiencek ein bisschen gedulden. Der Mann, der gerade noch gegen Kroatien sechs Tore geworfen hat, und der umjubelte Abwehrchef drängeln sich mühsam durch die Zuschauer, klettern auf die Tribüne, wo es ähnlich eng ist wie kurz zuvor noch am gegnerischen Kreis, und herzen unter dem Jubel der Fans drum herum erst einmal ihre Liebsten. Die Tausenden Zuschauer in der Halle und die Millionen an den Bildschirmen spielen für sie offenbar keine Rolle.

Für Fußballfans ist das ein ungewohntes Bild.

Wie war das gleich im Sommer vergangenen Jahres, als Deutschlands Fußballer bei der WM in Russland ihren Titel verteidigen wollten? Sie scheiterten nicht nur an den Gegnern bereits in der Vorrunde, sie scheiterten nach Ansicht der Fans auch an der eigenen Unnahbarkeit. Die mitgereisten Anhänger hatten kaum Gelegenheit, die Profis aus der Nähe zu sehen, es war viel von der Entfremdung der Stars von ihren Fans die Rede.

Vom „Produkt“ Nationalmannschaft, von Spielern, die vergessen haben, dass sie nicht nur für ihre Karriere kicken, sondern auch für diejenigen spielen, die ihnen zujubeln. Die Handballer hingegen kommen eine Stunde nach Spielschluss zurück in die Arena in Köln, um für wartende Fans Autogramme zu schreiben. Und Deutschland staunt. Über die Nahbarkeit und Bodenständigkeit der Spieler, über das schnelle, spektakuläre Spiel. Über das bessere Fußball: keine Pfiffe bei der gegnerischen Nationalhymne, kaum Häme gegen gegnerische Spieler.

Nähe zu Fans: Deutschlands Finn Lemke gibt Autogramme. Quelle: dpa

Und erfolgreich sind sie auch noch bei der WM im eigenen Land. Am heutigen Freitag steht dieses Team, angeleitet von Bundestrainer Christian Prokop, angeführt von baumlangen Kraftprotzen wie Wiencek oder Torhüter Andreas Wolff, im WM-Halbfinale gegen Norwegen.

Es ist zwölf Jahre her, da feierte der Handball schon mal ein Wintermärchen. Ein gutes halbes Jahr nach dem Sommermärchen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, bei der die Fans mit dem Schlachtruf „Schland“ mit ihrer Mannschaft ins Halbfinale einzogen, wurden die Auswahlspieler des Deutschen Handballbunds Weltmeister im eigenen Land. Es war die Zeit, als sich Fans Schnauzbärte anklebten. Ihr Vorbild: Heiner Brand, der Trainer mit dem Walrossschnauzer.

Trainer mit Walrossschnauzer: Heiner Brand wird nach dem Gewinn des Weltmeistertitels 2007 von den Spielern durch die Halle getragen. Quelle: dpa

Im öffentlich-rechtlichen TV hat es die Handball-Bundesliga damals wie heute schwer. Bei der WM 2007 aber schauten mehr als 20 Millionen das Finale in Köln gegen Polen. Der Sport landete im Bewusstsein der Deutschen – auch abseits der Handballszene. Weil WM war, weil diese WM im eigenen Land ausgetragen wurde, weil das deutsche Team gut spielte und sympathisch rüberkam.

Wie jetzt.

Zwölf Jahre später sind die WM-Arenen erneut gefüllt. 13 500 Zuschauer in Berlin, 19.250 in Köln. 12.000 sogar in der Handball-Diaspora München – und das bei Spielen ohne deutsche Beteiligung. 837.000 Zuschauer waren bis Donnerstag in den Arenen – so viele wie nie zuvor. Und auch die Fernsehzuschauer sind wieder dabei. 7,1 Millionen im Schnitt waren bei den Spielen in der Vorrunde vor den Schirmen, den Sieg im Hauptrundenspiel gegen Kroatien verfolgten 12,35 Millionen in der Spitze. Das ist TV-Rekord für Spiele des Nationalteams vor der K.-o.-Runde. „Es ist überraschend, dass die Zahlen schon so früh so eine Höhe erreicht haben“, sagt ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann.

Für seine Branche sind die Handballer ein Segen. Während der Auszeiten können die TV-Zuschauer live mitverfolgen, was der Bundestrainer seinen Spielern mit auf den Weg gibt. Beim Fußball halten sich Trainer und Spieler aus Angst vor Lippenlesern die Hand beim Sprechen vor den Mund.

Live dabei: Trainer Christian Prokop instruiert seine Spieler während einer Auszeit – das Publikum darf mithören. Quelle: imago/Contrast

Handball ist ja gewissermaßen eine urdeutsche Angelegenheit. 2017 jährte sich zum 100. Mal der Tag, an dem der Berliner Oberturnwart Max Heiser festlegte, dass das von ihm entworfene Spiel „Torball“ zukünftig „Handball“ heißen sollte. Schon damals kam der Handball in Deutschland nicht ohne den Verweis auf Fußball aus: Der neue Sport sollte der englischen „Fußlümmelei“ Einhalt gebieten. Auch wenn der nationale Sport mit der Hand das globale Spiel mit dem Fuß nie wirklich gefährden konnte, hatten die Nationalisten jetzt eine Alternative, eine deutsche Alternative. Und die füllte als im Freien gespielte Feldvariante bald Fußballstadien.

Den Feldhandball gibt es heute nicht mehr, die Faszination der Deutschen für die Hallenvariante ist geblieben. Mit gut 760.000 Mitgliedern, organisiert in gut 4200 Vereinen und 21.000 Mannschaften, ist der Deutsche Handballbund (DHB) der größte Handballverband der Welt. Übrigens analog zum Deutschen Fußball-Bund – der hat mehr als sieben Millionen Mitglieder.

Bob Hanning sieht noch viel Potenzial für den Handball – gerade in Deutschland. „Unser Sport ist von innen heraus gelebt“, sagt der Verbandsvizepräsident. In Kombination mit der Bundesliga, der wohl weltbesten Liga, sei das unschlagbar. „Diese Kombination muss erfolgreich sein, wenn wir keine Fehler machen. Und wir machen derzeit nur wenige.“

Tatsächlich ist Handball in diesen Tagen ein beliebtes Gesprächsthema. In der Gastgeberstadt Köln hört man viele Gespräche über Handball, im Brauhaus zur Malzmühle, einer der ältesten Stätten kölscher Trinkkultur etwa, wo sonst lieber über den FC Köln gemault wird, sprechen sie über die Faszination Handball.

„Man versucht zu spielen und nicht so viel zu labern“

Handball ist Vollgas, kein Hin- und Hergeschiebe, sondern Tore am Fließband. Und: Wenn Spieler auf den Boden krachen, stehen sie meist wieder auf und kullern nicht erst mal ausgiebig hin und her wie beim Fußball. Das kommt gut an. „Da scheppert’s vorn, da scheppert’s hinten“, hat Fußballkaiser Franz Beckenbauer festgestellt. Julian Nagelsmann, Trainer des Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim, glaubt, dass sich der Fußball etwas beim Handball abschauen kann. „Man versucht zu spielen und nicht so viel zu labern, das würde uns auf dem Fußballfeld auch gut zu Gesicht stehen.“

Handball ist der Sport für Künstler und Malocher gleichermaßen. Vorne scheint Kapitän Uwe Gensheimer mit seinen Trickwürfen naturwissenschaftliche Gesetze auszuhebeln. Hinten wird gefeiert, wenn die Gegner in der schraubstockartigen Umklammerung von Patrick Wiencek (Spitzname: „Bam Bam“) landen. Während der WM hallen „Defense, Defense“-Rufe durch die Halle. Selbst Abwehr ist jetzt sexy.

Sogar die Promiwelt ist infiziert

Langsam erreicht der Sport sogar die Prominenz. Schauspieler posten Botschaften via Instagram. TV-Moderatorin Dunja Hayali verrät, dass sie ein bisschen in Andreas Wolff verliebt sei, den Torhüter, der trotz 1,98 Meter Körpergröße und 110 Kilogramm Gewicht so beweglich ist, dass er sich im Stehen mit einem Fuß am Hinterkopf kratzen kann. Plötzlich führt sogar ein Handball-Buch, Stefan Kretzschmars „Hölleluja!“, die Bestsellerlisten an.

Auch das belegt die Entwicklung: Beim Handball ist es (wie beim Fußball) üblich, dass bei der Vorstellung der Spieler der Hallensprecher die Trikotnummer und den Vornamen ruft und die Zuschauer mit dem Nachnamen antworten. In Berlin zu einem der ersten Spiele schmetterte der Sprecher ein „mit der Nummer 23 – Steffen ...“ ins Mikrofon. Ein Teil des Publikums antwortete „Fäth“, der Rest „Weinhold“ – die Nummern waren den Fans nicht geläufig. Zwei Wochen später brüllen 19 250 Zuschauer im Kölner Event-Tempel dann den Namen Fäth mit solcher Hingabe, als ob sie den 28-Jährigen adoptieren wollten.

Hat es eine Bedeutung, dass nun viele Menschen im Land wissen, welcher von beiden der Steffen mit der Nummer 23 ist?

Für Andreas Michelmann, den Verbandspräsidenten, hat es eine Bedeutung. Im richtigen Leben ist er Bürgermeister in Aschersleben in Sachsen-Anhalt. Für die WM hat er zehn Tage Urlaub genommen. Mit dem Halbfinale in Hamburg und einem Überschuss in Höhe von einer Million Euro ist für ihn die WM schon ein Erfolg. Danach müsse der nächste Schritt folgen, nämlich „den Trend des Mitgliederschwundes umzudrehen, mehr Kinder zum Handball zu bringen“. Und Kinder wollen Idole. Womit wir bei dem Steffen mit der Nummer 23 wären.

„Mehr Kinder zum Handball bringen“: Andreas Michelmann, Präsident des Deutschen Handballbunds (DHB). Quelle: dpa

Das Fundament für einen nachhaltigen Boom hat der Verband gelegt, dabei aus 2007 gelernt. Damals blieb die WM ein Strohfeuer, danach widmete sich die Sportnation wieder dem Fußball. Mittlerweile hat der DHB professionellere Strukturen, fünf hauptamtliche Vorstände. „Wenn wir Kinder strategisch an den Handball ranführen wollen, müssen wir in die Schulen und Kindergärten“, sagt Michelmann.

Nach der WM werden die Dimensionen erst einmal wieder kleiner werden. Die Handball-Bundesliga läuft nicht zur Primetime in der ARD. Uwe Gensheimer ist in Paris mit kolportierten 53 000 Euro brutto im Monat der Topverdiener unter den deutschen Spielern, seine Kollegen verdienen zwischen 15 000 und 30 000 Euro im Monat. Toni Kroos soll bei Real Madrid 20 Millionen Euro im Jahr verdienen – doppelt so viel wie der Jahresetat vom Handball-Primus THW Kiel.

Vielleicht macht auch das die aktuelle Begeisterung für Handball aus. Da laufen Menschen rum, die Besonderes leisten, die aber längst nicht so weit von ihrem Publikum entfernt sind wie die Stars des Fußballs. Und sie geben sogar Autogramme.

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Von Jens Kürbis/RND

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