Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Panorama Schauspieler Antonio Banderas: „Ich habe dem Tod ins Gesicht geschaut“
Nachrichten Panorama Schauspieler Antonio Banderas: „Ich habe dem Tod ins Gesicht geschaut“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 05.07.2019
Antonio Banderas bei der Vorstellung seines neues Films „Leid und Herrlichkeit“ auf den Filmfestspielen in Cannes. Quelle: Frederick Injimbert/ZUMA Wire

Herr Banderas, können Sie sich noch an die erste Begegnung mit Ihrem Lieblingsregisseur Pedro Almodóvar erinnern?

Sehr gut sogar. Es war die Zeit nach Francos Tod 1975, der Aufbruch Richtung Demokratie hatte mit der Kulturbewegung Movida Madrileña gerade begonnen. Ich saß mit ein paar Freunden in Madrid in einem Straßencafé nahe dem Nationaltheater, in dem ich damals arbeitete. Ein Typ mit einer roten Brieftasche kam auf mich zu. Er war witzig, geistreich, schnell in seinen Reaktionen. Plötzlich stand er auf, schaute mich an und sagte: „Du hast ein sehr romantisches Gesicht. Du solltest Kinofilme machen.“

Was haben Sie geantwortet?

Er verschwand bald darauf, und ich fragte die anderen: Wer war das denn? Die Antwort: Sein Name ist Pedro Almodóvar. Er hat schon einen Film gedreht, aber er wird nie wieder einen drehen.

Oha, ein guter Auftakt. Wie ging es weiter?

Einen Monat später kam Almodóvar zusammen mit der Schauspielerin Cecilia Roth ins Theater. Jemand hatte mir gesagt, dass er im Zuschauerraum sitzt. Hinterher kam er in die Garderobe und fragte: Hast du schon mal einen Film gedreht? Nein, antwortete ich. Hast du Lust, einen zu drehen? Klar, sagte ich. Und er: Ich habe hier ein Skript, lies das doch mal. Wenn du es magst, bist du dabei. Mit „Labyrinth der Leidenschaften“ fing alles an.

Jetzt haben Sie mit „Leid und Herrlichkeit“ Ihren achten gemeinsamen Film gedreht: Welches war der wichtigste?

Da gibt es einige. Zuerst fällt mir „Das Gesetz der Begierde“ von 1987 ein, und ich kann Ihnen auch erklären, warum: Für mich ging es dabei auch um moralische Fragen. Meine Filmfigur tötet jemanden und entledigt sich des Opfers. Niemand regte sich damals darüber auf. Jemanden zu töten war offenbar okay. Aber dass sich in dem Film zwei Leute desselben Geschlechts küssen, hat damals einen Entrüstungssturm ausgelöst. Das schien moralisch verwerflicher, als jemanden zu ermorden.

Hatte der Film Konsequenzen in Spanien?

Ich erinnere mich an einen jungen Schauspieler, der mir später seine Geschichte erzählte: An dem Abend, an dem er den Film gesehen hatte, ging er nach Hause zu seinen Eltern und gestand ihnen, dass er homosexuell war. Viele haben das seinen Worten zufolge ganz ähnlich getan. Ja, der Film hat Spanien gesellschaftlich ein Stück vorangebracht.

Sie haben vermutlich mehr schwule Männer gespielt als die meisten anderen Schauspieler Ihres Kalibers, auch in den USA, siehe „Philadelphia“ mit Tom Hanks. Reiner Zufall?

Ich habe da keine Agenda abgearbeitet. Das passierte einfach so in den Filmen, in denen ich dabei war.

Im neuen Film küssen Sie wieder einen Mann. Heute ganz normal?

Pedro hat beim Drehen ganz einfach gesagt: Jetzt müsst ihr euch küssen. Bei den Filmfestspielen in Cannes bei der Premiere gab es in dieser Szene ein sehnsuchtsvolles Durchatmen im Publikum – da war gewissermaßen das fortschrittliche Europa versammelt.

Bedeutete „Leid und Herrlichkeit“ eine besondere Zusammenarbeit für Sie beide?

Jedenfalls lief hier manches ungewöhnlich ab. Ich habe in meiner schon ziemlich langen Karriere gelernt, wie ich mit meinem Körper und meiner Stimme umgehe und wie ich auf die Kamera reagiere. Aber Pedro sagte: Nein, an all diesen Dingen bin ich nicht interessiert. Die mögen für dich nützlich sein, und sie mögen dich auch in deinem Spiel sicherer machen. Aber das ist alles Bullshit.

Haben mittlerweile ihren achten gemeinsamen Film gedreht: Antonio Banderas und sein Lieblingsregisseur Pedro Almodóvar im Jahr 2011 in Cannes. Quelle: Guillaume Horcajuelo/epa

Was wollte er von Ihnen?

Er war auf der Suche nach einem anderen Antonio Banderas. Er sagte: Ich möchte nicht mit den Tricks arbeiten, die du bei anderen Regisseuren anwendest. Pedro suchte etwas Frisches, Neues, Wahres, und dafür mussten wir ziemlich tief in mir graben.

Haben Sie das sogleich akzeptiert?

Ich hatte bei diesem Film das Gefühl, in die Atmosphäre des Planeten Almodóvar einzudringen. Ich habe erst mal gefragt: Worüber redest du? Die Annäherung verlief ein bisschen ruppig, aber nicht dramatisch. Wir sind schon seit so vielen Jahren Freunde. Und dann haben wir tatsächlich ohne Vorgaben angefangen. Vor der Kamera fühlte ich mich gewissermaßen nackt. Das war, als wenn man von einem Kliff springt und nicht weiß, ob da unten Wasser oder Felsen sind.

Hört sich nach einem schmerzhaften Prozess an.

Wenn du dich bei einem Filmdreh allzu wohlfühlst, dann kommt vielleicht etwas Nettes und kommerziell Einträgliches dabei heraus. Aber keine große Kunst. Klar geworden ist mir das jüngst noch einmal durch meine Fernsehrolle als Picasso. Picasso lebte nach dem Motto: Diese Sache habe ich erledigt. Genug davon! Jetzt kommt etwas anderes. Bis zum Tag, als er starb, war Picasso unermüdlich auf der Suche nach Experimenten. Das hatte ich verinnerlicht: Bei „Leid und Herrlichkeit“ konnte ich all das anwenden, was ich in sieben Monaten über den Maler gelernt hatte.

„Leid und Herrlichkeit“ ist ein stark autobiografisch geprägtes Werk: Haben Sie mit Pedro Almodóvar über all die Filmthemen gesprochen, übers Älterwerden, über Krankheiten und Verluste im Laufe eines Lebens?

Schon als Pedro mir das Drehbuch schickte, warnte er mich: Es seien viele Hinweise in dem Skript zu finden, die mich an ihn erinnern würden. Aber vergessen Sie jetzt bitte nicht: Dieser Salvador Mallo, den ich spiele, besteht nicht nur aus einem Menschen. Ganz viele Personen sind in ihn eingeflossen, auch Frauen. Ich sehe sogar Bezugspunkte zu mir.

Welche denn?

Die werde ich Ihnen jetzt nicht verraten! Letztlich ist Salvador Mallo aber eine Fiktion, wenn auch eine sehr handfeste. Pedro versteckt in diesem Film nichts. Das wurde mir schon am ersten Drehtag klar: Das Set war ein exakter Nachbau seines Hauses. Er verpasste mir eine Frisur mit senkrecht aufstrebendem Haar, wie er es trägt. Er steckte mich in bunte Klamotten, in denen auch er rumlaufen könnte. Gewissermaßen brachte er sich auf Distanz zu sich selbst, indem er den Regisseur Salvador Mallo schuf.

Versöhnung ist im Film auch ein zentrales Thema: Können Sie damit etwas anfangen?

Ein wichtiges Stichwort: Denn da berührt der Film das Herz der Zuschauer. Dieses Drama ist genauso individuell, auf Pedros Leben zugeschnitten wie es universell ist: Jeder von uns läuft mit einem Rucksack voller Leid und Herrlichkeit herum. Jeder kann hier andocken, auch wenn sich die eigenen Erlebnisse nicht mit denen der Filmfiguren decken. Wie viele Leute würden ihrer Mutter wohl gern sagen, dass ihnen etwas leidtut, was sie getan oder auch nicht getan haben?

Das heißt konkret?

In Pedros Fall? Na ja, stellen Sie sich doch einfach mal vor, in einem kleinen Dorf irgendwo im spanischen La Mancha in den Sechzigern zu leben. Es herrscht Diktatur. Jeder kennt jeden. Und plötzlich wird offenkundig, dass du homosexuell bist. Das ist wie eine Bestrafung für die ganze Familie: Wie soll sie damit umgehen? Dieses Gefühl dürfte vermutlich auch heute noch so mancher kennen – irgendwie anders zu sein als die Gesellschaft, in der er sich bewegt. Auch in unserer heutigen Welt gibt es immer noch genügend Länder, die Homosexuelle verfolgen.

Sind Sie mit dem Film zufrieden?

Als ich „Leid und Herrlichkeit“ zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich gar nicht glauben, was Pedro da aus mir herausgeholt hatte. Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Charakter in mir existiert. Gewissermaßen habe ich mich als Schauspieler neu erfunden.

Keine Scheu vor schrillen Farben: Antonio Banderas und Cecilia Roth in „Leid und Herrlichkeit“. Quelle: Verleih

Hat mit „Leid und Herrlichkeit“ das Alterswerk des Antonio Banderas begonnen?

Schwer zu sagen. Ich habe gerade mit Steven Soderbergh eine Satire über die „Panama Papers“ gedreht. Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht. Ich habe viele Pläne in der Schublade. Aber jetzt habe ich auch gerade viel mit meinem Theater zu tun, das ich in Málaga eröffne.

Wie geht es dort voran?

Ich liebe es, junge Leute auf der Bühne zu sehen. Mir geht es da gar nicht um irgendeine Form von Altruismus. Es ist einfach ein befriedigendes Gefühl, wenn man jungen Talenten eine Plattform bieten kann und sieht, wie sie sich weiterentwickeln. Allerdings habe ich eine höchst romantische Art gewählt, mich zu ruinieren: Sie haben keine Ahnung, wie teuer es ist, ein altes Theater in Schuss zu bringen. Wenn Sie mich in den nächsten Jahren nur noch in dummen Filmen sehen sollten, dann liegt das daran, dass ich die Gagen brauche, um das Theater zu finanzieren.

In Málaga sind Ihnen jetzt schon alle dankbar. Stimmt es, dass eine Straße dort nach Ihnen benannt ist?

Es gibt sogar eine Seepromenade mit meinem Namen!

Oh, Gratulation!

Ich bin da aber noch nie hingegangen.

Warum das denn nicht?

Ich würde mich wie ein Geist fühlen. Als die Eröffnung anstand, habe ich dem Bürgermeister sicherheitshalber gesagt, dass ich in Honolulu bin. Das ist doch schräg: Jetzt können Leute Briefe an Antonio Banderas mit der Hausnummer 25 schicken. Ich fühle plötzlich auch eine Verantwortung, keinen Blödsinn mehr machen zu dürfen. Sonst nimmt der Bürgermeister womöglich das Straßenschild wieder ab und schmeißt es ins Meer.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie als Kind mit dem Kino in Kontakt gekommen sind?

Nein, meine ersten Erinnerungen gehen ans Theater zurück. Meine Eltern waren Theater-Aficionados. Das Theater ist für mich etwas ganz Besonderes: wie eine wunderbare Frau, die mich geliebt hat und die ich zwischendurch verlassen hatte – unverständlicherweise. Als Kind habe ich dieses Ritual geliebt: an einen Ort zu gehen, wo eine ganze Truppe von Leuten anderen Leuten eine Geschichte erzählt.

Sie haben Picasso verkörpert, gewissermaßen nun auch Almodóvar. Welcher berühmte Spanier würden Sie noch reizen?

Liebend gern würde ich den Dichter Federico García Lorca spielen. Aber dafür bin ich nun leider zu alt. Lorca stammte auch aus Andalusien, so wie ich.

Ihr Filmcharakter sagt: „Ohne Kino hat mein Leben keine Bedeutung.“ Gilt das auch für Sie?

Jeden Tag ein bisschen mehr. Wenn man älter wird, gibt es einen bestimmten Moment im Leben, in dem nur noch Platz für die Wahrheit ist. Bei mir war dieser Augenblick gekommen, als mich vor zwei Jahren ein Herzinfarkt erwischte: Da habe ich dem Tod ins Gesicht geschaut, und ich habe mich gefragt, ob ich wirklich so aufhören will. Soll es das gewesen sein?

Und dann?

Als ich den Infarkt überstanden hatte, öffnete sich mein Blick auf die wichtigen Dinge. Ich konzentrierte mich auf meine Tochter, meine Freunde, die Arbeit, die ich liebe. Alles andere war unwichtig geworden: Was scherte mich das Auto, das ich mir gerade kaufen wollte?

Braucht man einen Herzinfarkt, um die Prioritäten im Leben neu zu setzen?

Leute, die intelligenter sind als ich, schaffen das vermutlich auch ohne Herzinfarkt.

Zur Person: Antonio Banderas

Madonna schwärmt auch für Antonio Banderas. Wen sie unbedingt mal kennenlernen wolle, wurde die Sängerin von einer Freundin gefragt. „Den Typ aus den Almodóvar-Filmen“, hat sie geantwortet. Die Szene ist belegt: Sie findet sich in der Doku „In Bed With Madonna“ (1990) – und gibt einen ungefähren Anhaltspunkt zur Attraktivität, die Banderas auf Menschen ausübt.

Der 1960 in der andalusischen Hafenstadt Málaga geborene Sohn eines Polizisten und einer Lehrerin wollte eigentlich Fußballer werden, zog sich jedoch als Teenager eine schwere Fußverletzung zu. Just als der spanische Diktator Franco 1975 starb, saß Banderas mit einem dicken Gips da. Der Traum vom Profi war ausgeträumt.

Schnell fand Banderas eine neue Leidenschaft: In Málaga ließ er sich zum Schauspieler ausbilden und trat auf verschiedenen Bühnen auf, auch in Madrid. Dann lernte er den noch unbekannten Regisseur Pedro Almodóvar kennen, und die anschließende Zusammenarbeit ließ Banderas zum Star am spanischen Kinohimmel aufsteigen. „Das Gesetz der Begierde“ (1987), „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988), „Fessle mich!“ (1990), so hießen einige der Filme, bevor Banderas eine zweite Karriere in Hollywood begann.

Um seine erste Rolle dort rankt sich eine hübsche Anekdote: Banderas konnte kein Wort Englisch. Seine Rolle in „Mambo Kings“ (1992) hatte er sich rein phonetisch angeeignet.

Das klappte offenbar vortrefflich: Bald spielte er an der Seite von Tom Hanks im Aids-Drama „Philadelphia“ (1993) den Freund des schwulen Protagonisten.

Von nun an machte der Spanier in Hollywood Furore. Mit Madonna brillierte er im Musical „Evita“ – da war er privat aber mit Melanie Griffith verheiratet (von der er inzwischen wieder getrennt ist). Es folgten Kinoauftritte als Rächer „Zorro“ (1998, 2005), im Malerinnendrama „Frida“ (2002) und in den „Spy Kids“-Filmen. Außerdem lieh Banderas dem Gestiefelten Kater in den „Shrek“-Filmen seine Stimme.

Und dann kehrte der Schauspieler nach Spanien zu seinem Lieblingsregisseur Almodóvar zurück: In „Die Haut, in der ich wohne“ (2011) verkörperte er einen besessenen Chirurgen. In „Leid und Herrlichkeit“ spielt er nun ein Alter Ego Almodóvars – und zwar so gut, dass ihm beim Filmfestival in Cannes im Mai die Schauspieler-Palme verliehen wurde. Das Drama über einen alternden Regisseur, der Rückschau auf sein bewegtes Leben hält, kommt am 25. Juli in unsere Kinos.

Von Stefan Stosch

Theaterregie war lange eine Männerdomäne. Die Schauspielerin Lis Verhoeven setzte sich trotzdem durch und wurde sogar Intendantin. Nun ist sie tot. Traurige Tage für ihre Tochter Stella Adorf, ihren Bruder Michael Verhoeven und seine Ehefrau Senta Berger.

05.07.2019

Nach dem gewaltsamen Tod ihrer drei Jahre alten Tochter hat eine 44-Jährige vor dem Berliner Landgericht gestanden. Im Wahn habe sie ihr schlafendes Kind mit einer Schere angegriffen.

05.07.2019

Vier deutsche Urlauber sollen auf Mallorca eine junge Frau vergewaltigt haben. Nun haben sich die beiden Zimmernachbarinnen der verhafteten Deutschen zu Wort gemeldet.

05.07.2019