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00:23 08.07.2009
Michael Jackson Trauerfeier Baptistenpfarrer Lucius Smith Los Angeles Lakers Staples Center
Queen Latifa unter einer riesigen Jackson-Projektion. Quelle: Gabriel Bouys/afp
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Bis zuletzt halten Familie und Plattenfirma das Ablaufprotokoll zu dieser letzten großen Show des Michael Jackson geheim. Erst als Hubschrauberbilder einfangen, wie der mit roten Rosen bedeckte, vergoldete Bronzesarg nach der Trauerfeier auf dem Prominentenfriedhof Forest Lawn in einen Leichenwagen gehoben wird, ist klar, dass die Leiche Jacksons beim spektakulären Gedenkkonzert im Staples Center aufgebahrt wird.

Als bombastisches Ereignis der internationalen Popszene ist die Gedenkveranstaltung angekündigt worden, aber wer deswegen eine große Party erwartet hat, wird enttäuscht. Denn es sind leise, würdevolle Töne, die die Dutzenden von Bühnengästen im Staples Center vernehmen lassen. Auf der in blaues Licht getauchten Bühne verliest die Soullegende Smokey Robinson Grußworte des früheren südafrikanischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers Nelson Mandela sowie von Jacksons enger Freundin und Förderin Diana Ross, bevor Jacksons Brüder den Sarg vor der Bühne niederlassen.

Baptistenpfarrer Lucius Smith preist Jackson als unermüdlichen Weltverbesserer, Hip-Hop-Musikerin Queen Latifah spricht den 11. 000 Fans in der Halle aus der Seele, als sie klarstellt: „Michael war der größte Star auf Erden.“ Wie Jackson zum Star geworden ist, daran erinnert Berry Gordy, Begründer der ruhmreichen Plattenfirma Motown. In einer bewegenden Rede erzählt er, wie damals, vor mehr als 40 Jahren, Jackson und seine Brüder als Jackson 5 bei ihm vorgesungen haben und wie er sofort herausgehört habe, dass der junge Michael über besonderes Talent verfüge – über so viel Talent, dass Gordy festhält: „Der Titel ,King of Pop‘ ist nicht genug. Er war einfach der größte Entertainer aller Zeiten.“

Neben Jacksons musikalischem Talent heben Redner wie die beiden Basketballstars Magic Johnson und Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers sein soziales Engagement hervor. Jackson habe den Weg bereitet für den großen Erfolg weiterer Afroamerikaner. Bürgerrechtler Al Sharpton wendet sich in einer flammenden Rede gegen die vielen Anfeindungen, mit denen Jackson Zeit seines Lebens fertig werden musste. „Nicht auf die Narben seines Gesichts“ solle sich die Öffentlichkeit konzentrieren, sondern sich stets daran erinnern, welche Schranken und Barrieren Jackson im Dienste der Afroamerikaner eingerissen hat. Dafür wird Sharpton von Jacksons Familienmitgliedern lange umarmt.

Musikalisch steht die Zeremonie ganz im Zeichen des Soul. In einem gefühligen Duett tragen Mariah Carey und Trey Lorenz die Jackson-5-Ballade „I’ll Be There“ vor. R-’n’-B-Sänger Lionel Richie führt in Begleitung eines Gospelchors seinen Hit „Jesus is Love“ auf. Lang anhaltenden Applaus gibt es für den Auftritt des merklich bewegten Stevie Wonder. Er sagt, dies sei ein Moment, „von dem ich wünschte, dass ich ihn nicht mehr erleben müsste“. Wonder fügt hinzu: „So sehr wir fühlen, dass wir Michael brauchen, Gott muss ihn noch mehr brauchen.“ Gänsehaut löst auch Souldiva Jennifer Hudson aus, die mit flackernder Stimme Jacksons hymnisches „Will You Be There“ singt. Jacksons zittriger Sprechpart am Ende des Songs kommt vom Band, was vielen Freunden und Fans in der Halle erneut Tränen in die Augen treibt.

Einige geladene Freunde Jacksons bleiben dem mehrstündigen Spektakel fern. Darunter auch die ihm nahestehende Elizabeth Taylor. „Ich kann nicht Teil dieses öffentlichen Tamtams sein“, kritisiert die 77-Jährige über den Internetdienst Twitter. „Ich glaube einfach nicht, dass Michael gewollt hätte, dass ich meine Trauer mit Millionen anderer teile.“

Letzter Vorhang
 für „Jacko“

Das golden glitzernde Plastikarmband, die Eintrittskarte zur Trauerfeier, halten die Fans in die warme Sommerluft von Los Angeles hoch wie eine Trophäe. Als sei dies tatsächlich nicht nur ein Stück Plastik, sondern ihr wertvollster Besitz. Und das ist es in diesem Moment tatsächlich, an dem Tag, an dem Michael Jackson mit der groß inszenierten Trauer um seinen Tod endgültig Geschichte schreibt. Mit einer medialen Trauerinszenierung, die es so seit dem Tod von Prinzessin Diana nicht mehr gegeben hat – und noch ein bisschen größer.

Dabei sollte es keine „TV Show“ sein, keine Vermarktung des Ablebens eines der größten Popstars, sagen die Veranstalter noch Montag – und doch war das riesige weltweite Interesse um Jacksons endgültigen Abschied am Dienstag zu erwarten gewesen.

Die Tribünen vorm Staples Center, dem Ort der Gedenkfeier, sind nicht für Fans, sondern für die Medien reserviert. Mehr als 500 Kameras und mehr als 1000 Journalisten berichten in die ganze Welt. Jedes Fleckchen vor der Arena ist an Fernsehteams verteilt. Mehrere Hundert Millionen Zuschauer verfolgen weltweit die Gedenkfeier vorm Fernseher oder bei Leinwandübertragungen. In Berlin schauten 5000 Jackson-Fans in der O2-Arena am Ostbahnhof zu. Ein weltweites Spektakel, obwohl Popstar Jackson seit Jahren nur noch mit Skurrilitäten die Boulevardspalten gefüllt hat.

In Los Angeles ist der Auftrieb zumindest auf den Straßen geringer als erwartet: Mit bis zu einer Million Besuchern rund um die große öffentliche Abschiedsshow mit Stars und Weggefährten des „King of Pop“ rechnete die Polizei, am Ende sind es nur etwa Tausend, viele haben auf die Warnungen der Sicherheitskräfte gehört. Wer dennoch gekommen ist, hält Fotos des Idols hoch, ein Mann trägt auf dem Rücken einen Flachbildschirm, auf dem Jacksons Videos laufen.

Um 10 Uhr in Los Angeles, also um 19 Uhr in Deutschland, beginnt die Abschiedszeremonie. Für ein paar Stunden ist die Stadt ausgebremst, als die grelle Sonne über den Hügeln von Hollywood steht und zahlreiche Helikopter über der Metropole kreisen. Für den Autokorso mit Jacksons Sarg, der etwa 20 Kilometer vom Friedhof bis zur Gedenkfeier zurücklegen muss, werden mitten im morgendlichen Berufsverkehr ganze Straßen abgeriegelt.

Die Stadt der Stars und Sternchen tut alles dafür, die Michael-Jackson-Fans geordnet auf Abstand zu halten. Die private Trauerfeier des engsten Familien- und Freundeskreises auf dem Promi-Friedhof „Forest-Lawn“ ist weiträumig abgesperrt. Auch in der Innenstadt der Metropole gibt es rund ums Staples Center kein Durchkommen. Ein Barrikadenring um zwölf Blocks hindert die Fans daran, dem elitären Geschehen zu nahe zu kommen – auch jene, die Karten haben, können die Absperrungen nur mit Schwierigkeiten passieren.

Und Karten haben nicht viele: Nur 11 000 Fans dürfen an der Trauerfeier im Staples Center teilnehmen, 6500 bekommen Tickets für die Videoübertragung im benachbarten Nokia Theatre. 1,6 Millionen hatten sich im Internet um die kostenlosen Tickets bemüht. Vor dem Staples Center seien einige Schwarzmarkthändler festgenommen worden, berichten Fans in TV-Interviews – der Handel mit den Karten war strengstens verboten worden.

Bereits am Montag sagt der stellvertretende Polizei-Chef von L.A., Jim McDonnell, die Fans sollten zu Hause bleiben und den Fernseher anschalten. „Vor Ort werden sie eh nichts zu sehen bekommen.“ Wie denn auch. Videoleinwände sind nicht aufgestellt, auch keine Lautsprecher – von der eigentlichen Trauerfeier kriegen die Fans in Los Angeles nichts mit, obwohl sie nur einige Kilometer entfernt sind.

Doch dabei sein ist alles. Mancher ist um die halbe Welt geflogen – und hat am Ende nichts gesehen oder lediglich am Jackson-Stern am „Walk of Fame“ Blumen niedergelegt. Die Fans machen sich ihr Programm selber und feiern vorm Fernseher, in den Restaurants und Kinos von Los Angeles, in denen die Gedenkfeier übertragen wird, ihren eigenen Jacko-Abschied. Was bleibt ihnen anderes übrig, man hat sie ausgesperrt vom Geschehen. Einige Airlines melden, alle Flüge nach L.A. seien ausgebucht, das Hotel- und Gaststättengewerbe der 13,9-Millionen-Metropole rechnet mit einem Einnahmeplus von vier Millionen Dollar. Tausende Polizisten und Feuerwehrleute sind vor Ort.

Die Kosten für die Sicherung der Großveranstaltung – mehrere Millionen Dollar – trägt der klamme US-Bundesstaat Kalifornien. Matt Szabo, Sprecher des Bürgermeisterbüros, sagt, die Stadt rechne mit Kosten von „zwei bis drei Millionen Dollar“. Man hoffe auf einen finanziellen Beitrag von Jacksons Familie.

Trotz aller wirklichen Trauer, all der Tränen von Fans im Staples Center und an den Fernsehschirmen der Welt ist die Trauerfeier am Ende ein Fernsehprodukt, eine Inszenierung durch die und für die Medien, denen die Jackson-Familie eine kostenlose Übertragung des Großereignisses ermöglicht hatte.

So ist auch der Tod des „King of Pop“ – wie schon sein Leben – eine große Show der Superlative. Schreibe jeden Tag deine eigene Geschichte, sang Michael Jackson im Jahr 1995 in dem Song „History“. Diese Devise gilt für den Popstar selbst am Tage seiner Beerdigung.

Von Hannah Suppa und Marina Kormbaki

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