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Panorama Experte nach Ostsee-Todesfall zu Vibrionen: Infektion kann innerhalb von 24 Stunden tödlich sein
Nachrichten Panorama Experte nach Ostsee-Todesfall zu Vibrionen: Infektion kann innerhalb von 24 Stunden tödlich sein
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06:59 09.08.2019
In Mecklenburg-Vorpommern ist eine Frau nach einem Ostsee-Bad an einer Vibrionen-Infektion gestorben. Quelle: Bernd Wüstneck
Rostock

Nach dem Todesfall durch Vibrionen in der Ostsee spricht der Greifswalder Hygiene- und Umweltmediziner Professor Axel Kramer im Interview über die gefährdeten Personen und die Ursachen für die Verbreitung der Bakterien.

Professor Kramer, Vibrionen geistern in diesen Tagen zum Teil als Killer-Bakterien durch die Medien. Ist das übertrieben?

Axel Kramer: Ja, das ist tatsächlich übertrieben. Die Erkrankung kann zwar tödlich enden, aber als Killer-Bakterien würde ich nur Bakterien bezeichnen, die viele Menschen gefährden. Bei den Vibrionen handelt es sich bislang um Einzelfälle. Alle Menschen, die daran gestorben sind, hatten schwere Grunderkrankungen. Das ist also keine Eigenschaft der Bakterien selbst, sondern eine des Wirtsorganismus', der diese schweren Verläufe bis zum Tod begünstigt.

Sie selbst würden also in der Ostsee baden gehen?

Natürlich!

Dennoch denkt man, dass es heute lebensgefährlich wäre, wenn man wie früher als Kind mal mit einem aufgekratzten Mückenstich in der Ostsee badet. Wie können Menschen sich schützen?

Folgende Dinge müssen zusammenkommen: Die Patienten haben eine offene Wunde, ein Ekzem oder ähnliches. Und wenn dann Erkrankungen vor allem der Leber oder des Herzens vorliegen oder auch Formen der Diabetes oder ein Alkoholismus, dann kann ein Kontakt mit Vibrionen tödlich sein. Mir ist bisher kein Fall bekannt, bei dem ein gesunder Mensch durch Vibrionen in der Ostsee erkrankt ist. Eine Wunde allein genügt nicht. Für Menschen mit einem Risiko gilt: Nicht ins Wasser, auch nicht mit nackten Füßen am Strand spazieren gehen.

Im Video: Frau stirbt nach Ostsee-Bad an Vibrionen-Infektion

Was machen diese Bakterien genau?

Die Bakterien geben Gifte ab und können damit schwere Wundinfektionen verursachen. Wenn der Mensch dann geschwächt ist, breitet sich die Infektion im Körper aus. Deshalb müssen Chirurgen selbst schon im Anfangsstadium ziemlich drastisch hergehen und relativ viel Gewebe entfernen. Gelangen die Erreger sogar bis in die Blutbahn, kann es zu einer Sepsis mit tödlichem Verlauf kommen.

Dennoch nehmen durch Vibrionen verursachte Erkrankungen generell zu.

Das hängt mit dem Klimawandel und steigenden Wassertemperaturen zusammen. Ab 20 Grad aufwärts steigt die Vermehrung der Vibrionen stark an. Entlang der Ostsee-Anrainer beliefen sich die Fallzahlen 1985 auf weniger als zehn, seit 2010 liegen die Zahlen bei etwa 30 im Jahr und nehmen seitdem weiter zu.

Kommen Vibrionen überall in der Ostsee vor?

Wir tragen zurzeit gemeinsam mit anderen Hochschulmedizinern im Norden die aktuellen Fallzahlen entlang der gesamten Ostseeküste zusammen. Das ist ziemlich aufwendig, weil der Erreger nicht meldepflichtig ist, außer, wenn es zu einem schweren Krankheitsverlauf kommt. Noch gibt es keine Ergebnisse, aber aus meiner Sicht müssten die Fallzahlen in Schleswig-Holstein höher sein als in Mecklenburg-Vorpommern, da der Salzgehalt in der Ostsee von West nach Ost abnimmt. Vibrionen vermehren sich um so stärker, je höher der Salzgehalt in einem Gewässer ist. Das heißt aber auch: Das Baden in Binnenseen ist völlig unbedenklich.

Müssten Ärzte nicht besser sensibilisiert werden, um Erkrankungen, die durch Vibrionen ausgelöst werden, schneller zu erkennen? Gerade, wenn die Fallzahlen steigen.

In der Universitätsmedizin Greifswald haben wir alle Ärzte in der Notaufnahme, in der Unfallchirurgie und in der allgemeinen Chirurgie dahingehend sensibilisiert, dass sie beim geringsten Verdacht an diese Erkrankung denken. Das ist wichtig. Der Krankheitsverlauf kann so dramatisch schnell vonstatten gehen, dass man innerhalb von 24 Stunden sterben kann. Aber ein gesunder Mensch könnte das Ostseewasser auch trinken, ohne hinterher eine Infektion zu haben.

Was sollte man trotzdem auch als gesunder Mensch besser nicht tun?

Ich würde davon abraten, Meeresfrüchte wie Krabben roh zu essen. Die leben im Schlick, wo der Salzgehalt noch höher ist. Das könnte zumindest zu Durchfall führen. In ganz seltenen Fällen könnte eine Sepsis folgen. Das ist für die Ostsee aber kein Thema.

Müssten nicht auch Allgemein-Mediziner verstärkt auf die Gefahr hingewiesen werden?

Ja, die Gesundheitsämter unseres Bundeslandes haben sowohl in den touristischen Zentren als auch in Hotel- und Kurorten Informationen ausgelegt, in denen darauf hingewiesen wird. Die Hausarztpraxen dort sind ebenfalls informiert worden.

Gibt es weitere Erreger, die bisher eher unauffällig waren, aber nun durch den Klimawandel auch bei uns aktiv werden könnten?

Ich rechne damit, dass wir es eines Tages wieder mit der Malaria zu tun haben werden. Die gab es bis 1945 im Peenetal bei Anklam. Wenn jemand nun eine Malaria-Mücke einschleppt, könnte die sich angesichts der warmen Temperaturen auch bei uns in der Mückenpopulation ausbreiten. Das ist vielleicht unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Was würde man dagegen tun?

Zunächst müsste man eine Mückenbekämpfung durchführen. Aber wenn die Sache richtige Ausmaße annimmt, würde man eine Malaria-Prophylaxe starten. Dass es die Malaria bis 1945 im Peenetal gab, ist heute kaum noch jemandem bekannt. Ich bin auch durch Zufall darauf gestoßen.

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RND/OZ/Benjamin Fischer

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