Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Panorama Randale als neue Freizeitattraktion
Nachrichten Panorama Randale als neue Freizeitattraktion
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:45 05.07.2009
Polizisten laufen nach dem Schanzenfest in Richtung Demonstranten. Quelle: Roland Magunia/ddp
Anzeige

Die rechte Hand an der zum Schutzschild zurechtgesägten Holzplatte, in der linken Hand die Bierflasche – oder vielleicht auch der Molotowcocktail: So trotzte am Sonnabend ein Schwarzvermummter den Wasserwerfern, einer von 1000 „Autonomen“, die sich am Abend dieses Tages einen Schlagabtausch mit der Polizei lieferten – Randale wie in früheren Jahren, doch gewaltbereiter als bisher beim Hamburger Schanzenfest.

Brennende Streifenwagen, Müllcontainer in Flammen und lodernde Barrikaden, ein Hagel aus Wurfgeschossen und Prügeleien mit der Polizei: Das sind die Zutaten eines Straßenfestes, das mehr als 10.000 Teilnehmer in ihrer großen Mehrheit friedlich feiern wollten – mancher martialischen Pose aus der Szene zum Trotz. „Regierung stürzen“, prangte von Anfang an über der Bühne am Autonomenzentrum „Rote Flora“. Gegen 22 Uhr wurden Polizisten dann dort nach eigenen Angaben erst mit Steinen beworfen, später auch mit Leuchtmunition beschossen. Daraufhin erst, so betont die Polizei, sei man mit Schlagstöcken, Wasserwerfern sowie einem Räumfahrzeug gegen die Barrikaden und gegen die Randalierer vorgegangen. Die fünf Wasserwerfer hätten die Straße vor der „Roten Flora“ binnen Minuten geräumt – sowohl die Krawallmacher als auch viele Passanten und Schaulustige seien in einen Park und in Nebenstraßen abgedrängt worden.

Anzeige

Die Randalierer griffen die Polizisten dabei ihrerseits mit Glasflaschen und Feuerwerkskörpern an. Mindestens einmal soll auch ein Molotowcocktail geflogen sein, und vor einer nahen Polizeiwache wurde ein dort parkendes Polizeiauto mit Leuchtkugeln in Brand geschossen. „Ähnliche Szenarien wie in den letzten Jahren“ nannte dies Polizeisprecher Ralf Meyer, doch er räumte auch ein, dass die Randalierer „aggressiver und besser vorbereitet“ gewesen seien. „Es waren heftige Ausschreitungen mit einem hohen Aggressionspotenzial.“

In der Tat: Bis in die Nacht kam es am Neuen Pferdemarkt nahe dem Schanzenviertel und in den Seitenstraßen rund um die „Rote Flora“ zu heftigen Ausschreitungen. Vermummte schleuderten Flaschen, Leuchtraketen und andere Geschosse auf Wasserwerfer und Polizisten. Immer wieder zogen sie Müllcontainer, Bauzäune und andere Gegenstände auf die Straßen und zündeten sie an. Erst nach etwa fünf Stunden kehrte auf dem von Glasscherben übersäten Pflaster des Szeneviertels wieder Ruhe ein.

Von einem „neuen Ausmaß der Gewalt“ sprach gestern der Hamburger SPD-Innenexperte Andreas Dressel und forderte eine genaue Analyse der Ereignisse. Polizeisprecher Meyer warnte indes vor „Haarspaltereien“ darüber, ob die Gewalt gegenüber den Vorjahren zugenommen habe. Er räumte aber ein, dass sich einige der Randalierer offenbar gezielt vorbereitet hätten und „von Anfang an“ auf Krawalle spekuliert hätten, wovon die bei einigen Festgenommenen aufgefundenen „Utensilien“ zur Herstellung von Molotowcocktails hindeuteten. Überdies stellte die Polizei bei zwei vorläufig festgenommenen Jugendlichen, die aus Berlin angereist waren, einen mit Zeitschaltuhr versehenen Sprengsatz sicher.

Dies ist zweifellos eine Eskalation gegenüber der Gewalt, die in früheren Jahren bei dem Fest in dem beliebten Ausgehviertel festzustellen war. Das alljährlich stattfindende Straßenfest ist nicht offiziell angemeldet, wird von der Stadt aber toleriert. Zwar setzte sich Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) für ein Verbot des bunten Treibens ein, der Leiter des zuständigen Bezirksamts Altona, gleichfalls ein Christdemokrat, zeigt sich in der Frage allerdings moderat und setzt auf eine „qualifizierte Duldung“. Ausschreitungen werden dort meist von zahlreichen Schaulustigen verfolgt oder auch mit Gleichgültigkeit hingenommen. Im vergangenen Jahr etwa hoben Feiernde noch immer Geld aus einem Automaten ab, während Autonome die Bank bereits mit Pflastersteinen bewarfen.

Eine wirkliche Begründung für die Randale gibt es nicht. Unmut bei den Bewohnern des Viertels hatte vor dem Fest die Anbringung von Überwachungskameras an Balkonen und hinter Fenstern in den Straßen ausgelöst. Die Polizei begründet dies damit, dass man so den häufigen Sachbeschädigungen an Fensterscheiben von Bars und Modegeschäften des Viertel begegnen und ihre Verursacher „auf frischer Tat ertappen“ könne. Auch zu anderen Gelegenheiten ist das Viertel immer wieder Schauplatz von Krawallen. In diesem Jahr hatte es zuletzt am Abend des 1. Mai heftige Auseinandersetzungen zwischen Randalierern und Polizeibeamten gegeben.

Neu ist nach den Worten von Polizeisprecher Meyer, gegenüber den Vorjahren der Umstand, dass sich unter die meist schwarzgekleideten Autonomen im Laufe der Ausschreitungen auch etliche Jugendliche mischten die mit diesen üblicherweise nichts zu tun haben. Das sei eine rein „gewalterlebnisorientierte Klientel“, die freilich ebenfalls Flaschen und Böller geworfen und so zur hohen Zahl der Randalierer beigetragen habe. Auf dieses Phänomen gewaltbereiter Jugendlicher, die Krawalle als eine Art von „Freizeitbeschäftigung“ begriffen, müsse man reagieren, forderte der SPD-Innenexperte Dressel. CDU-Innensenator Ahlhaus lobte dagegen nur das Einsatzkonzept der Polizei, deren entschlossenes Einschreiten „rechtsfreie Räume“ verhindert habe.

Weniger zuversichtlich erscheint die Bilanz dieses traurigen Abends auch in harten Zahlen: 2008 wurden bei der Schanzenfest-Randale 18 Menschen verletzt, darunter 11 Polizisten, rund 50 Protestierende wurden festgenommen. 2009 waren nach Polizeiangaben 1800 Beamte gegen rund 1000 Randalierer im Einsatz. Am Ende nahm die Polizei 86 Verdächtige fest und weitere 18 in Gewahrsam. 30 Beamte wurden verletzt, neun davon waren vorläufig dienstunfähig. Zu verletzten Randalierern konnte die Polizei gestern keine Angaben machen.

von Sebastian Bronst und André Klohn

Anzeige