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Panorama Kasseler Verein kämpft gegen Genitalverstümmelung
Nachrichten Panorama Kasseler Verein kämpft gegen Genitalverstümmelung
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15:09 30.11.2009
Die Vorsitzende des Vereins FGM e.V. (Female Genital Mutilation): Azieb Weldemariam Quelle: ddp
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Die 58-Jährige hat zwei ihrer Töchter einst selbst beschneiden lassen, heute ist sie im Kasseler Verein „Stop Female Genital Mutilation“ aktiv. Die Initiative hat in den fünf Jahren ihres Bestehens zahlreiche Frauen beraten, außerdem setzt sie sich für mehr Aufklärung von Ärzten ein.

Tagu Aberahm ist vor 24 Jahren aus Eritrea geflohen. Dort sei sie als kleines Mädchen beschnitten worden. „Ich war noch zu jung, um mich daran zu erinnern“, sagt sie. Daher wisse sie nicht, ob sie mit einer Rasierklinge oder einer Schere, einer Glasscherbe oder einem Angelhaken, den bloßen Fingernägeln oder dem Deckel einer Konservendose beschnitten wurde - ohne Narkose. Diese grausamen Verstümmelungsrituale sind in diesen Ländern immer noch an der Tagesordnung. „Als Soldatin im Kriegseinsatz in Äthiopien habe ich Frauen bei der Geburt beigestanden - und dabei erlebt, dass viele noch stärker verstümmelt waren“, berichtet Aberahm. Frauen, die nicht nur an Klitoris und Schamlippen beschnitten, sondern deren Vagina fast vollständig zugenäht war.

Dennoch habe sie als Mutter eines Sohnes und dreier Töchter zunächst an dem Ritual festgehalten, berichtet Aberahm. Erst bei ihrem dritten Mädchen seien ihr Zweifel gekommen, zu diesem Zeitpunkt habe sie bereits in Nordhessen gewohnt und sich gefragt: „Warum unseren Kindern Schmerzen zufügen, wenn es überhaupt nicht notwendig ist?“ Im Verein FGM setzt sie sich gemeinsam mit anderen betroffenen Frauen sowie Professoren, Ärzten und Anwälten für mehr Aufklärung und Beratung ein. Auch die Landesregierung hat mittlerweile die Tragweite des Problems erkannt und jüngst eine Gesetzesinitiative gestartet: Künftig soll Genitalverstümmelung als eigener Straftatbestand aufgeführt und härter bestraft werden.

Für die Vereinsvorsitzende Azieb Weldemariam ist Genitalverstümmelung längst auch ein europäisches und ein deutsches Thema. „Rund 29 000 der weiblichen Flüchtlinge in Deutschland sind gefährdet“, betont die 40-jährige Eritreerin. Sie flüchtete mit 16 Jahren aus ihrer Heimat, ist heute Sozialpädagogin und Soziologin und arbeitet aktuell an ihrer Dissertation. Anfang nächsten Jahres will sie ein Buch über die psychische Situation eritreischer Flüchtlinge mit Genitalverstümmelung veröffentlichen, für das sie monatelang in Äthiopien und Eritrea recherchierte.

Die Gründe für die Tradition, die im Alltag tabuisiert werde, sind ihrer Meinung in Religion und Moralvorstellungen zu finden. So solle die Beschneidung die Jungfräulichkeit vor Verführung und Vergewaltigung schützen und die vermeintlich „zügellose Sexualität“ der Frauen dämpfen, sagt Weldemariam. Vor allem in ländlichen Regionen würden sogenannte Beschneiderinnen oder Hebammen den Akt unter „katastrophalen hygienischen Bedingungen“ meist ohne Betäubung vollziehen und dafür hohes soziales Ansehen genießen. Nicht nur lebensbedrohliche Infektionen, sondern auch lebenslange Schmerzen seien für die betroffenen Frauen oft die Folgen.

„Seit fünf Jahren kämpfe ich für eine spezielle Beratungsstelle in Kassel“, sagt Weldemariam. In Deutschland gebe es solche Einrichtungen nur vereinzelt in Großstädten. In Hessen biete zum Beispiel Frankfurt eine spezielle Beratung für afrikanische Flüchtlinge. Vorbild seien Länder wie Frankreich und England, dort gebe es mehr als 100 dieser Einrichtungen. Dabei sei gezielte Hilfe auch hier dringend notwendig, sagt die Vorsitzende. Nicht nur, weil viele Flüchtlinge von Genitalverstümmelung bedroht seien, sondern auch weil dieses Thema für Gynäkologen meist medizinisches Neuland sei.

Weldemariam erinnert sich daran, wie sie jüngst als Dolmetscherin eine junge Frau zum Frauenarzt begleitete. „Während der Untersuchung sprang der Arzt plötzlich auf, war im ersten Moment sichtlich schockiert“, berichtet die Vereinschefin. Die Patientin habe seine Reaktion als persönliche Diskriminierung empfunden. Es gebe auf beiden Seiten Unwissen und Missverständnisse, sagt Weldemariam. Zusätzlich betroffen mache sie, dass sich zunehmend auch westliche Frauen im Genitalbereich operieren ließen, um einem nicht nachvollziehbarem Schönheitsideal gerecht zu werden. Dafür fehlt ihr jegliches Verständnis: „Wer nicht gebildet ist, ist blind. Aber wenn das schon Gebildete machen, was soll man da machen?“

ddp

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