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22:22 31.07.2014
Alles so schön bunt hier: Rainbow-Loom-Bänder sind derzeit beliebt. Quelle: fotolia
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Annika und Robbin „loomen“, auf dem Schulhof, am Strand und im Kinderzimmer. Wie den sieben- und neunjährigen Kindern aus Berlin ergeht es derzeit zahllosen Sprösslingen zwischen Sydney und Schanghai, Stuttgart und Stralsund: Sie sind im Rainbow-Loom-Fieber. Hierbei handelt es sich nicht um eine ernsthafte Erkrankung, sondern eine Handwerkskunst, Eifer und Ausdauer verknüpfende Leidenschaft. Rainbow Loom Bands sind geknüpfte Armbänder aus pinken, knallgelben oder glitzernden Silikonringen, Fitzelkram, den Schul- und Kindergartenkinder in Eigenregie herstellen.

Vom Druck des quengelnden Nachwuchses zeugen Einträge von Eltern in Sozialen Netzwerken. Mütter und Väter wollen erfahren, wo sie den Stoff für die Kleinen beschaffen können. Originalbänder des Rainbow-Loom-Erfinders, Cheong Choon Ng, einem chinesischstämmigen Amerikaner, gibt es im Internet oder im gut sortierten Spielzeughandel. Dem Spezialisten aus der Autobranche kam die Geschäftsidee angeblich, als er seinen Töchtern beim Spielen mit Haarbändern zuschaute.

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2011 investierte Cheong Choon Ng 10.000 Dollar ins Bänder-Business - inzwischen soll das Unternehmen mehr als 100 Millionen Euro wert sein. Die „New York Times“ berichtete bereits im Vorjahr über den Trend. Diesen Sommer entwickelt sich Loomen auch hierzulande zu einem viralen Hobby. Der Baur Versand Online Shop bewirbt seine Starter-Sets mit dem Slogan: „Werde zum Designer. Entwerfe und häkle supercoolen Modeschmuck“. Spielzeuggeschäfte kommen mit dem Nachbestellen nicht hinterher: „Es ist der absolute Trend. Für Strand und See ist es super geeignet. Die Bänder werden auch gerne verschenkt“, sagt Nadja Blankenberg von „Die Wilden Schwäne“, einem Spielzeugladen in Berlin-Prenzlauer Berg.

Galeria Kaufhof führt das komplette Sortiment mit Ringen, Knüpfboard sowie Klips und Haken zum Verschließen in sämtlichen 105 Filialen. "Es ist ein absoluter Trendartikel. Bei uns bekommt man die Silikonringe nicht nur in allen Farben, sondern auch glitzernd oder leuchtend", sagt Sophie Lasos aus der Kaufhof-Kommunikationsabteilung.

Während man sich früher textile Kulturtechniken von Großmüttern oder Handarbeitslehrerinnen zeigen ließ, erklären heute Dreikäsehochs bei Youtube-Tutorials mit zarter Kinderstimme einander wie’s geht. Knüpfanleitungen bieten daneben Bücher mit Titeln wie „Loom your Life - Der totale Wahnsinn“ oder „Loom Magic Charms“. Die Design-Palette der neuartigen Freundschaftsbänder reicht vom einfarbigen Band im Fischgratmuster bis zu vielfarbigen Modellen mit eingewobenen Perlen oder geknüpften Herzen.

Eifrige Loominaten erzeugen neben quietschbunten Bändern inzwischen auch Figürchen (zum Beispiel Angry Birds), Mützen, Sandalen, Bikinis oder ganze Gewänder. Dass die Mode bei den Erwachsenen angekommen ist, weiß man spätestens seit der Fußballstar David Beckham und das britische Thronfolgerpaar Prinz William und Kate mit den bunten Armbändern gesehen wurden. Der US-Moderator Jimmy Kimmel trat in seiner Show mit einem komplettem Loom-Anzug auf.

Die 42-jährige Britin Helen Smith machte Schlagzeilen mit einem Kleid aus 24 000 Gummibändern, das auf Ebay für sagenhafte 170 000 britische Pfund (ungefähr 215 000 Euro) versteigert wurde. Dass Gummimode keine Goldgrube ist, merkte ein 11-jähriges Mädchen: Es erwirtschaftete bei eBay für ein Kleid mit einem Arbeitsaufwand von sieben Tagen und 90 Pfund Materialkosten lediglich 155 Pfund.

Das Vorurteil, dass Loomen vor allem etwas für kleine Mädchen sei, kann durch publik gewordene Fälle von verletzten Jungs als entkräftet gelten. Von einem Jungen, der nach Angaben der Eltern bis zu sechs Stunden täglich knüpfte, kursieren im Internet Fotos, die der vom Entsetzen gepackte Vater machte. Das Kind aus dem britischen Yorkshire war beim Knüpfen eines Armbandes neben einer Kiste mit Hunderten bunten Ringen eingeschlafen. Zwei Finger des 8-Jährigen sind schwarz angelaufen. Die Silikonbänder hatten die Blutzirkulation abgeklemmt. Offenbar ist der Knabe knapp an einer Fingeramputation vorbeigeschlittert.

Bei einem anderen Fall hat ein Junge beim Loomen dem kleinen Brüderchen - angeblich versehentlich - einen Ring ins Auge geschossen. Die Augenverletzung war immerhin so schlimm, dass das Kind zum Augenchirurgen musste. Eine Schule in New York City hat im Oktober 2013 Rainbow Loom Armbänder mit dem Argument aus Klassenzimmern verbannt, das diese Schüler „zerstreuen“. Schulen in Florida versuchen den flotten Bänderhandel auf dem Schulhof mit Regeln in den Griff zu bekommen.

So ausdauernd geknüpft wie derzeit wurde wahrscheinlich zuletzt in den 1970er-Jahren. Damals bastelte man aus Naturfasern Makrameetaschen und Blumenampeln, fand das Knüpfzeug aber bald schon hässlich. Ein Schicksal, dass auch die magischen Bänder ereilen könnte.

Von Johanna Di Blasi

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