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19:03 09.07.2019
Mehr als 3,8 Millionen Dopingmittel haben Fahnder bei der „Operation Viribus“ sichergestellt – hier präsentieren italienische Polizisten eine Auswahl (links). Vor allem Amateurrennradler, Läufer und Bodybuilder gehören zu den Kunden. Quelle: Fotos: Ufficio Stampa Comando Generale Carabinieri/dpa, thelinke/iStock, SWKrullImaging/iStock, Kai Remmers/dpa
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Den Haag

Es war ein verlockendes Angebot, verbunden mit einem Kompliment, vorgetragen ohne jede Scham oder Heimlichtuerei. Tom, wie er hier heißen soll, kann sich gut an die Szene erinnern. Er stand im Fitnessstudio, jemand kam auf ihn zu und sagte: „Hey, du könntest noch besser aussehen und total viel erreichen damit.“

Mehr musste der Mann nicht sagen. Tom wusste Bescheid. Jeder, so schildert es Tom, weiß bei so einem Satz Bescheid.

„Wenn du im Fitnessstudio trainierst und ein bestimmtes Level hast“, erzählt er, „dann ist es ganz normal, dass diejenigen, die, salopp gesagt, voll auf Stoff sind, zu dir kommen und dir die Präparate anbieten.“ Mittel also, die die Muskeln auf wundersame Art vermehren. Oder die Ausdauer. Oder die die Schmerzen nehmen. Alles kein Problem.

Wenn das Training nicht reicht, setzt man halt Spritzen

In der Welt, von der Tom spricht, ist es ganz normal, dass man Tabletten nimmt oder sich Spritzen setzt, wenn das Training nicht reicht, um dahin zu kommen, wohin man möchte.

Das sagt der Antidoping-Experte Fritz Sörgel im Interview

Diese Welt kennt Tom gut. Er ist Mitte zwanzig, lebt in einer norddeutschen Stadt, ist selbst Amateursportler und hat lange in Fitnessstudios gearbeitet. Er selbst, darauf legt er Wert, hat noch nie irgendwelche Substanzen genommen. Dass er dennoch anonym bleiben möchte, liegt daran, dass er etwas ausspricht, das in dieser Branche niemand gern hört.

„Insgesamt wirst du kein Studio finden, in dem das nicht gemacht wird“, sagt Tom.

Wohlgemerkt: Tom spricht nicht über Spitzensport. Nicht über die Tour de France, nicht über Olympia, sondern über Breitensport. Über die ganz normalen ambitionierten Hobbyathleten von nebenan.

Zur Steigerung der Ausdauer oder für mehr Muskelmasse: Das Fitnessstudio gilt als Hauptumschlagplatz für illegale Dopingsubstanzen.

Es ist diese Welt der Freizeitdoper und ihrer Dealer, der die internationalen Polizeibehörden gestern einen schweren Schlag versetzten. In 33 Ländern durchsuchten sie Dopinglabore und Lager voller Anabolika und gefälschter Medikamente. Die „Operation Viribus“ war laut Europol die größte internationale Anti-Doping-Razzia. Dabei stießen die Fahnder auf einen Handel von gewaltigen Ausmaßen: Rund 3,8 Millionen Dopingmittel wurden sichergestellt.

Der Anfang der Ermittlungen reicht offenbar in das vergangene Jahr zurück. Im Juli vergangenen Jahres fingen Fahnder am Flughafen Wien-Schwechat mehrere verdächtige Pakete ab. Lichtschalter sollten sie laut Etikett enthalten. Stattdessen entdeckten die Zollbeamten 423 Kilogramm Tabletten und Ampullen. Geschätzter Schwarzmarktwert: 423 000 Euro.

Allein in Deutschland wurden 463 Verfahren eingeleitet

Es war der Auftakt zu einer monatelangen Suche nach Hintermännern und Handelswegen. Am Dienstag präsentierte Europol die eindrucksvolle Bilanz: 234 Festnahmen, 17 enttarnte organisierte Banden, allein 24 Tonnen sichergestelltes Steroidpulver. Festnahmen gab es in Deutschland zwar nicht, auch hier wurden aber 463 Verfahren eingeleitet.

Das Foto von Europol zeigt eine „kleine“ Auswahl der beschlagnahmten Dopingmittel. Quelle: Belgium Federal Police/Europol/dpa

Erneut also eine Anti-Doping-Razzia – mit erschreckenden Ergebnissen. Erst Ende Februar hatte das österreichische Bundeskriminalamt bei der „Operation Aderlass“ bei der Nordischen Ski-WM mehrere Personen festgenommen. Der Hauptverdächtige ist ein Erfurter Sportarzt, er gilt als Drahtzieher. Damals gingt es um Spitzensport. Jetzt geht es um die Amateure. Um Freizeitsport. „In den vergangenen 20 Jahren hat der weltweite Handel mit Anabolika dramatisch zugenommen“, resümiert Europol. Konsumenten seien vor allem „Fitnesscenter-Süchtige“. Der Handelsweg laut Europol, in Kürze: „Nicht-professionelle Athleten, Radsportler und Bodybuilder“ besorgen Päckchen mit Steroiden in Asien oder Osteuropa – und liefern diese dann an Fitnesscenter.

Bei den Profis ist die Empörung groß

Beim Thema Doping gibt es ein grobes Missverhältnis: In der öffentlichen Debatte geht es zumeist um die Profis. Wird einer von ihnen enttarnt, ein Lance Armstrong oder Jan Ullrich, ist die Empörung groß. Wie kann er – oder sie – nur. Das weit größere Problem allerdings liegt nicht in den Bergetappen der Tour de France, sondern offenbar deutlich näher: im Fitnessstudio um die Ecke. Oder auch im Hörsaal der nächsten Uni.

So wirkt Doping auf den Körper

Anabole Substanzen: Zu den anabolen Substanzen zählen Steroidhormone wie Nandrolon, Stanozolol und Clenbuterol. Ihre Einnahme regt die Eiweißproduktion in den Muskeln an, um Masse aufzubauen. Doch es gibt Nebenwirkungen wie Arterienverkalkung, Herzinfarkt, die Gefahr einer Thrombose und Leberschäden.

Wachstumshormone: Somatotropin ist ein klassisches Wachstumshormon, das im Doping eingesetzt wird. Das Ziel ist, Körperfett abzubauen und gleichzeitig das Muskel- sowie Skelettwachstum anzuregen. Die Nebenwirkung ist nicht selten ein erhöhter Blutzuckerspiegel sowie krankhaftes Herzwachstum.

Künstliche Hormone: Erythropoetin, auch bekannt als EPO fällt unter die Kategorie künstliche Hormone. Sportler setzen EPO gezielt ein, um die Anzahl ihrer roten Blutkörperchen zu erhöhen und so den Sauerstofftransport zu verbessern, was zur Steigerung der Ausdauer führt. Die mögliche Folge: Thrombosen, Schlaganfälle und Herzinfarkte.

Stimulanzien: Amphetamine, Ephedrin und Oxilofrin sind sogenannte Stimulanzien, mit deren Hilfe Sportler versuchen, Ermüdungserscheinungen zu verzögern sowie die Herzfrequenz zu erhöhen. Doch Stimulanzien können Psychosen auslösen, abhängig machen und Herz-Kreislauf-Probleme verursachen.

Glukokortikoide: Zu den Glukokortikoiden zählen Mittel wie Cortison und Cortisol. Ähnlich wie durch den Einsatz von Amphetaminen kann durch sie die Ermüdung verzögert werden. Auch werden Schmerzen unterdrückt. Ihr Einsatz kann allerdings zur Schwächung des Immunsystems führen und Osteoporose hervorrufen.

Das Doping im Breitensport spiegelt ein allgemeines Phänomen: Es fällt uns offenbar immer schwerer, unsere Grenzen zu akzeptieren. Hinzunehmen, dass wir manchmal unkonzentriert, müde, ängstlich sind. Also nehmen wir Mittel gegen Prüfungsangst, zur Beruhigung, zur Steigerung der Konzentration. Um mitzuhalten mit dem deutlich jüngeren Kollegen. Um wach zu sein, auch wenn das schreiende Kind einen die letzte Nacht permanent am Schlaf gehindert hat. „Hirndoping“ heißt es, wenn wir Mittel gegen Angst, schlechte Stimmung oder Aufregung einwerfen. Zwei Millionen Deutsche sollen es betreiben.

Hobbyrennradfahrer greifen ebenfalls gerne zu illegalen Substanzen, um die Berge schneller hochzukommen. Quelle: E+E+

Der gleiche Mechanismus greift auf dem Rennrad, beim Marathon, im Fitnessstudio. Sechs Monate hartes Training, bis da mal ein Sixpack sprießt? Geht das nicht schneller? Der Lübecker Mediziner Professor Wolfgang Jelkmann verweist auf eine Studie, wonach 25 Prozent der männlichen Fitnessstudionutzer dopen – und 10 Prozent der Frauen. Mischa Kläber, Soziologe und Sportwissenschaftler, der über „Doping im Fitnessstudio“ promoviert hat, geht von einer Million Dopern in deutschen Fitnessstudios aus.

Die großen Ketten schweigen

Auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland wollen sich die großen Fitnessketten Fitness-Future, McFit, Easyfitness und Fitness First am Dienstag nicht zu der Frage äußern, ob Doping in ihren Filialen ein Problem darstellt. Jürgen Funke vom hannoverschen Studio Atrium Fitness demonstriert Entschlossenheit: „Bei uns im Studio hat Doping nichts zu suchen“, versichert er. Wer dopt – was selten vorkomme –, der werde des Studios verwiesen. Claus Wartenberg, Vorsitzender des Fitness- und Bodybuildingverbands Brandenburg, leugnet gleich mal pauschal jede eigene Betroffenheit: „Wir haben damit keine Probleme, wir sind ein Breitensportverband.“

Oder möchten hier manche vielleicht einfach nicht sehen, was nicht sein darf?

Die Schilderungen von Insidern erzählen jedenfalls von einem nahezu alltäglichen Umgang ambitionierter Hobbysportler mit verbotenen Substanzen. „Wenn du im Amateurbereich einen etwas höheren Level hast, dann ist der Leistungsdruck eigentlich immer da“, sagt Tom. Viele kauften Mittel im Internet. Immer wieder würden Mittel aber auch direkt im Fitnessstudio angeboten. Wer sie nimmt, sei nicht leicht zu erkennen. „Das liegt vor allem daran, dass die Leute immer früher anfangen, die Mittel zu nehmen. Manche nehmen bereits mit 14 oder 15 Jahren ihre ersten Steroide.“ Die Anleitung dazu fänden sie in „zig Youtube-Videos“, die zeigen, wie man ein Mittel richtig nimmt – oder gleich spritzt.

Die Gefahr erwischt zu werden, ist offenbar gering

Anfällig sind vor allem junge Männer. Der Ulmer Sportmediziner Jürgen Steinacker, Anti-Doping-Beauftragter der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin, nennt sie die „idealen Kunden“. Wie bei Drogen gebe es „organisierte Dopingringe, die in Fitnessstudios die Kunden anbaggern“.

Die Gefahr, erwischt zu werden, ist offenbar gering. Anders als in Dänemark, wo die Anti-Doping-Behörde in Fitnessstudios kontrolliert, müssen Sportler hier keine Überwachung fürchten, solange sie nicht an Wettkämpfen teilnehmen. Verboten ist der Handel mit Dopingsubstanzen, nicht aber der reine Konsum. Wer dopt, betrügt primär sich selbst. Und, weit gefährlicher: Er geht ein erhebliches Gesundheitsrisiko ein.

Die Frage, wo Doping überhaupt beginnt, ist umstritten

Eingenommen und gespritzt wird alles, was der Arzneischrank hergibt – und oft auch der für Tierarzneien: Kreatin zum Muskelaufbau, kortisonhaltige Asthmasprays, Wachstumshormone, Anabolika, Testosteron, Viagra zur Durchblutungssteigerung. Die Frage, wo Doping überhaupt beginnt, ist umstritten. Harmlos sind aber auch die vermeintlich leichten Formen nicht. Als vergleichsweise gängig gilt zum Beispiel die vorsorgliche Einnahme von Schmerzmitteln vor einem Marathon. Beim Bonn-Marathon 2010 gaben rund 60 Prozent der Starter die Einnahme zu. Besonders beliebt: Ibuprofen und Diclofenac. Ärzte warnen jedoch vor der unkontrollierten Einnahme vor solchen Anstrengungen – und erst recht vor den weit stärkeren Mitteln. Es drohten „schwere Schädigungen des Herzens, die teilweise nicht umkehrbar sind“, erklärt Angelika Guth vom Bundesverband Niedergelassener Kardiologen.

Was hilft nun? Schärfere Gesetze? Der Lübecker Mediziner Jelkmann, der auch bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur mitarbeitet, glaubt nicht an Repression: „Wir brauchen mehr Aufklärung, gerade auch über die Nebenwirkungen alltäglicher Medikamente und bei den Nichthochleistungssportlern“, forderte er schon 2018. Bisweilen kann man da offenbar auch auf die Einsicht der Sportler selbst hoffen. „Ich wollte nie meine Gesundheit für meinen Sport gefährden“, sagt Tom, der Mitarbeiter aus dem Fitnessstudio, „und natürlich vor allem auch nicht rausfliegen.“

Diese Substanzen finden sich in jedem Haushalt

Von Leonie Zimmermann, Luisa Ziegler, Stephan Henke und Thorsten Fuchs / RND

Europol ist ein großer Schlag gegen die Doping-Szene gelungen. Zwar gibt es in Deutschland keine Festnahmen – aber hunderte Strafverfahren. Ein Amateursportler verrät, wieso Bodybuilder auf Doping zurückgreifen und wie es Sportlern ergeht, die mit verbotenen Substanzen erwischt werden.

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