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Panorama Mit Teststreifen dem Alkohol-Mix auf der Spur
Nachrichten Panorama Mit Teststreifen dem Alkohol-Mix auf der Spur
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13:48 31.07.2009
Ob der junge Mann tatsächlich nur Orangensaft trinkt, wird ein Teststäbchen zeigen.
Ob der junge Mann tatsächlich nur Orangensaft trinkt, wird ein Teststäbchen zeigen. Quelle: Michael Latz/ddp
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Sie feiert mit rund 700 Jugendlichen in Ditzingen im Landkreis Ludwigsburg „School ’s Out“-Party. Alle sind ausgelassen, viele trinken. Die Polizei nutzt die Gelegenheit für die erste große Kontrollaktion in Baden-Württemberg mit Alkoholteststreifen. Auf Basis des in dieser Woche gestarteten Modellversuchs soll am Jahresende über eine flächendeckende Einführung entschieden werden.

„Früher hatte man Alcopops“, schildert Kriminalhauptkommissar Helmut Wonka. Diese Mixgetränke seien aber inzwischen zu teuer. „Heute mixt man sich selbst was.“ Die schnapshaltigen Säfte schmuggeln die Jugendlichen auf Partys und pflegen schon vor Beginn „ordentlich vorzuglühen“, wie ein Polizeisprecher sagt. Die Polizei Ditzingen will die Jugendlichen vor Alkoholexzessen schützen und kontrolliert deswegen schon vor der Party die bekannten Treffpunkte Jugendlicher im Ort und schaut an Supermärkten, wer welchen Alkohol „bunkert“.

Am Supermarkt ertappt die Polizei vor allem Jugendliche, die sich mit Bier eindecken und dieses teils an Kinder weitergeben. In diesen eindeutigen Fällen ist der Teststreifen für die Beweisführung unnötig. Am Festgelände ist am frühen Abend die Lage noch völlig ruhig. Die erste überprüfte Saftflasche ist die von Sarah. Innerhalb weniger Minuten ist das Ergebnis sichtbar. Bei Kontakt mit dem Schnaps verfärbt sich der 1,30 Euro teure Teststreifen innerhalb von zwei bis vier Minuten. Minderjährigen nimmt die Polizei in diesem Fall die Getränke ab und lässt die Mädchen und Jungen von den Eltern abholen. Die Volljährigen müssen ihre Getränke ebenfalls abgeben, wenn die Gefahr besteht, dass sie den Schnaps mit den Minderjährigen teilen.

Laut Polizei stand 2008 fast jeder dritte jugendliche Gewalttäter unter Alkoholeinfluss. Die Zahl der stationären Krankenhausaufenthalte von Kindern und Jugendlichen aufgrund einer Alkoholvergiftung verdoppelte sich von 2001 bis 2007 im Südwesten von 1769 auf 3631 Fälle. An dem Pilotprojekt sind bis 31. Oktober die Polizeidirektionen Ludwigsburg, Heilbronn, Rastatt/Baden-Baden, das Polizeipräsidium Stuttgart und die Bundespolizei beteiligt. Die meisten Dienststellen haben wenige Tage nach dem Start des Versuchs am vergangenen Montag die Stäbchen noch nicht eingesetzt.

Michael Raith ahnt, dass die Polizei in Ditzingen ein paar Stäbchen in starke Mischungen tunkt. Der 21-Jährige, der die Party mitorganisiert, kennt die Trinkgewohnheiten unter Jugendlichen. „Bier ist zu teuer“ für viele Minderjährige, erzählt er und hebt seine Radlerflasche. Mit Billigwodka und Saft könne man sich „für sechs Euro schon gut wegblasen“. Wodka sei zudem geschmacksneutral. „Die meisten wollen besoffen werden und nichts schmecken“, schildert Raith.

Der 18-jährige Lars erinnert sich mit Schrecken ans vergangene Jahr. „Ein Freund von uns musste nach Hause getragen werden“, erzählt er. Er will sich beim Alkohol zurückhalten. Mit seinen 18 Jahren habe er ohnehin nicht mehr so den Drang zum Besäufnis. Der Körper vertrage das nicht mehr so gut, meint Lars und blinzelt hinter seiner Sonnenbrille hervor. „Es macht immer weniger Spaß.“

Mitorganisator Raith findet die Aktion mit den neuen Teststreifen gut. Viele Minderjährige „können sich nicht mehr selbst kontrollieren“, sagt er, und bei der Party gebe es jedes Jahr einen Haufen Leute, die sich „ordentlich die Birne vollsaufen“ und „in der Regel gibt’s immer ’ne Schlägerei“. Nicht in diesem Jahr. Laut Polizei verläuft die Party als „friedliche Veranstaltung“. Dreimal finden die Beamten Schnaps in Mixgetränken, aber jedes Mal sind die Besitzer volljährig und dürfen ihre Getränke behalten.

ddp