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Panorama Linken-Hochburg inmitten von Elfgeschossern
Nachrichten Panorama Linken-Hochburg inmitten von Elfgeschossern
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11:49 25.09.2009
Von Julia Beatrice Fruhner
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Berlin. Fenster, immer nur Fenster. Je näher die S-Bahn der Endhaltestelle kommt, desto mehr Hochhäuser säumen die Gleise, wie eine gleichförmige Armee kantiger Riesen. Groß und unbeweglich stehen sie da und versperren den Blick auf alles – die Wolken, das Grün, die Menschen in den Straßen. Dazwischen sind immer noch einige „Dienstleistungswürfel“ zu sehen. Dienstleistungswürfel zeigen den Pragmatismus in der ehemaligen DDR, wie er nüchterner nicht sein konnte: Hinter der grauen, zweigeschossigen Betonfassaden bekamen die Bewohner, was sie außer Lebensmitteln benötigten: Zeitungen, Blumen, einen neuen Haarschnitt. Die Lebensmittel kauften sie in der Kaufhalle nebenan. In den Regalen stand der ewige Einheitsbrei. Kaufhalle und Dienstleistungswürfel erreichten die Kunden zu Fuß. Sie gingen zum Fahrstuhl, fuhren fünf, sechs, elf oder dreizehn Geschosse hinab, traten auf die graue Straße und gingen an weiteren grauen „Elfgeschossern“ vorbei.

Inzwischen sind die Bettenburgen nicht mehr so grau. Ein ehemaliger Dienstleistungswürfel in Marzahn-Hellersdorf hat einen dunkelroten Anstrich. Eine ehemalige Kita leuchtet im Farbton einer reifen Himbeere. Er wird für Wahlergebnisse der Linken in Diagrammen gern benutzt. Marzahn-Hellersdorf, der Wahlkreis 86, ist nach Bundestagswahlen immer himbeerrot. 2005 holte Petra Pau dort 42,6 Prozent der Erst- und ihre Partei 34,4 Prozent der Zweitstimmen.

Woher kommt dieser große Erfolg? Weil die Bürger früher SED, dann PDS wählten und jetzt eben der Linkspartei ihr Kreuz geben? Weil die Arbeitslosenquote in Europas größter Großsiedlung zurzeit bei 15 Prozent liegt? Weil viele insgeheim denken, dass die DDR so schlecht gar nicht war? Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Auch Kommunalpolitiker Norbert Lüdtke muss erst überlegen. „Wir sind einfach näher dran“, sagt er dann. Lüdtke ist Stadtplaner und sitzt für die Linke im Bezirksrat von Marzahn-Hellersdorf. Er ist auf dem Weg zu einer Versammlung der Volkssolidarität, also jener Hilfsorganisation, die nach dem Krieg in der sowjetischen Besatzungszone gegründet wurde. Es gibt Kaffee und Mandarinen-Käse-Kuchen im Nachbarschaftstreff „Kiek in“, und die Stadtentwicklung ist das Thema der Runde. Kaffee plätschert in die Tassen, Porzellan klappert, Sahnegeruch vermischt sich mit Kondensmilchschwaden. Zwanzig Mitglieder haben Platz genommen, viele davon sind auch in der Linken. Eine Fragenstunde soll es werden, doch Lüdtke, der freundliche Quartiersmanager, fängt an zu erzählen – ungefragt.

Am Ende hat der Politiker ein Kurzreferat über das Programm „Stadtumbau Ost“ gehalten, als habe er den Anwesenden die Veränderungen in ihrem eigenen Wohngebiet erklären müssen. Um den Aufbau Ost vor der Wende ging es, als die SED die Wohnungsnot in den siebziger Jahren auf ihre Art löste und im Berliner Nordosten Platz für 200 000 Menschen schuf. Mit Hochhäusern aus Betonplatten, die übereinandergestapelt wahre Wohnmaschinen ergaben. Und um den Abbau Ost nach 1990, als die jungen Familien arbeitslos geworden und weggezogen waren, kaum noch Kinder auf den Spielplätzen schaukelten und Neubauten wieder massenhaft leerstanden. Nicht wenige riss man deshalb nieder. In dieser Zeit prägten die Einwohner von Marzahn und Hellersdorf einen Satz: „Wohnungen abreißen, das ist wie Brot wegschmeißen.“ Doch Lüdtke spricht lieber über das Musterbeispiel für den Stadtumbau Ost: die Ahrensfelder Terrassen. Einst waren sie ein Elfgeschosser mit Einheitsfassade. Jetzt haben sie nur noch fünf Etagen, einen mediterranen Anstrich, veränderte Grundrisse. Pflanzenkübel stehen auf großen Balkonen, über die Dachterrassen breiten sich Sonnenschirme.

Doch in der Versammlung der Volkssolidarität gibt es niemanden, der dort wohnt. Unwillen mischt sich zwischen Kuchenkrümel und kalten Kaffee. „Man will ja och ma ‘raus“, ereifert sich eine Dame im blassgelben T-Shirt. Sie könne über ihre Wohnung nicht meckern, aber es gebe keinen Balkon. Und das Café in der alten Kaufhalle, das sei „nu och nich mehr“. Ein Herr im pastellblauen Poloshirt sagt, dass es mit dem Rückbau der Wohnblöcke auch ein Minus an Kaufkraft gegeben habe. „Ein Kaffee muss sich eben rechnen“, sagt der Poloshirtträger und berichtet, dass Wasser in seine Wohnung eindringt, weswegen er sich jetzt einen Anwalt aus dem „Westteil“ der Stadt genommen habe. Die Linke nennt er notorisch weiter „PDS“

Früher wussten die Menschen im Stadtteil genau, wo sie abends ein wenig Anschluss finden konnten, sagt Lüdtke. Neben dem Dienstleistungswürfel und der Kaufhalle war eine Klubgaststätte. Vielleicht hat sie „Mühlengrund“ geheißen oder „Bärenschaufenster“. Jedenfalls gab es dort wie wohl in allen Klubgaststätten der ehemaligen DDR eine Kegelbahn. Da ging es nicht nur ums Beisammensein, sondern auch um etwas, das der Stadtplaner „soziale Kontrolle“ nennt. „Wenn es eine junge Frau gab, die ihr Kind vernachlässigte, dann fiel das auf und man steuerte dagegen“, sagt Lüdtke und blickt auf eine Brache neben dem Schorfheideviertel. Erst wollten die Bürger dort Schafe weiden sehen, sagten sie im Beteiligungsverfahren. Man einigte sich auf „Mufus“ – Multifunktionscontainer, die Platz bieten für ein Auto oder eine Werkstatt. Denn Dreiraumwohnungen bieten diesen Platz nicht, und Autos waren wegen der multifunktionalen Infrastruktur eigentlich gar nicht nötig.

Von der einstigen sozialen Kontrolle ist die Basis der Linken gar nicht weit entfernt. „Nehmen Sie Kleingärtner, Grundstücksnutzer, Nachbarschaftshilfe, Kinder, Jugend – die Durchdringung der Gesellschaft ist groß“, sagt Norbert Seichter und malt kleine, rote Punkte auf Papier. Seichter sitzt in der Geschäftsstelle in „Helle Mitte“, wie das Zentrum von Hellersdorf genannt wird. Die Fassaden sind neu, die Straßen breit, es gibt ein Einkaufscenter, in dem man sich verläuft und das, was man am Prenzlauer Berg wohl „hübsche kleine Cafés und Läden“ nennen würde. Seichter wird eingeengt von Stapeln mit Petra-Pau-Plakaten. „Diese Woche habe ich mir komplett freigenommen, da bin ich auf dem Lkw und plakatiere“, erzählt er. Eigentlich muss er sich gar nicht freinehmen, Seichter ist Berufspolitiker und Bezirksvorsitzender von Marzahn-Hellersdorf. Der Erfolg der Linken, sagt er, sei zu einem großen Teil Gregor Gysis Verdienst. Auch Seichter redet ununterbrochen, ungefragt wie Norbert Lüdtke. Meist eintönig ohne große Emotionen in der Stimme. Zwischendurch schaut er durch das große Glasfenster des Parteibüros. Die Straße, die Autoreifen, die Grasbüschel neben dem Bürgersteig – Seichter scheint das alles nicht zu sehen. Er blickt über die Grasbüschel hinweg in die Ferne. Doch manchmal, wenn er argumentiert, unterstreicht er das Gesagte mit pointierten Gesten.

Seine klaren, jungenhaften Augen schärfen sich. Auch jetzt, da er über Gregor Gysi redet, ist das so. Zum ersten Mal habe er ihn kurz nach dem Mauerfall bei einer Großdemo am Roten Rathaus gesehen. „Er hat gesprochen, und ich habe gemerkt, das ist ein Redetalent“, sagt Seichter. Und in diesem Rhetoriker sähen die Menschen die „Stimme des Ostens“. Diese Stimme sitzt zurzeit gern abends in den Talkshows, und wenn sie anhebt, um über den Wahlslogan „Reichtum für alle“ zu sprechen, rollen die Vertreter anderer Parteien schon mit den Augen. Norbert Seichter spricht an dieser Stelle gern vom „Gebrauchswert“ einer Partei. Die Theorie hinter der Politik sei das eine – „aber wenn die Leute sehen, dass wir uns für das Sozialticket einsetzen oder bei Hartz-IV-Anträgen helfen, hat die Partei für sie einen Gebrauchswert“, und wirft einen durchdringenden Blick auf die Plakate der Spitzenkandidatin im Wahlkreis. „Petra Pau direkt“. steht darauf. „Sie wird es auch wieder schaffen“, sagt Seichter überzeugt.