Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Panorama Zugverspätungen kein Geheimnis mehr
Nachrichten Panorama Zugverspätungen kein Geheimnis mehr
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 20.09.2011
Die Bahn hat die jahrelange Heimlichtuerei bei der Pünktlichkeitsstatistik beendet. Quelle: dpa
Anzeige
Berlin

Im August waren nach Angaben des Unternehmens die Personenzüge zu 93,2 Prozent pünktlich – innerhalb der Fünf-Minuten-Grenze, die 5:59 Minuten umfasst. Schlechter als der Durchschnitt ist der Fernverkehr: IC und ICE schaffen nur 80,9 Prozent, im Nahverkehr liegt die Quote bei 93,6 Prozent. Bei der Fünfzehn-Minuten-Pünktlichkeit schneidet die Bahn nach eigenen Daten besser ab: Im August kamen 98,6 Prozent der Personenzüge in der Grenze von 15:59 Minuten an.

Mit diesen Werten könne die Bahn im internationalen Vergleich gut mithalten, betont das Unternehmen. Allerdings fahren die Züge in diesem Jahr weniger pünktlich als in den beiden Vorjahren. Saisonale Schwankungen in der Pünktlichkeit liegen nach Darstellung des Unternehmens oft an extremen Witterungsbedingungen, auch Suizidfälle beeinträchtigen den Verkehr stark. Die Ausreißer im August sind durch Unwetter in großen Teilen Deutschlands bedingt. Entwurzelte Bäume und beschädigte Oberleitungen stellten die Bahn vor große Probleme. „Die Zahlen in diesem Jahr belegen, dass wir deutlich pünktlicher unterwegs sind als uns von Kritikern oft vorgeworfen wird“, erklärte Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr der DB. „Wir haben jedenfalls nichts zu verbergen.“ Dies war unter dem früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn anders: Um beim geplanten Börsengang das Unternehmen nicht in ein schlechtes Licht zu rücken, blieben Angaben zur Pünktlichkeit geheim.

Anzeige

Diskussionen gibt es über das Erhebungsverfahren. Die Pünktlichkeitsstatistik bildet bisher 800.000 Fahrten von Personenzügen pro Monat ab, davon 20.000 im Fern- und 780.000 im Nahverkehr. Im Fernverkehr sind dies alle Verkehrshalte, im Nahverkehr ist das Messnetz allerdings noch löchrig. Bislang wird nur eine repräsentative Auswahl von mehreren Hundert Haltepunkten erfasst. Ab Januar 2012 sollen auch im Nahverkehr alle Daten erfasst werden.
Dies erklärt womöglich auch, dass die Realität an den Bahnsteigen anders aussieht als die Statistik. Auch im Nahverkehr dürften die Verspätungswerte höher liegen, weil die Züge in der Regel auf verzögerte Fernzüge warten müssen.

Zudem weichen die Angaben über die Pünktlichkeit im Internet von dem ab, was der Fahrgast am Bahnsteig erlebt: Züge, die auf der Homepage der Bahn „pünktlich“ sind, sind nicht selten verspätet, weil die Aktualisierung im Netz nicht klappt. Gründe, warum ein Zug nicht oder später fährt, sind zudem von Bahnmitarbeitern vor Ort nur schwer zu erhalten, weil die Kommunikation zu den Fahrdienstzentralen der Bahn oft nicht funktioniert. Die Stiftung Warentest hat denn auch ganz andere Daten ermittelt. Zwischen dem 1. Juli 2010 und dem 30. Juni 2011 wertete sie rund 1,9 Millionen Zugankunftszeiten auf 20 Bahnhöfen aus. Danach kamen etwa ein Drittel der Fernzüge und fast 20 Prozent der Regionalzüge mehr als fünf Minuten zu spät ans Ziel. Im Winterchaos im Dezember 2010 waren gar nur etwa 56 Prozent aller Züge pünktlich.

Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ begrüßte die Online-Statistik. „Mir ist eine Schlechtleistung, die man offenlegt, lieber als eine Schlechtleistung, die verheimlicht wird“, erklärte der Vorsitzende Karl-Peter Naumann.

Überblick der Bahnverspätungen im Internet: www.bahn.de/puenktlichkeit

Frank Lindscheid
 und Alexander Dahl