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Deutschland / Welt Abschied vom neuen China
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10:00 14.04.2019
Mehr als 30 Jahre Reformpolitik haben China vom sozialistischen Armenhaus in ein Boomland verwandelt. Peking ist heute aufgeräumt, rundum überwacht – und für viele Menschen unerschwinglich. Quelle: iStockphoto
Peking

Die Packer waren schon da, das Büro ist aufgelöst, ein letzter Gang zum Steuerbüro steht noch an. Und dann die Abmeldung beim chinesischen Außenministerium. Es gibt auch noch ein paar Freunde, von denen ich mich verabschieden möchte.

Trotz des vollen Terminkalenders habe ich den smogfreien Frühlingsmorgen genutzt, um noch einmal den Kohleberg im Jingshan-Park hochzusteigen, der sich direkt hinter der Verbotenen Stadt erhebt. Denn das ist mein Lieblingsort in Peking.

Ich wollte noch einmal über die goldenen Dächer des Kaiserpalastes schauen, den Blick schweifen lassen über den großen Platz des Himmlischen Friedens dahinter und das Mausoleum, in dem die Leiche von Mao Tsetung einbalsamiert liegt. So wollte ich meinen Aufenthalt als China-Korrespondent beenden – an dem Ort, an dem ich ihn vor sieben Jahren begonnen hatte.

Vom sozialistischen Armenhaus zum Boomland

Ich kann mich noch genau erinnern, wie beeindruckt ich war, als ich wenige Tage nach meiner Ankunft an ebendieser Stelle stand. Ich kannte Peking aus meiner Kindheit in den Achtzigerjahren. Damals hatte ich schon einmal für mehrere Jahre in Chinas Hauptstadt gelebt.

In Erinnerung hatte ich vor allem ein graues Peking. Es gab keine Wolkenkratzer, kaum Autos, dafür umso mehr Fahrräder. Es gab auch noch keine Werbetafeln, kaum Geschäfte, und die Menschen waren alle einheitlich gekleidet – dunkelblau und grau. China war damals arm. Es gab nur wenig Bäume. Peking liegt am Rande der Wüste, natürlich wächst hier nur wenig.

Das war 2012 anders. Ich staunte geradezu, wie grün die Stadt geworden war, wie quirlig und vielseitig das Leben auf den Straßen. Mehr als 30 Jahre Öffnungs- und Reformpolitik hatten das Land vom sozialistischen Armenhaus in ein Boomland verwandelt. In Peking herrschte Aufbruchstimmung. Überall bauten Wanderarbeiter an neuen U-Bahn-Linien, Hochstraßen, Einkaufszentren und Wolkenkratzern. Die Stadt legte neue Parks an, begrünte die Gehwege, legte noch größere und breitere Straßen an.

In den Restaurants wird kaum noch gebrüllt

Ich erinnere mich, wie laut ich Peking empfand: Autos hupten, Wanderarbeiter ratterten mit Presslufthämmern, neureiche junge Chinesen brüllten in ihre Klapphandys. Es wurde viel geschubst und gedrängelt. Und dann der Smog. Er hüllte die Stadt teilweise wochenlang in schmutzigen Dunst ein.

Immerhin gab es noch die alten Hutong-Viertel, kleine Gässchen mit den traditionellen Wohnhöfen und den vielen Garküchen. Der scharfe Pfeffergeruch der Grillspießchen brannte in der Nase. Dort saßen die alten Männer und Frauen auf ihren kleinen Hockern, wie ich es aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Sie waren immer für ein Schwätzchen offen. Oft laut und etwas ruppig in der Wortwahl, aber interessiert und herzlich. Die Veränderungen – sie waren damals schon groß. Das alte Peking aber war noch zu finden.

Heute sind Pekings Straßen sehr viel sauberer geworden – geradezu steril. Die Stadtverwaltung hat nicht nur noch mehr Bäume gepflanzt. An jeder Ecke stehen Kübel, in die laufend frische Blumen gesetzt werden. In den Restaurants wird kaum noch gebrüllt, auf den Straßen weniger geschubst. Auch die Luft ist sauberer. An jeder zweiten Straßenlaterne hängen nun Überwachungskameras. Doch auch die Wanderarbeiter sind aus dem Straßenbild verschwunden.

Chinesische Frauen machen ein Selfie vor einem mit roten Laternen geschmückten Baum vor dem chinesischen Neujahr im Pekinger Ditan Park. Quelle: Andy Wong/AP/dpa

Vor zwei Jahren tauchten eines Morgens Sicherheitskräfte mit Bautrupps und Gärtnern in meinem Viertel auf. Sie machten sämtliche Geschäfte dicht, mauerten ihre Ladentüren zu. Sie seien illegal, hieß es. Anstelle der abgerissenen Buden pflanzten die Gärtner Bäume und Blumen.

Über Jahrzehnte hinweg hatte die Stadtverwaltung sich an diesen Geschäften und Garküchen nicht gestört. Nun will Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping Peking zu einer aufgeräumten Hauptstadt machen. Das große Vorbild heißt Singapur. Wanderarbeiter werden nicht mehr gebraucht. Sie sind vertrieben.

Peking ist auch sehr viel teurer geworden. Die Wohnungspreise gehören zu den höchsten der Welt. Chinas Hauptstadt ist inzwischen auch die Stadt mit den weltweit meisten Superreichen.

Von der Putzfrau zur Millionärin

Meine Putzfrau, die schon seit mehr als 30 Jahren hier lebt, ist mit dem Verkauf ihrer Zweizimmerwohnung auf einen Schlag Millionärin geworden. Sie hatte ihre zentral gelegene Wohnung Ende der Neunzigerjahre günstig übertragen bekommen. Sie verkaufte die alte Wohnung und lebt nun am Stadtrand. Zum Putzen kommt sie nur noch, um sich eine Pause von ihrem halbwüchsigen Enkel zu gönnen, um den sie sich kümmern muss.

Ein junger Ingenieur, den ich vor Kurzem erst kennenlernte, musste Peking nach nur einem Monat wieder verlassen. Er wollte den Job als Abteilungsleiter einer bekannten deutschen Autofirma antreten. Doch er fand keine Wohnung, die er sich leisten konnte. Er arbeitet nun in einer Provinzstadt bei einer chinesischen Autofirma.

Ich verlasse Peking mit gemischten Gefühlen. Ich habe gemerkt, dass ich im Pekinger Straßenverkehr sehr viel weniger Geduld aufbringe als noch vor sieben Jahren. Als mir damals ein Wanderarbeiter mit seinem Lastendreirad in die Seite meines Fahrrads fuhr, klopfte ich ihm freundlich auf die Schulter. Neulich fuhr mich ein neureicher Autofahrer an, dabei verbog mein Hinterrad. Ich tobte vor Wut. Es ist Zeit zu gehen, dachte ich.

Chinesen kennen keine Scheu vor Neuem

Vermissen werde ich an China die Bereitschaft der Menschen, stets optimistisch in die Zukunft zu blicken – trotz der immer stärkeren Kontrollen des Staates und der in den vergangenen Jahren wieder verschärften Repression gegenüber Systemkritikern. In Deutschland habe ich hingegen zuweilen das Gefühl: Für jede Veränderung muss man sich rechtfertigen. Diese Scheu vor Neuem kennen Chinesen nicht.

Ich freue mich trotzdem darauf, wieder in ein Land zurückzukehren, das frei ist von Zensur und Willkürherrschaft; wo Wohlstand auf eine breite Masse verteilt ist und nicht auf eine zahlenmäßig zwar große, anteilsmäßig jedoch kleine Minderheit.

Und doch ist mir klar: China wird mich weiter beschäftigen. Denn der Wandel in diesem Land und die Auswirkungen auf den Rest der Welt sind zu gewaltig.

Felix Lee Quelle: Mirja Pflug

Zur Person: Felix Lee arbeitete als Wirtschafts- und Politikredakteur in Deutschland, bevor er als Korrespondent nach China ging. Der 1975 geborene Journalist hat chinesische Wurzeln und wuchs in Deutschland auf.

Von Felix Lee

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