Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Panorama Angstfrei über den Wolken
Nachrichten Panorama Angstfrei über den Wolken
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:54 25.07.2014
Drei Flugzeugunglücke innerhalb weniger Tage – das verunsichert viele Menschen, die dieser Tage in ein Flugzeug steigen. Quelle: dpa
Anzeige
Berlin

Ist Fliegen heute deutlich unsicherer geworden?
Nein. Fliegen ist nach wie vor sehr, sehr sicher. Wir hatten im letzten Jahr ein extrem gutes Jahr. 2013 war das sicherste Jahr überhaupt, seitdem wir die Statistik führen. Das war eine Ausnahme. Vielleicht pegelt es sich jetzt gerade mal wieder ein klein wenig in die andere Richtung ein. 2014 ist bisher leider nicht so gut verlaufen. Aber im statistischen Mittel gesehen gibt es keinen Grund zur Sorge.

Flugreisen sollen immer billiger werden. Das erhöht den ökonomischen Druck. Umwege bei Flugrouten kosten Kerosin und Zeit. Wie stark ist die Versuchung, dass Fluggesellschaften wegen des ökonomischen Drucks beim Flugbetrieb etwas mehr ins Risiko gehen?
Der ökonomische Druck sorgt natürlich schon dafür, dass man in allen Bereichen zwei- bis dreimal hinschaut, ob nicht noch etwas eingespart werden kann. Privatunternehmen, die vielleicht auch noch an der Börse sind, stehen unter dem besonderen Druck, Gewinne abzuwerfen. Irgendwo beeinflusst das natürlich auch die Sicherheit. Überall werden Polster abgebaut, die es früher noch gab. Früher ging der Fokus in die Richtung, dass man möglichst sicher operieren wollte, um die Menschen zu überzeugen, in ein Flugzeug zu steigen. Da standen die Gewinne nicht im Vordergrund. Heutzutage ist die Situation eine andere. Da kommt man dann vielleicht in der einen oder anderen Frage zu anderen Entscheidungen, die man früher so nicht getroffen hätte.

Anzeige

Wächst die Unsicherheit, weil weltweit immer mehr Krisen aufbrechen, also auch immer mehr Flugrouten „unsicher" werden?
Wir fliegen heute wesentlich mehr Länder in höheren Frequenzen an. Deshalb kommen auch immer mehr Krisenherde ins Spiel, die sich aber auch ändern. Krisenherde gab es schon immer. Ich erinnere nur an den früheren Krisenherd im ehemaligen Jugoslawien. Man muss eine Risikobetrachtung jedes Einzelfalls vornehmen. Die Frage, ist ein Überflug noch verantwortbar, stellt sich manchmal täglich neu. Wenn es zu unsicher ist, muss man auch rasch den Mut haben, konsequent zu handeln. Dabei darf man nicht vergessen, dass wir natürlich auch immer mehr dem Wettbewerb ausgeliefert sind, wodurch es verstärkt zum „Lemming-Effekt" kommt: Wenn eine Airline anfängt, irgendwohin zu fliegen, dann fühlen die anderen sich natürlich unter Druck gesetzt dies auch zu tun. Es wird schwer zu argumentieren, warum man selber dann dort nicht hinfliegt. Das erleben wir gerade mit Tel Aviv. Es müssen auf internationaler Ebene Instrumentarien geschaffen werden, die einen vergleichbaren Standard gewährleisten, so dass sich der wirtschaftliche Druck nicht zu sehr auf Sicherheitsentscheidungen auswirkt. Wir spüren das leider auch in anderen Bereichen der Sicherheit, dass immer mehr die Sicherheitspolster abgebaut werden. Es wird bis runter zum absoluten gesetzlichen Minimum abgebaut, gespart, reduziert. Dem müssen wir etwas entgegensetzen, wenn wir nicht eine Zunahme an Unfällen sehen wollen.

Wächst die allgemeine Unsicherheit durch das neue Risiko des vermutlichen Abschusses über der Ukraine in über 10.000 Meter?
Das ist auf jeden Fall eine neue Qualität. Hier muss man natürlich schon die Frage stellen: Warum wurde da nicht entsprechend reagiert? Haben die Geheimdienste das verschlafen? Oder haben die Airlines das verschlafen? Oder warum hat man da nicht reagiert, nachdem bekannt war, dass hier eine Militärbasis überrannt wurde.

Welche Flugrichtung sollten aktuell diejenigen vermeiden, die sowieso schon Flugangst haben?
Flugangst ist bei den meisten Menschen nicht unbedingt abhängig von der Himmelsrichtung, in die sie fliegen. Man braucht sich aus meiner Sicht jetzt keine größeren Gedanken machen. Gerade nach dem jüngsten furchtbaren Unglück über der Ukraine sind alle höchst konzentriert, solche Risiken zu meiden. Heute kommt man im Zweifelsfall bei der Risikoabschätzung vielleicht zu anderen Entscheidungen als noch vor zwei oder drei Wochen. Lufthansa hat zurzeit auch ihre Flüge nach Tel Aviv ausgesetzt. Wir begrüßen das ausdrücklich. Man ist heute konservativer unterwegs als noch vor einiger Zeit.

Interview: Dieter Wonka

Mehr zum Thema

Beim Flugzeugabsturz der Maschine von Air Algerie in Mali am Donnerstag ist auch eine vierköpfige Familie aus Deutschland ums Leben kommen. Das sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts am Freitag in Berlin.

25.07.2014

Französische Soldaten entdecken das Wrack des Air-Algérie-Flugzeugs in einem unwegsamen Wüstengebiet im Norden Malis. Alle 116 Passagiere sollen bei dem Unglück ums Leben gekommen sein. Schuld am Absturz ist offenbar das Wetter.

25.07.2014

Die US-Luftaufsichtsbehörde FAA führt Mali als eines der Länder, in denen Flugzeugen Gefahr von Raketen droht. Jetzt stürzt in dem Krisenstaat eine vor allem mit Franzosen besetzte Maschine ab. Niemand mag ein Verbrechen ausschließen.

24.07.2014