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Panorama Japan erlebt das schlimmste Erdbeben seit 140 Jahren
Nachrichten Panorama Japan erlebt das schlimmste Erdbeben seit 140 Jahren
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13:19 25.03.2011
Neben dem Erdbeben richtete die Tsunami-Flutwelle verheerende Schäden an. Quelle: dpa
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Gebäude fallen wie Kartenhäuser zusammen, eine gigantische Flutwelle reißt Autos, Häuser und Menschen mit, Fabriken explodieren: Das schlimmste Erdbeben in Japan und ein Tsunami haben dem Land Tod und Zerstörung gebracht. Bei dem Beben der Stärke 8,9 gab es am Freitag auch Störfälle in Atomkraftwerken. Die Regierung rief Atomalarm aus. Weltweit löste das Beben in Pazifikländern Tsunamiwarnungen aus. Die Flutwelle sollte sowohl die gesamte Westküste der USA als auch die pazifische Küste in Russland und in Südamerika treffen.

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Gegen 14.45 Uhr Ortszeit (06.45 Uhr) fing der Boden in Japan an zu beben. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und knapp 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio. In der besonders betroffenen Präfektur Miyagi im Nordosten traf eine zehn Meter hohe Welle auf die Küste, die Lastwagen, Gebäude und Menschen verschlang. Nach ersten Angaben kamen mindestens 60 Menschen ums Leben, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Jedoch werden wesentlich mehr Opfer erwartet, da zahlreiche Menschen vermisst werden.

Hinweise auf deutsche Opfer gab es bisher nicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die EU und US-Präsident Barack Obama boten Japan rasche Hilfe an. Außenminister Guido Westerwelle erklärte, die Kommunikation in das Katastrophengebiet sei sehr schwer. Im Nordosten Japans leben etwa 100 Bundesbürger, so Westerwelle.

Sorge bereiteten vor allem Störfälle in Atomkraftwerken: In einem Turbinengebäude des Atomkraftwerks Onagawa in der Präfektur Miyagi brach ein Feuer aus. In einem Werk in Fukushima gab es Probleme mit dem Kühlwasser. Im Umfeld von zwei Kilometern wurden nach Medienangaben Evakuierungen angeordnet.

Das Feuer in Onagawa wurde nach Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA gelöscht. Nach Angaben der japanischen Behörden wurde nach dem Erdbeben keine ausgetretene Radioaktivität gemessen. Regierungschef Naoto Kan hatte Atomalarm ausgerufen. Es seien jedoch keine radioaktiven Lecks in oder in der Nähe von Atomkraftwerken festgestellt worden. Die Regierung habe den Notfall ausgerufen, damit die Behörden leicht Notfallmaßnahmen ergreifen können, sagte ein Regierungssprecher. Zuvor hatte Kan erklärt, dass fünf Reaktoren in der am schwersten betroffenen Region im Nordosten der Hauptinsel Honshu automatisch heruntergefahren wurden.

Das Fernsehen zeigte Bilder furchtbarer Verwüstungen in dem asiatischen Land. Japan ist die drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, weshalb das Beben auch Auswirkungen auf die Aktienmärkte hatte. Erdbeben sind in dem Land keine Seltenheit.

Am schwersten betroffen war die Präfektur Miyagi mit der Hauptstadt Sendai im Nordosten. Eine zehn Meter hohe Flutwelle traf nach Angaben der Agentur Kyodo die Küste rund um die Hafenstadt, in der etwa eine Million Menschen leben. Der Hafen wurde ebenso überflutet wie Fischerdörfer. Im Fernsehen war zu sehen, wie die Flutwelle Schiffe, Lastwagen, Autos und Trümmer vor sich her in die Stadt schob. Flüsse traten über die Ufer. Die Behörden riefen die Küstenbewohner auf, sich in höher gelegene Gebiete oder in obere Stockwerke zu retten. Es drohten weitere Tsunamis.

Es könne weitere starke Nachbeben geben. Auch wurde ein Schiff mit rund 100 Menschen an Bord fortgespült. Das berichtete die Polizei in Miyagi.

Das Beben ist nach Einschätzung von Forschern mit dem Tsunami im Dezember 2004 in Südostasien vergleichbar. Es sei zwar nicht ganz so groß, aber in derselben „Preisklasse“, sagte der Seismologe Michael Weber vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Über Monate kann es auch noch schwere Nachbeben mit Stärken bis zu 8 geben, betonten Wissenschaftler.

Der japanische Wetterdienst teilte mit, dass in der Stadt Soma im Nordosten ein Tsunami mit einer Wellenhöhe von mehr als 7,3 Metern gemessen wurde. Die Regierung der Metropolregion Tokio erklärte, dass sie 19 ihrer Fluttore geschlossen hat, um sich auf einen möglichen Tsunami vorzubereiten. Das japanische Innenministerium teilte nach Angaben des Senders NHK mit, in Städten und Präfekturen seien etwa 100 Brände gemeldet worden.

Aus der Provinz Iwate waren bei dem Sender NHK Straßenzüge mit eingestürzten Häusern zu sehen. In Tokio waren die Telefonnetze stundenlang überlastet, Menschen konnten ihre Angehörigen nicht erreichen. Mehr als vier Millionen Haushalte waren ohne Strom. Die U-Bahn wurde geschlossen genauso wie Flughäfen in der Region. Nach Angaben der Zuggesellschaft East Japan Railway wurde der Zugverkehr im Nordosten Japans zu großen Teilen eingestellt. Betroffen waren sowohl der Schnellzug Shinkansen als auch lokale Zugverbindungen.

Auf den Straßen bildeten sich lange Staus, an den Bahnhöfen strandeten massenweise Pendler. Viele Menschen trugen Helme aus Angst vor herabstürzenden Gegenständen. Mehrere Nachbeben hielten die Bewohner in Atem. „Es war wie auf einem großen Dampfer mitten im Sturm“, sagte der Schweizer Designer Oliver Reichenstein in Tokio. Wenn man das dreizehnte, vierzehnte und fünfzehnte Mal durchgerüttelt wird, ist man schon zittrig.“

Der Tsunami schwappte auch in die Stadt Natori in der Präfektur Tochigi. In Autos und Häusern seien Menschen weggeschwemmt worden, berichtete der Sender NHK. Die örtlichen Behörden seien nicht in der Lage, den Menschen zur Hilfe zu kommen. Die Katastrophe sei so schlimm, dass selbst örtliche Rettungsdienste zusammengebrochen seien.

Der Leiter des Goethe-Instituts in Tokio, Raimund Wördemann, sagte der Nachrichtenagentur dpa etwa eine Stunde nach dem ersten Erdstoß während eines Nachbebens: „Wir müssen hier erst einmal die Ruhe bewahren.“ Es gebe im Gebäude keinen absoluten sicheren Raum. „Es gibt nur eben die Aussage, das Gebäude selbst sei besonders sicher, so dass wir hier mit Helm auf dem Kopf und teilweise unter den Tischen kauernd im Moment noch ausharren.“

Das japanische Kabinett kam zu einer Krisensitzung zusammen. Das Verteidigungsministerium schickte Kampfflugzeugen los. 900 Einsatzkräfte der Polizei wurden in den Nordosten von Honshu geschickt. Die Region war erst am Mittwoch von einem Erdbeben der Stärke 7,3 getroffen worden. Dieses Beben verlief allerdings glimpflich.

In etwa zahlreichen anderen Pazifikländern rüsteten sich die Menschen für die Tsunamiwelle und brachten sich in Sicherheit: Auf der US-Pazifikinsel Hawaii wurde eine Tsunami-Warnung ausgelöst. Die Behörden an der Westküste der USA warnten die Bewohner vor einer Flutwelle. In Neah Bay im US-Staat Washington wird die Welle um 7.18 Uhr Ortszeit (16.18 Uhr MEZ) erwartet. Allerdings sei die erste Welle nicht unbedingt die stärkste, erklärte das Tsunami-Warnzentrum für die Westküste und Alaska.

Auch auf Indonesien, den Philippinen und an der russischen Pazifikküste wurde Tsunamialarm ausgerufen. Länder wie Taiwan gaben allerdings Entwarnung, der befürchtete Tsunami blieb dort aus. In Südamerika soll die Welle kurz vor Mitternacht Orstzeit (Samstag 04.00 Uhr MEZ) zuerst den Norden Chiles erreichen.

dpa

11.03.2011
11.03.2011
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