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Deutschland / Welt “Alan Kurdi“ nimmt 44 neue Migranten auf – Sea-Watch will Spendengelder teilen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt “Alan Kurdi“ nimmt 44 neue Migranten auf – Sea-Watch will Spendengelder teilen
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09:12 09.07.2019
Dieses von der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye zur Verfügung gestellte Foto zeigt das Seenotrettungsschiff „Alan Kurdi“. Quelle: Fabian Heinz/Sea-Eye/dpa
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Rom

Kurz nach ihrer Rückkehr ins Einsatzgebiet im Mittelmeer vor Libyen hat die deutsche Hilfsorganisation Sea-Eye mit ihrem Schiff „Alan Kurdi“ 44 Migranten gerettet. Der Einsatz sei in Kooperation mit den maltesischen Behörden erfolgt, erklärte die Organisation aus Regensburg am Montagabend auf Twitter.

Die Menschen seien auf einem Holzboot unterwegs gewesen, das zuvor von dem privaten Suchflugzeug „Colibri“ ausgemacht worden war. „Ein Schiff der maltesischen Marine ist nun auf dem Weg, um sie (die Migranten) von der #AlanKurdi zu übernehmen und an Land zu bringen“, twitterte Sea-Eye. Eine Bestätigung aus Malta gab es zunächst nicht.

Erst am Sonntag hatte sich die Inselrepublik bereit erklärt, 65 von Sea-Eye gerettete Migranten an Land zu lassen. Die „Alan Kurdi“ war daraufhin ins Einsatzgebiet zurückgekehrt. Italien hatte die Einfahrt des Schiffs verboten.

Marokko meldet Seenotrettung von 271 Migranten

Derweil hat das Militär in Marokko am vergangenen Wochenende 271 Migranten mit Ziel Europa im Mittelmeer aus Seenot gerettet. Sie seien in 18 Booten unterwegs gewesen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur des Landes. Unter den Geretteten waren nach Angaben eines Militäroffiziers 23 Frauen und drei unbegleitete Minderjährige. Erst am Freitag hatten Behörden gemeldet, dass ein Marineschiff 330 Migranten in Sicherheit gebracht habe, die die Straße von Gibraltar in seeuntüchtigen Booten zu überqueren versucht hatten.

Angesichts der zunehmenden Blockade der Seeroute von Libyen nach Italien durch die örtliche Küstenwache, die in Abstimmung mit der EU handelt, ist Marokko für Migranten mit Ziel Europa zu einem wichtigen Ausgangspunkt geworden. Marokkanischen Behörden zufolge wurden in diesem Jahr bisher 25.000 Menschen daran gehindert, auf dem Seeweg illegal Spanien zu erreichen.

Sea-Watch will Spendengelder mit anderen Seenotrettern nutzen

Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch will unterdessen die gesammelten Spenden für die Kapitänin Carola Rackete mit anderen Seenotrettern gemeinsam nutzen. „Es wird ein Gremium gebildet, weil wir das Geld möglichst effektiv für die Seenotrettung einsetzen wollen, nicht nur für Sea-Watch, sondern wir wollen gemeinsam schauen, wo es am dringendsten gebraucht wird“, sagte Sprecher Ruben Neugebauer der Deutschen Presse-Agentur dpa.

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In diesem Gremium seien unter anderem Vertreter von Hilfsorganisationen und von dem Netzwerk Seebrücke, das sich für die Rettung von Migranten auf dem Mittelmeer einsetzt. Ein Teil der Spenden soll für die Verfahrenskosten von Rackete verwendet werden.

Nach der Festnahme der 31-Jährigen in Italien gab es eine Welle der Solidarität. Allein über den Aufruf der Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf kamen bisher knapp eine Million Euro zusammen. Rackete ist mittlerweile wieder auf freiem Fuß, gegen sie wird aber in Italien weiter ermittelt. Sie war mit dem Schiff Sea-Watch 3 und Dutzenden Migranten an Bord unerlaubt in den Hafen von Lampedusa gefahren.

UNHCR fordert mehr Engagement der EU für Flüchtlinge in Libyen

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) fordert unterdessen von den europäischen Staaten mehr Engagement für Flüchtlinge in Libyen. „Wir fordern die europäischen Regierungen auf, all ihre politischen Beziehungen zur libyschen Regierung zu nutzen, um eine deutliche Verbesserung der Lage für die Menschen in den Lagern zu erreichen“, sagte der UNHCR-Repräsentant in Deutschland, Dominik Bartsch, der Tageszeitung „Die Welt“.

Ziel müsse eine Freilassung aller Menschen aus den Lagern sein, so Bartsch: „Die Evakuierung der Flüchtlinge außer Landes ist eine lebensrettende Notlösung.“ Das UN-Flüchtlingshilfswerk begrüßte einen entsprechenden Vorstoß von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU), Flüchtlinge direkt aus Libyen zu retten.

Petra Bendel, Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, forderte die EU-Staaten auf, Rückführungen nach Libyen auszusetzen. „Staatliche Akteure haben seit Langem Kenntnis von Folter und Exekutionen in libyschen Lagern“, sagte sie der „Welt“. Wenn die EU in Kooperation mit libyschen Behörden die Rückführung von Migranten nach Libyen organisiere, „ergibt sich die Frage, inwiefern sie sich mitverantwortlich macht an den Menschenrechtsverletzungen.“

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Um schnelle Lösungen für den Umgang mit geretteten Bootsflüchtlingen zu finden, fordert die EU-Kommission einen vorläufigen Mechanismus zur Verteilung der Menschen auf die Mitgliedstaaten.

„Bis die neuen reformierten Regeln zur Verteilung von Flüchtlingen nach dem sogenannten Dublin-System Realität werden, fordere ich alle EU-Mitgliedsländer auf, ihre Arbeit zu beschleunigen und vorläufige Vereinbarungen zu finden, wie mit den Menschen umzugehen ist, wenn sie die Rettungsschiffe verlassen haben“, sagte der zuständige EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos der „Welt“. Er hoffe darauf, dass die EU-Innenminister hier schon beim ersten Treffen unter der neuen finnischen Ratspräsidentschaft kommende Woche vorankommen.

Von RND/dpa/AP/epd