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Panorama Ein Baby als Herzensöffner
Nachrichten Panorama Ein Baby als Herzensöffner
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22:59 03.05.2013
Therapie im Schulunterricht: Baby mit Bremer Fünftklässlern. Quelle: Stengel
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Bremen

Kein gutes Vorbild, dieser Lehrer! Kommt einfach zu spät in die Klasse – weil er verschlafen hat. Aber Ole darf das. Er ist erst sieben Monate alt und soll an diesem Vormittag an einer Oberschule in Bremen-Nord den Kindern der 5b etwas beibringen: Einfühlungsvermögen und Achtsamkeit. Wenn er auf dem Schulweg im Autositz einschläft, dann geht die Stunde eben später los. Geduldig warten die 20 Fünftklässler minutenlang auf Ole. Viele von ihnen stammen aus schwierigen Verhältnissen. Jetzt sitzen sie brav rund um eine große grüne Decke, die sie nicht betreten dürfen: Oles Revier.

Seit Herbst 2012 besucht das Baby etwa einmal im Monat mit seiner Mutter und einem „Trainer“ die Klasse, weil diese bei einem internationalen Projekt namens „Roots of Empathy“ („Wurzeln des Einfühlungsvermögens“) mitmacht. Deutschland ist der zehnte Staat, der sich daran beteiligt: mit insgesamt neun Klassen an drei Bremer Oberschulen – und neun Babys als Herzensöffnern. „Ole kommt“, ruft Empathie-Trainer Steffen Gentsch, als der wach gewordene Säugling von seiner Mutter Stephanie F. (35) in den Klassenraum getragen wird. Damit jeder weiß, wer hier der Lehrer ist, trägt Ole ein weißes T-Shirt: „Teacher“. Alle Kinder erheben sich wie für einen Staatsgast und singen „Hallo, lieber Ole, wie geht es dir?“

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Die Mutter schreitet mit dem Baby die Ehrenformation ab, jedes Kind fasst ihm zur Begrüßung an die Füße und strahlt dabei über beide Wangen. Ole lacht und streckt manchmal selber einen Arm aus.

„Er hat gerülpst“

Ein Thema heute: „Meilensteine“. Welche Entwicklungsschritte hat das Baby seit letztem Monat gemacht? „Er hat sich die ganze Zeit bewegt“, hat ein Mädchen beobachtet. „Er hat gerülpst“, ist einem Jungen aufgefallen. Nächstes Thema: Sicherheit. In der Vorbereitungsstunde, die jedem Babybesuch vorausgeht und durch eine Nachbereitung ergänzt wird, hat die Klasse über Gefahren in der Wohnung nachgedacht.

Nach einer halben Stunde: leichtes Quengeln. „Worauf deutet das hin?“, will Gentsch wissen. „Ihm wird das hier ein bisschen zu viel“, antwortet ein Junge. Ein Mädchen dagegen findet: „Er ist traurig, weil die Stunde zu Ende ist.“ Na ja, auf jeden Fall ist jetzt Schluss. Nur noch ein Abschiedsrundgang mit Füßeschütteln und Gesang: „Bis bald, lieber Ole, auf Wiedersehen!“ Wer kommt nur auf solche Ideen? Eine kanadische Erzieherin namens Mary Gordon.

Seit 1996 verbreitet ihre mittlerweile gemeinnützige Organisation das Lernprogramm in immer mehr Ländern, sucht teils mit Annoncen nach passenden Eltern und bildet an den Teilnehmerschulen die Trainer aus – zum Beispiel den Sonderpädagogen Gentsch: 639 Seiten Lehrplan in fünf Tagen.

Die Kosten, allein 100.000 Euro für die neun Bremer Klassen, trägt hier die Hamburger API Kinder- und Jugendstiftung.  Anspruchsvoll sind die Ziele: Indem die Schüler die Bedürfnisse des Babys kennenlernen und seine Beziehung zu Mutter oder Vater beobachten, sollen sie lernen, auch untereinander fürsorglicher und mitfühlender zu werden.  Und? Funktioniert es? „Wir haben auf jeden Fall ein ganz, ganz tolles Klima“, sagt Klassenlehrer Sven Heidelberg. Oles Besuche seien dafür „ein wichtiger Baustein“. Auch manche Schüler sagen nach der Babystunde, ja, sie seien inzwischen netter zueinander.