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Panorama Rettern läuft in Fukushima die Zeit davon
Nachrichten Panorama Rettern läuft in Fukushima die Zeit davon
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13:54 25.03.2011
Die zerstörten Reaktorblöcke in Fukushima. Quelle: dpa
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Eine Woche nach dem Erdbeben in Japan läuft im Kampf gegen die atomare Katastrophe die Zeit davon: Techniker und Soldaten arbeiten mit Hochdruck an der langen Reihe der Reaktoren 1 bis 4 gegen die tödlichen Bedrohungen aus dem Reaktorkern und den Abklingbecken für abgebrannte Kernbrennstäbe. Die radioaktive Strahlung in der Evakuierungszone um das teilweise zerstörte Kraftwerk stieg am Donnerstag deutlich an, in Tokio blieb sie dank des aufs Meer gerichteten Westwinds unter den gesundheitsschädlichen Werten, wie die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA) in Wien mitteilte.

Mit Hubschraubern aus der Luft und Wasserwerfern am Boden versuchten die Soldaten, vor allem den havarierten Reaktor 3 zu kühlen. Der Betreiber Tepco wertete den Einsatz als Erfolg, weil Wasserdampf aus dem überhitzten Meiler aufgestiegen sei. Die Behörden gaben dennoch keine Entwarnung.

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Die Hubschrauber können nach einem Bericht des Fernsehsenders NHK 7,5 Tonnen Wasser fassen. Doch das zielgenaue Treffen ist schwierig. „Am wichtigsten ist jetzt, große Wassermengen auf die Reaktorblöcke 3 und 4 zu schütten, vor allem um die Kühlbecken zu füllen“, sagte Atombehörden-Sprecher Hidehiko Nishiyama der Agentur Kyodo.

Auch am Freitag soll Block 3 wieder mit Wasser von außen bespritzt werden, wie Regierungssprecher Yukio Edano sagte. Bis dahin wollen Techniker zudem eine Notstromleitung verlegt haben. Über Block 2 in Fukushima stieg am Abend erneut Rauch auf. Dies zeigten Satellitenfotos, wie Kyodo berichtete.

Ob das große Atom-Desaster noch verhindert werden kann, entscheidet sich nach Einschätzung der Strahlenschutz-Gesellschaft in Hannover vermutlich bis Samstag: Wenn die Kühlversuche an Block 4 des havarierten Atomkraftwerks scheitern sollten, komme es zur Katastrophe. Hier liegen die Kernbrennstäbe außerhalb der Schutzhülle offen in einem Abklingbecken. Andere Fachleute betonten, dass jeder Tag ohne volle Kernschmelze ein gewonnener Tag sei.

Die letzten verbliebenen Arbeiter im Unglücks-Atomkraftwerk sind nach Einschätzung des Präsidenten der Gesellschaft für Strahlenschutz „Todeskandidaten“. Die gewaltige radioaktive Strahlung sei für sie eine „Katastrophe“, die sie wohl früher sterben lasse, sagte Sebastian Pflugbeil der dpa. Trotzdem meldeten sich japanische Bürger freiwillig, um die Arbeiter im havarierten AKW unterstützen, wie die BBC berichtete.

Das US-Verteidigungsministerium schickte ein Spezialistenteam für den Kampf gegen die Atomkatastrophe nach Japan. Dem japanischen Militär würden neun Experten für biologische und nukleare Gefahren zur Seite gestellt, sagte Pentagon-Sprecher Dave Lapan am Donnerstag in Washington.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ offen, ob die für drei Monate stillgelegten Meiler in Deutschland wieder ans Netz gehen. „Was wir brauchen, ist ein Ausstieg mit Augenmaß“, sagte Merkel. Von den acht betroffenen AKW waren am Donnerstag sieben bereits abgeschaltet.

Mit Neckarwestheim I, Philippsburg I und Isar I gingen die ersten alten AKW vom Netz. Der Energiekonzern Eon wollte Unterweser am Freitagmorgen vom Netz nehmen. Für Biblis A hat der Betreiber RWE nach eigenen Angaben noch keine entsprechende Anordnung erhalten. Biblis B, Brunsbüttel und Krümmel stehen derzeit ohnehin still.

Mittelständischen Unternehmen in Deutschland drohen Lieferengpässe nach den tagelangen Produktionsausfällen in Japan. „Es gibt jetzt schon Engpässe, und die Engpässe werden sich verschärfen“, sagte der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, der dpa. Auch der Maschinenbau befürchtet Lieferengpässe.

An den aus Japan kommenden Flugzeugen auf dem Flughafen Frankfurt wurde bisher keine erhöhte Radioaktivität gemessen. Derzeit landen in Frankfurt täglich sieben Maschinen aus Japan, darunter fünf Lufthansa-Flugzeuge und je eines der japanischen Gesellschaften ANA und JAL.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hält Lebensmittel aus Japan weiter für ungefährlich. „Unsere Erkenntnisse sind, dass momentan keine Lebensmittel kontaminiert sind“, sagte Aigner am Donnerstag am Rande eines EU-Ministerrats in Brüssel. Zudem exportiere Japan wegen der Katastrophe derzeit kaum Lebensmittel: „Alle Handelswege sind praktisch zusammengebrochen.“

dpa

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