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Panorama Russen erobern die türkischen Strände
Nachrichten Panorama Russen erobern die türkischen Strände
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18:58 28.07.2009
An den Stränden in der Türkei wird es immer enger.
An den Stränden in der Türkei wird es immer enger. Quelle: AFP
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Lange Zeit war der südtürkische Urlaubsort Antalya in den Sommermonaten fest in deutscher Hand. Allein im vergangenen Jahr besuchten 4,4 Millionen Bundesbürger die Türkei, und ein Großteil von ihnen verbrachte seine Ferien in den Hotels in der Nähe der Stadt an der türkischen Riviera. Antalya hat zum Beispiel Restaurants, in denen sich deutsche Urlauber mit einer Currywurst versorgen können, wenn sie Heimweh bekommen.

Aber die Deutschen sind nicht mehr die unangefochtene Nummer eins. Die Russen machen ihnen Konkurrenz. Im Juni wurden in Antalya zum ersten Mal in einer Monatsbilanz mehr Russen als Deutsche gezählt: 481.300 zu 478.400 lautete das Ergebnis. Knapp, aber immerhin.

Wegen der weltweiten Wirtschaftskrise ging die Zahl der russischen Urlauber im Vergleich zum Juni des vergangenen Jahres zwar um neun Prozent zurück – bei den Deutschen betrug der Rückgang aber mehr als elf Prozent. In der Gesamtrechnung für das erste Halbjahr ließen die Deutschen mit rund 1,7 Millionen Besuchern die Russen mit rund einer Million Touristen noch weit hinter sich. Doch der Zuwachs der russischen Antalya-Touristen ist bereits seit Jahren erkennbar und wird sich möglicherweise auch bald in weiteren Statistiken niederschlagen.

Vor Ort sind die Folgen ohnehin bereits unübersehbar. Schon seit Jahren gibt es in Antalya ein Hotel, das dem Kreml in Moskau nachempfunden ist. Im Mai öffnete nun das Luxushotel „Mardan Palace“ seine Tore. Satte 1,4 Milliarden Dollar hat es gekostet. Der aus Aserbaidschan stammende russische Geschäftsmann Telman Ismailow ließ zur Eröffnung des 1250-Betten-Hotels amerikanische Filmstars wir Sharon Stone und Richard Gere einfliegen. „Das schönste Hotel, das ich je gesehen habe“, gab der ebenfalls von Ismailow eingeladene Sänger Tom Jones zu Protokoll.

In der Türkei erntete Ismailow Bewunderung, in seiner Heimat geriet er unter Druck. Ministerpräsident Wladimir Putin, der im kommenden Monat die Türkei besuchen will, ist angeblich schlecht auf den Geschäftsmann zu sprechen, weil der seine Milliarden lieber im Ausland als in Russland investiert. Nach Medienberichten will Ismailow deshalb einen türkischen Pass beantragen.

Allein ist er als finanzkräftiger russischer Unternehmer in Antalya nicht. Die russische Mirax-Gruppe kaufte in Kemer bei Antalya für 340 Millionen Dollar ein Hotel mit mehr als 3000 Betten. Weitere Investitionen sind geplant.

Es ist kein Wunder, dass sich russische Unternehmer so für die Gegend interessieren. Im Jahr 2005 kamen rund 1,5 Millionen russische Urlauber in die Türkei – bis zum vergangenen Jahr hatte sich diese Zahl fast verdoppelt. Viele von ihnen betrachten die Türkei als sonniges und billiges Naherholungsgebiet, das sie mit einem relativ kurzen Flug von zweieinhalb bis drei Stunden erreichen können. Bei einem kürzlichen Besuch in der Türkei regte Patriarch Kirill, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche Russlands, den Bau einer russischen Kirche für Urlauber aus seinem Land an.

„Olga überholt Helga“, titelte eine türkische Zeitung angesichts des Trends. Doch nicht alle sind begeistert. Viele deutsche Gäste beschweren sich über schlechte Manieren der russischen Gäste. Bei der Schlacht am Hotelbüfett beispielsweise wundert sich so mancher Bundesbürger über die ungestümen Essgewohnheiten der Russen. „Ich hab’ noch nie gesehen, dass so viel auf einen Teller raufgeht“, sagte ein Urlauber aus Berlin.

An den Stränden tobt schon am frühen Morgen der Kampf um die Liegen, und in der Nacht bekommt so mancher deutsche Urlauber kein Auge zu, weil die Russen Party machen. „Jede Nacht vier, fünf Uhr, volle Kanne besoffen kommen die dann in ihre Zimmer“, erinnerte sich ein gestresster deutscher Urlauber.

Und die Russen? Die meisten von ihnen scheinen sich prächtig zu amüsieren in Antalya. Ihre eigenen Landsleute können allerdings auch für sie ein Problem darstellen, haben Tourismusunternehmer festgestellt.

von Susanne Güsten