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Panorama Wie die dänische Insel Samsø CO2-neutral wurde
Nachrichten Panorama Wie die dänische Insel Samsø CO2-neutral wurde
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21:05 18.11.2009
„Wenn die Sonne scheint, freut man sich – wenn es stürmt auch“: Energiegewinnung aus Wind und Sonne auf Samsø. Quelle: Gamillscheg
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Ökofreaks haben eigentlich andere Hobbys. Wenn Stefan Wolffbrandt stolz durch sein Haus führt, das er als „erstes CO2-freies“ der dänischen Insel Samsø selbst gebaut hat, mag man es erst einmal nicht glauben, dass sich hinter dem schmucken Gebäude alte Autos auftürmen. Austins haben es Wolffbrandt angetan, 40 davon hat er als Wracks aufgekauft, liebevoll restauriert, poliert, gestestet: den Austin 10 Sedan aus dem Jahr 1932, dessen 21 Pferdestärken Tempo 89 erlauben, oder das königsblaue Schmückstück A 40 Sommerset von 1953, das er in 36 Sekunden auf 100 Stundenkilometer treiben kann.

Ist das ein Widerspruch zu dem Lebensstil, den er in seiner Wohnung propagiert, in der er frühestens im November zu heizen beginnt und die Nachtlampe mit einer Solarzelle speist, die er tagsüber zum Aufladen aufs Fensterbrett legt? „Überhaupt nicht“, sagt der 43-Jährige, der seinen Lebensunterhalt als Musiker verdient. Die Halle, in der er seine Oldtimer ausstellt, nennt er das „erste CO2-neutrale Museum der Welt“, beheizt mit Biomasse, gewärmt mit Sonnenenergie, beleuchtet mit Windkraft. „Wer sagt denn, dass man nicht Spaß haben kann, nur weil man nachhaltig leben möchte?“

Die Wolffbrandts versagen sich wenig. 200 Quadratmeter Wohnfläche bietet ihr Haus, Geschirrspüler, Mikrowelle, Flachbildschirm, Computer, alles da. In der offenen Küche ist es kühl, aber angenehm, obwohl es draußen schon friert und im Ofen keine Holzpellets brennen. Die Sonne steht noch hoch genug, um durch die Solaranlage auf dem Dach Wärme zu spenden, und 50 Zentimeter Isoliermasse im Boden und in den Wänden verhindern das Auskühlen. „Energierichtig zu bauen kostet zehn Prozent mehr“, rechnet Wolffbrandt vor, „in fünf Jahren hat sich das rentiert.“

Die Haushaltmaschinen brauchen Strom, doch der Stromzähler tickt hier rückwärts. 7500 Kilowattstunden (kWh) ist Wolffbrandts Energieverbrauch. 6000 kWh erzeugt die Solaranlage, 4000 das Windrad, das er hinter der Scheune errichtet hat. Den Überschuss speist er ins Stromnetz ein und kassiert dafür ab. Mehr als 1000 Quadratmeter unter Dach zählt sein Anwesen mit Haus, Museum, Schuppen, Gartenstube. „Bei Ölheizung würde mich das 10 000 Euro im Jahr kosten – ich zahle 2000“, sagt Wolffbrandt. Das ist gut für die Haushaltskasse und gut fürs Gemüt: „Wenn die Sonne scheint, freut man sich. Und wenn es stürmt, freut man sich auch.“

Diese Freude teilt er mit den anderen Inselbewohnern. Denn wie Wolffbrandt lebt ganz Samsø CO2-neutral. 1997 hatte Dänemarks damalige rot-grüne Regierung ein Vorzeigeprojekt gesucht, einen Ort, der binnen zehn Jahren die Kohlendioxidemissionen neutralisieren würde. Die Kattegat-Insel bekam den Zuschlag. Eine Handvoll Heißsporne, ein paar Idealisten waren es, die das Inselleben ummodelten. Heute freilich stehen alle dahinter, und wer es nicht tut, sagt es zumindest nicht laut. „Jeder will gerne Teil eines Erfolgs sein“, sagt Inselklempner Ole Hemmingsen, der „natürlich“ auch selbst in eine Windmühle investiert und seine Ölheizung durch Wärmepumpe und Holzofen ersetzt hat.

Denn ein Erfolg ist das Samsø-Projekt geworden, in einem Maß, dass jetzt, vor dem Kopenhagener Klimagipfel, der die CO2-Emissionen eindämmen soll, Experten, Politiker und Medien aus aller Welt auf die dänische Insel pilgern, um sich dort inspirieren zu lassen, wie dies machbar ist. Das Samsø-Modell lehrt: mit einfachen Mitteln. Und mit lokaler Verankerung. Man hat auf dem Eiland keine neuen Technologien entwickelt. Man verbrennt Stroh und Holz. Man nutzt Sonne und Wind. Das reicht, um die Gleichung aufgehen zu lassen: Samsø ist CO2-neutral. „Es gibt drei Parameter“, sagt Jesper Kjems von der lokalen Energieakademie, „Strom, Heizung und Transport. Bei allen sind wir im Soll.“ Elf Windräder von je einem Megawatt Leistung decken den Strombedarf der 4000 Samsinger zu hundert Prozent. Ein Kabel zum Festland sorgt für Nachschub an windstillen Tagen und exportiert den Überschuss, wenn es bläst, und da es auf Samsø häufiger stürmisch als windstill ist, ist die Stromrechnung ein Plusgeschäft.

Drei Viertel der Bevölkerung heizen auch mit erneuerbarer Energie. 65 Prozent sind an die vier mit Biomasse betriebenen Fernwärmewerke angeschlossen. Die Bauern, die das Stroh früher auf ihren Feldern abfackelten, liefern jetzt 600 Kilo schwere Ballen in die Heizanlagen, bekommen dafür acht Cent pro Kilo und später die Asche als Dünger, und der Preis für die Wärme ist billiger als mit Öl. Doch die Autos, die Traktoren, die Fähren, die für die Verbindung zum Festland sorgen und auch die Öfen derer, die sich mit den neuen Zeiten nicht anfreunden können, brauchen weiter Benzin und Öl. Dafür hat man auf Samsø Ausgleich geschaffen. Elf Offshore-Windräder wachsen vor der Küste aus dem Meeresboden und senden Strom nach Jütland. „Wir exportieren mehr Energie, als wir an Ölprodukten einführen“, sagt Kjems, und weil der überschüssige Strom dazu beiträgt, dass Jütlands Kraftwerke weniger Kohle verbrennen, brüstet sich Samsø mit einer CO2-Reduktion „um 140 Prozent“.

Dafür haben die Samsinger 56 Millionen Euro investiert, Selbsterspartes und Steuergeld. Doch der Staat hat nur minimale Startkosten zugeschossen. Da war viel Überzeugungsarbeit nötig, viel Kaffeetrinken, viel Palaver. „Lokales Engagement ist wichtig. Sonst hassen die Leute die Windmühlen. Wir mussten die Meinungsführer überzeugen“, sagt Søren Hermansen, Leiter der Energieakademie. Wer eine neue Heizung braucht, redet nicht mit ihm, sondern mit dem Klempner. So brachte Hermansen die Handwerker zusammen und bildete sie aus. „Viele sind skeptisch gegenüber neuer Technik“, sagt Ole Hemmingsen, „ich weiß jetzt, wie Solarenergie funktioniert.“

Wichtig war die Apfelpresse. Die lud Hermansen auf den Lieferwagen und fuhr über die Insel. Die Bauern kamen mit ihrer Ernte, pressten ihren Saft, Hermansens Frau hatte Apfelkuchen gebacken. Und wenn alle satt und zufrieden waren, begann er von Windkraft zu reden, rechnete vor, und sie rechneten nach und nickten. Sollten sie Windmühlen bauen? Der Staat garantierte einen günstigen Preis für den Strom, den sie produzieren würden, zehn Jahre lang. Bis dahin hatte sich der Bau längst amortisiert. Da kauften sie Anteile an den Windrädern, manche in großem Stil wie Jørgen Tranebjerg, der 2,4 Millionen Euro in Turbinen investierte und den man heute Strombauer nennen könnte statt Milchbauer, weil er zwar 150 Kühe hat, mit seinen Windrädern aber mehr Geld verdient als mit der Milch.

Für die meisten, ist Hemmingsen überzeugt, „zählt der Rechenstift“. Die Energieumlegung zahlt sich aus. Wenn sie auch noch der Umwelt hilft, umso besser. Aber ausschlaggebend ist das nicht. „Samsø ist kein Ökoparadies“, rückt Kjems falsche Vorstellungen zurecht, „und was wir hier tun, tun wir nicht, um die Welt zu retten, sondern um Samsø zu nützen.“

Auf Samsø waren anfänglich viele skeptisch. „Sie fürchteten, dass die Windräder die Touristen vertreiben würden. Jetzt zahlen die Touristen 20 Euro für eine Bootstour zu den Turbinen“, sagt Kjems. Wie es weitergehen soll? Mit Elektroautos zum Beispiel. Auf dem Festland ist die geringe Reichweite der mit Strom betriebenen Fahrzeuge noch ein Hindernis. Nach 80 Kilometer heißt es Nachladen. Das ist auf einer Insel, die von der Nord- zur Südspitze nur 20 Kilometer misst, kein Problem. Man könne die Batterien nachts billig mit Windstrom aufladen und den zum Fahren nicht benötigten Überschuss untertags, wenn der Strompreis höher ist, wieder ins Netz einspeisen, kalkuliert Kjems. So ließe sich selbst beim Autofahren Geld verdienen.

Von Hannes Gamillscheg

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