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20:39 10.11.2011
Von Sebastian Harfst
Führerhaus zerquetscht: Bei diesem Auffahrunfall auf der Autobahn 1 kam der Lkw-Fahrer ums Leben. Quelle: Polizei
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Sittensen

Diese Tätigkeiten, die bei ausgestelltem Motor ausgeführt so harmlos anmuten würden, bergen nach Meinung der Polizei aber riesige Gefahren auf der Autobahn. „Die meisten Lastwagenunfälle passieren durch Unaufmerksamkeit“, sagt Knut Nagel von der Autobahnpolizei Sittensen. Zwischen den Anschlussstellen Rade und Posthausen überwachen er und seine Kollegen eine Strecke von 55 Kilometern auf der Autobahn 1. Allein drei schwere Lkw-Unfälle verzeichnete Nagels Abteilung in den vergangenen Wochen. Bei einem Auffahrunfall mit zwei Lastwagen verletzten sich beide Fahrer.

Und auch bei der Unfallserie auf der A 7 zwischen Hannover und Hamburg am 1. November waren in sämtliche Karambolagen Lastwagen verwickelt. Bei drei Auffahrunfällen am Stauende mit mehreren Verletzten kam der Fahrer eines Transporters ums Leben. „Ein großes Problem ist die Gleichförmigkeit des Jobs der Brummifahrer“, hat Nagels Chef Klaus-Dieter Kroll festgestellt. Tag für Tag, Stunde um Stunde säßen sie am Steuer. Um die Monotonie zu durchbrechen, versucht sich dann der eine oder andere abzulenken, stellt den Fernseher an oder kommt auf andere Ideen.

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Ein Rechenbeispiel der Polizisten verdeutlicht die darin liegende Gefahr: Ein Lastwagen, der mit 80 Stundenkilometern unterwegs ist, legt 22 Meter pro Sekunde zurück. Das Einstellen eines Radiosenders dauere allein drei Sekunden. Auf 66 Metern Strecke gehört die Aufmerksamkeit des Fahrers dann nicht mehr voll und ganz der Straße. Autobahnpolizist Nagel erinnert sich an den tödlichen Unfall eines Lastwagenfahrers vor einigen Jahren auf seinem Streckenabschnitt. „Der Tote hatte die Wurst, die er offenbar gerade gegessen hatte, noch in der Hand.“

Die meisten schweren Auffahrunfälle mit Beteiligung von Lastwagen verzeichnen die Sittenser Autobahnpolizisten während der frühen Nachmittagsstunden in Fahrtrichtung Bremen. Im Frühjahr blende das tief stehende Gegenlicht die Fahrer. „Dazu kommen die beginnende Ermüdung bei dem oft frühen Arbeitsbeginn der Trucker und der biologische Tiefpunkt nach der Mittagszeit“, hat Dienststellenchef Kroll festgestellt. Ein Problem sei, dass viele Lastwagenfahrer auf ihren Touren auch in den schweren Gefährten wohnen, sagt Martin Bulheller, Sprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung. Der eine oder andere macht es sich dann mithilfe von Gardinen, die während der Fahrt die Sicht einschränken können, ganzen Stofftierbatterien hinter der Frontscheibe und zusätzlicher Innenraumbeleuchtung heimelig. Alles das habe er bereits gesehen, sagt Bulheller. Alles das sei aber auch verboten. Trommle ein Fahrer während der Fahrt, diene dies mitunter dazu, die Konzentration während der einschläfernden Tätigkeit mit dem Fuß auf dem Gaspedal hochzuhalten, meint Bulheller.

Die zum Teil verheerenden Folgen der letzten Lastwagenunfälle können über eines nicht hinwegtäuschen: Insgesamt ist die Anzahl der Todesopfer nach Lkw-Karambolagen während der vergangenen fast 20 Jahre deutlich zurückgegangen. 1992 starben dabei bundesweit 1883 Menschen, 2010 noch 860. Damit diese Zahl weiter abnimmt, setzen die Sittenser Autobahnpolizisten auch harsche Methoden ein. Auf Bannern an Brücken, die mit Bildern von tödlichen Unfällen bedruckt sind, appellieren sie an die Aufmerksamkeit der Brummifahrer.