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Panorama Verena Becker - stumm vor Gericht, aktiv im Hintergrund
Nachrichten Panorama Verena Becker - stumm vor Gericht, aktiv im Hintergrund
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17:53 16.11.2010
Von Wiebke Ramm
Ein undatiertes Fahndungsfoto von Verena Becker neben dem Bild des ermorderten Generalbundesanwalts Siegfried Buback.
Ein undatiertes Fahndungsfoto von Verena Becker neben dem Bild des ermorderten Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Quelle: dpa
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Die Worte sind nur für sie selbst bestimmt. Verena Becker greift zum Stift, beugt sich über das Papier und notiert: „Nein, ich weiß noch nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll, ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld u. Reue. Natürlich würde ich es heute nicht mehr machen – aber ist das nicht armselig, so zu denken u. zu fühlen?! Das ist nicht Heilung, das scheint noch ein weiter Weg zu sein.“ Es ist der 7. April 2008, als sie diese Zeilen schreibt. Es ist der 31. Jahrestag des Anschlags auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback.

Als Bundesanwalt Walter Hemberger die Zeilen liest, wertet er sie als Eingeständnis, dass Verena Becker 1977 an der Ermordung von Buback und seinen beiden Begleitern in Karlsruhe beteiligt war. Er klagt sie an. Seit dem 30. September muss sich die heute 58-Jährige nun wegen Mordes vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim verantworten. Doch nach neun Verhandlungstagen könnte ihre Situation kaum besser sein.

Die Bundesanwaltschaft reagiert Woche für Woche gereizter auf Michael Buback, den Sohn des RAF-Opfers, der als Nebenkläger am Prozess teilnimmt und dessen Recherchen erst zu den Ermittlungen gegen Becker geführt haben. Gewöhnlich ziehen Anklage und Nebenklage in solchen Situationen an einem Strang. Doch hier sind sie mehr mit gegenseitigen Vorwürfen beschäftigt als mit Becker.

Zum ersten offenen Zerwürfnis in diesem einzigartigen Prozess kommt es, als Buback vor Gericht erwähnt, dass sich der Besitzer des verschollen geglaubten Motorrads, auf dem die Mörder seines Vater saßen, nicht erst nach den ersten Prozesstagen bei ihm gemeldet hat. Es sei ihm vielmehr schon vor ein bis zwei Jahren per E-Mail zum Kauf angeboten worden. Ernst genommen habe er das damals jedoch nicht, eher als kurios abgetan. Bundesanwalt Hemberger gerät in Rage: „Es ist mir vollkommen unverständlich, nachdem Sie mir jahrelang alles Mögliche mitgeteilt haben, dass Sie mir nicht mitgeteilt haben, dass Ihnen jemand das Motorrad angeboten hat.“ Buback kontert. Die Bundesanwaltschaft habe ja den Kontakt zu ihm abgebrochen. Daraufhin verliert Hemberger erst recht die Fassung: „Das schlägt dem Fass den Boden aus! Das ist eine Unverschämtheit!“ In der Akte seien alle Kontakte, stundenlange Gespräche, mit Buback dokumentiert.

Becker nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Als sie 1977 zuletzt an diesem Ort auf der Anklagebank saß, war sie es, die getobt und gebrüllt hat. Damals wurde sie wegen sechsfachen Mordversuchs verurteilt. Sie hatte mit der Waffe auf sechs Polizisten geschossen, mit der drei Wochen zuvor Buback getötet wurde. Doch eine Anklage wegen der Ermordung des obersten Anklägers der Republik erfolgte nicht. Der Sohn des Opfers glaubt zu wissen, warum nicht.

Michael Buback ist überzeugt, dass Becker schon 1977 – und nicht erst wie bekannt 1981 – eine Quelle des Verfassungsschutzes gewesen ist. Und er glaubt, dass die Bundesanwaltschaft und der Verfassungsschutz noch heute eine schützende Hand über sie halten. Beweisen kann er das nicht. Doch er erreicht, dass Becker sich nun wegen Mordes vor Gericht verantworten muss.

Diesmal wählt sie die Rolle der stillen Beobachterin. Gelassen verfolgt sie den Prozess. Man sollte das jedoch nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln. Verena Becker weiß genau, was sie tut.

Am 27. April 2007 trifft sie sich in Mannheim ein Wochenende lang mit alten RAF-Mitgliedern. Mit dabei ist Brigitte Mohnhaupt, die wegen des Karlsruher Attentats zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Mohnhaupt gilt als Anführerin der zweiten RAF-Generation. Nach Ansicht der Ermittler haben die ehemaligen Terroristen bei diesem Treffen ihre Strategie im Fall Buback besprochen. Michael Buback hatte gerade begonnen, öffentlich nach dem Namen des Mörders seines Vaters zu fragen. Im Zug von Mannheim zurück nach Berlin notiert Becker auf ihrem Spiralblock: „Das andere – unsere Strategie: ich suche mir einen Anwalt u. warte ab. Alles Weitere besprechen wir zu gegebener Zeit. Bis dahin abwarten u. Nerven behalten.“

Erstaunlich ist, welche Anwälte die Exterroristin wählt. Neben ihrem Berliner Verteidiger Walter Venedey, Kanzlei-Partner von Gregor Gysi, entscheidet sie sich für „Prinzenanwalt“ Hans Wolfgang Euler. Der Frankfurter Jurist hat Ernst August Prinz von Hannover in Hildesheim gerade gegen den Vorwurf der Körperverletzung verteidigt. Die frühere Staatsfeindin bleibt bei ihrer Entscheidung, auch als sie erfährt, dass Euler Ende der siebziger Jahre Terrorismusforschung für das Bundesinnenministerium unter Werner Maihofer (FDP) betrieben hat und seit sieben Jahren das Bundeskriminalamt (BKA) berät. Vielleicht stört Verena Becker die Zusammenarbeit ihres Wunschverteidigers mit dem Staat. Vielleicht denkt sie auch, dass seine Kontakte in ihrer Situation hilfreich sein können.

Auch Nebenkläger Michael Buback ist von Beckers Verteidigern beeindruckt. Während sein Anwalt Ulrich Endres kaum einen Prozesstag von Anfang bis Ende verfolgt, greifen Beckers Anwälte zum Telefon, um sich etwa bei einem DNA-Experten zu erkundigen, wie hoch denn die Wahrscheinlichkeit ist, nach 33 Jahren verwertbare Spuren an einem Motorrad zu finden. Antwort: gering.

Michael Buback ist Einzelkämpfer, Verena Becker gut beraten. Sie kämpft still für einen Freispruch, er offensiv für die Wahrheit.
Michael Buback will wissen, was genau an jenem Gründonnerstagmorgen gegen 9 Uhr in Karlsruhe geschehen ist, als sein Vater von mindestens 15 Schüssen niedergestreckt wurde. Er meint zu wissen, dass Becker die Hand am Abzug hatte.

Doch die Behauptung ist bisher nicht zu beweisen. Verena Becker ist am Tattag nicht einmal in Karlsruhe gewesen, sagen ihre Anwälte. Auch die Bundesanwaltschaft wirft ihr nur vor, maßgeblich an der Entscheidung und Planung des Attentats beteiligt gewesen zu sein, nicht aber auf dem Sozius des Motorrads gesessen und geschossen zu haben. Die Zeugen vor Gericht werden dennoch dezidiert gefragt, ob die Person auf dem Sozius eine Frau gewesen sein könnte. Bislang ist nur einer überzeugt, dass es so war. Doch dieser Zeuge ist tot.

Ich bin mir auch heute noch zu 99 Prozent sicher, dass die Person auf dem Rücksitz des Motorrads, die also die Maschinenpistole hatte, ein Mädchen war“, sagt Georg V. 1982 der Polizei. 1983 ergänzt er, dass die Frau eine lange spitze Nase mit „geweiteten Nasenflügeln“ hatte. Er habe das aus 70 bis 80 Metern Entfernung erkennen können. Seine Aussage wird in Stammheim verlesen. Natürlich hat Buback registriert, dass auch Becker eine eher spitze Nase hat.

Besonders viel hat sich Buback von der Aussage von Hamdija H. versprochen. Sein Auto stand neben dem Dienstwagen des Generalbundesanwalts, als die Schüsse fielen. Noch am Abend des Attentats vermeldete die „tagesschau“: „Dieser unmittelbare Zeuge des Überfalls auf Buback, ein Jugoslawe, berichtete, dass der Beifahrer auf dem Motorrad möglicherweise eine Frau gewesen sei.“ Doch die Erinnerung von H. ist verblasst. Es saßen zwei Menschen auf dem Motorrad. Mehr weiß er heute nicht mehr zu berichten.

Auch die Zeugin, die bis gestern als Hauptbelastungszeugin gehandelt wurde, will Buback helfen und tut letztlich weder ihm noch sich selbst einen Gefallen. Aus ihrer Angabe, sie habe möglicherweise aus 30 bis 40 Meter Entfernung von ihrem Büro aus eine Frau gesehen, ist am Donnerstag nicht viel übrig geblieben. Auf das Geschlecht der Person auf dem Sozius habe sie anhand der Länge des Oberschenkels geschlossen. Zudem habe die Frau hinten auf der Suzuki bei sehr niedriger Geschwindigkeit in extremer Schräglage nahezu artistische Schießbewegungen gemacht – wider der Schwerkraft und jenseits aller Naturgesetze, resümierte die Bundesanwaltschaft und beantragte, die Aussage für nichtig zu erklären.

Kein Zeuge bringt Verena Becker bislang ernsthaft in Bedrängnis. An schlechten Tagen kommen auch Buback Zweifel, ob er die Wahrheit, die er sucht, in diesem Prozess erfahren wird. Manchmal kommt er dann auf ungewöhnliche Ideen.

Zwei Tage vor Prozessbeginn schickt er Verena Becker einen Brief, den er ihr per Fax und Boten zukommen lässt. Ihre Anwälte sehen darin einen plumpen Überrumpelungsversuch. Vielleicht hat Buback wirklich gehofft, dass sie durch seine Zeilen plötzlich das Schweigegebot der RAF bricht und den Prozess mit einem Geständnis beginnt. Sie tut es nicht.

Einmal scheint Becker das Prozessgeschehen aber doch nahezugehen. Als ein Rechtsmediziner vor Gericht von den zerfetzten Organen im Leichnam des Generalbundesanwalts berichtet, beugt sie sich zu ihren Verteidigern. Einer ihrer Anwälte fasst hinterher in Worte, was vielleicht auch sie denkt: „Warum tut er sich das an?“

Er meint Michael Buback, der ihr in Stammheim Stunde um Stunde gegenüber sitzt, weil vor 33 Jahren die RAF beschlossen hat: „Der General muss weg.“

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