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Panorama Angeklagter löst Kreuzworträtsel
Nachrichten Panorama Angeklagter löst Kreuzworträtsel
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21:06 08.08.2013
Von Michael Zgoll
Der 25-jährige Mann steht im Verdacht eine 44-jährige Frau erstochen zu haben. Quelle: Nigel Treblin
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Hannover

Die Szenerie wirkt unwirklich. Auf dem Zeugenstuhl referiert ein Rechtsmediziner der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) über den gewaltsamen Tod einer Frau und die Zerstückelung ihrer Leiche, von der Ende Oktober 2012 sieben Körperteile im Maschsee gefunden wurden. Die Eltern und der – erwachsene – Sohn der getöteten Andrea B. hören sich die Details über das Sterben der 44-Jährigen und das perverse Treiben ihres Mörders mit versteinerten Gesichtern an. Und der Angeklagte? Tut, als wenn ihn das alles nichts angeht. Löst Kreuzworträtsel.

Am Donnerstag hat vor dem hannoverschen Schwurgericht der Prozess gegen Alexander K. begonnen. Die Anklage wirft dem 25-Jährigen vor, B. in seiner Wohnung in der Hildesheimer Straße ermordet zu haben.

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Drei Motive, so führt Staatsanwältin Maidie Schenk aus, hätten den in Kiew geborene Ukrainer mit deutschem Pass zu der fürchterlichen Tat bewegt: Mordlust, Befriedigung seines Geschlechtstriebs und niedrige Beweggründe. Er habe die Frau, die als drogensüchtig galt und zur Finanzierung ihrer Sucht auf den Strich ging, am Steintor angesprochen, irgendwann zwischen dem 27. und dem 31. Oktober. Beide sollen in seiner Wohnung Drogen konsumiert haben, irgendwann wollte er – so die Anklage – Sex, sie lehnte ab, er erstach die Frau, verging sich an der Leiche, zerteilte sie und warf sie in den Maschsee. Ein Spaziergänger entdeckte am Nordufer nahe des Fackelträger-Denkmals einen Brusttorso, später fand die Polizei auch den Kopf, beide Beine und die Arme. Die waren mit dem Stromkabel eines Winkelschleifers umwickelt und zusammen mit der Flex in den See geworfen worden, ebenso wie ein Hammer und eine Säge. Bauch und Unterleib von Andrea B., so führte der MHH-Experte aus, seien nach wie vor verschwunden. Suchaktionen von Polizeitauchern blieben bis heute ergebnislos.

Der Verteidiger von K., Urs Kobler, fordert gleich anfangs eine Einstellung des Verfahrens. Die Aufzählung verschiedener Mordmotive von Seiten der Staatsanwaltschaft sei spekulativ und nicht von Ermittlungsergebnissen gedeckt. Weil demzufolge die Anklageschrift fehlerhaft sei, dürfe das Verfahren erst gar nicht eröffnet werden. Doch die Kammer unter Vorsitz von Wolfgang Rosenbusch lehnt den Antrag ab, verwirft auch die Forderung von Kobler nach einer Aussetzung des Prozesses, weil ein psychologisches Gutachten zu K. noch nicht vorliegt.

Mit militärisch kurz geschnittenen Haaren sitzt der Angeklagte vor dem Richter, die Hände sind tätowiert, sein Hemd ist fleckig. K. gibt sich gleichgültig, nur gelegentlich wischt er sich mit einem Tuch über das Gesicht. Als ihn Richter Rosenbusch fragt, ob er tatsächlich nebenbei Kreuzworträtsel löse, sagt er ja – und macht weiter.

Gestorben ist Andrea B., so der Rechtsmediziner, wahrscheinlich an einem mit großer Wucht geführten Messerstich in die Hauptschlagader nahe dem Herzen. Doch die MHH-Pathologen entdeckten an der Leiche auch eine Reihe von äußerlichen Stich- und Schnittverletzungen sowie ein blaues Auge. Einige dieser Wunden könnten von einer Schiffsschraube stammen – doch wahrscheinlich ist das nicht.

Andrea B. lebte zuletzt in einer Frauen-Notunterkunft am Vinnhorster Weg. Zwei Zeuginnen beschrieben sie am Donnerstag als wechselhaft: Mal sehr freundlich, dann wieder aufbrausend und aggressiv. Sie habe in der Einrichtung im Stadtteil Burg kaum Freundschaften gepflegt und als „schwierig“ gegolten. Schon seit den neunziger Jahren soll B. Drogen konsumiert haben, soll in ihrem Heimatort Ibbenbüren die Trennung von ihrem damaligen Mann nicht verkraftet haben.

Ihr Vater sagt in einer Verhandlungspause, er habe zu seiner Tochter ebenso wie seine frühere Frau schon lange den Kontakt verloren: „Sie war für mich nicht mehr greifbar.“ Nun hat sich der Senior ein Hotelzimmer in Hannover genommen, will den Prozess um den schrecklichen Tod seines Kindes weiter verfolgen.

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