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Deutschland / Welt Gewalt im Südsudan eskaliert
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Gewalt im Südsudan eskaliert
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14:04 27.04.2014
Frauen und Kinder warten im Südsüdan während der Kämpfe zwischen Rebellen und der Armee auf ihre Nahrungsrationen. Quelle: Kate Holt
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Johannesburg

Dinka und Nuer sind die größten unter den rund 60 ethnischen Gruppen im Südsudan. Sie machen etwa ein Viertel der 6-Millionen-Bevölkerung im jüngsten Staat der Erde aus. Seit Jahrhunderten rauben sie sich schon gegenseitig das Vieh. Richtig ernst wurde der Hass aber erst im Bürgerkrieg gegen den Norden: Südsudanesische Politiker und die Regierung in der sudanesischen Hauptstadt Khartum wiegelten die Stämme im Kampf um die Macht gegeneinander auf.

Nun kämpfen in dem afrikanischen Krisenstaat Regierungssoldaten von Präsident Salva Kiir gegen Rebellen, die mit seinem früheren Stellvertreter Riek Machar sympathisieren. Der Machtkampf der beiden Politiker war Mitte Dezember blutig eskaliert. Seither kommt es immer wieder zu schwerer, nicht zuletzt ethisch motivierter Gewalt zwischen den Dinka und Nuer, denen die beiden Politiker angehören. Doch das jüngste Gemetzel an mehr als 200 Zivilisten in der Stadt Bentiu habe das Land „in eine neue Dimension des Horrors“ gestürzt, sagt Sky Wheeler von Human Rights Watch.

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„Der Krieg ist bereits voll ausgebrochen.“

Der Rebellensprecher Lul Ruai Koang sagt am Telefon: „Der Krieg ist bereits voll ausgebrochen.“ In den ölreichen nördlichen Bundesstaaten Oberer Nil und Jonglei habe es schwere Geschützfeuer gegeben. Dass sich die Kämpfe in den vergangenen zwei Wochen verschärft haben, bestätigt auch die Regierungsseite. In dem Konflikt geht es vor allem um die Kontrolle der Ölfelder: Das bitterarme Land erzielt ungefähr 90 Prozent seiner Einkünfte mit Ölgeschäften.

Die Weltgemeinschaft zeigte sich schockiert, nachdem Rebellen Mitte April Bentiu erobert und Jagd auf alle Nicht-Nuer in der Region gemacht hatten. Die Zivilisten - Männer, Frauen und Kinder - wurden unter anderem in einem Krankenhaus, in einer Moschee und einer Kirche getötet. Die Friedensmission der Vereinten Nationen im Südsudan (UNMISS) verurteilte die Ermordung aufs Schärfste.

Nach UN-Berichten werden die Rebellen im Radio dazu angestachelt, Frauen anderer Ethnien zu vergewaltigen. „Das ist das erste Mal, dass wir uns bewusst sind, dass das geschieht“, sagt Wheeler. In der Tat weckt das Erinnerungen an den Genozid in Ruanda vor 20 Jahren. 1994 hatten dort Hutu-Milizen binnen 100 Tagen mehr als 800 000 Tutsis und moderate Hutus getötet. Das Radio spielte bei der Entfesselung der Gewalt auch damals eine gewichtige Rolle. „Wie könnten wir da nicht besorgt sein über ein weiteres Ruanda?“, fragt Wheeler.

Die Rebellen indes streiten ab, in Bentiu Zivilisten getötet zu haben. Die Menschen in der Moschee seien regierungstreue Kämpfer gewesen, sagt Rebellensprecher Koang. Was die Radioübertragung angehe, wisse er nicht, wer da gesprochen habe. Nur wenige Tage nach den Vorfällen in Bentiu stürmten Dinka-Jugendliche ein von Nuer bewohntes UN-Lager in Bor, sie töteten mindestens 60 Menschen.

Fortschritt könnte verloren gehen

Derweil sind mehr als eine Million Menschen aus ihren Häusern geflohen, viele suchen Schutz in den Nachbarländern, in Flüchtlingslagern und UN-Camps. Hunderttausende verstecken sich in Wäldern, sagt Christopher Lockyear von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Nach dem Massaker von Bentiu sei die Zahl der Menschen in der lokalen UN-Basis von 6000 auf 20.000 hochgeschnellt. Falls nicht mehr Hilfe nach Bentiu komme, könne sich die Situation binnen weniger Tage zu einer humanitären Katastrophe ausweiten, warnt er.

Seit der Südsudan nach zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg 2011 unabhängig wurde, entstanden Schulen und Krankenhäuser, eine Verwaltung wurde aufgebaut, die Wasserversorgung verbessert. All das könnte jetzt wieder zerstört werden, appelliert das katholische Hilfswerk Misereor. Weil die Kämpfe viele Bauern von der Ernte abgehalten haben, leiden nach UN-Angaben etwa eine Million Menschen Hunger.

Die Regierung und die Rebellen beschuldigen sich gegenseitig, die Waffenruhe zu brechen. Die Vereinbarung, die unter internationalem Druck nach zähen Verhandlungen zustande kam, sei niemals ernst genommen worden, sagt Menschenrechtler Wheeler. Zwar hat Präsident Kiir diese Woche den Armeechef und den Chef des Geheimdienstes rausgeworfen - wohl um die weltweite Empörung zu beschwichtigen. Beobachter überzeugt das aber nicht. Wenn sie die schrecklichen Auswirkungen für die Zukunft des Südsudan verhindern wolle, müsse die Weltgemeinschaft den Konflikt dringend ernster nehmen, sagt Wheeler.

dpa

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