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Deutschland / Welt Auch ein Rock-’n’-Roller wird mal müde
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Auch ein Rock-’n’-Roller wird mal müde
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00:16 14.04.2013
Von Reinhard Urschel
Joschka Fischer – hier mit seiner Ehefrau Minu während der Berlinale – war in jeder Rolle, die er bisher gespielt hat, ein glänzender Darsteller.
Joschka Fischer – hier mit seiner Ehefrau Minu während der Berlinale – war in jeder Rolle, die er bisher gespielt hat, ein glänzender Darsteller. Quelle: dpa
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Berlin

Auf den roten Teppichen, die zu verschiedenen Anlässen in Berlin ausgerollt werden, taucht hin und wieder ein beleibter, fast weißhaariger Mann an der Seite eine mondänen, deutlich jüngeren Frau auf. Die Dame ist stets edel gewandet, der Herr trägt zwar meist einen dunklen Anzug, aber niemals eine Krawatte. Krawatten hat Joseph Martin Fischer, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Joschka, mit dem Tag abgelegt, da er nicht mehr Außenminister der Bundesrepublik Deutschland war.

Joschka Fischer kann nicht nur Krawatten ablegen, sondern auch frühere Leben. Er sei, hat seine Biografin Sibylle Krause-Burger schon vor Jahren geschrieben, der Politiker mit den meisten Häutungen in Deutschland. Wenn man das so sehen will, dann hat dieser Fischer mehr Schalen als eine Zwiebel: Flüchtlingskind, Messdiener, Fotografenlehrling, Pflastermaler, Pornoübersetzer, Buchhändler, Berufsrevolutionär, Taxifahrer, Politiker, Landesumweltminister, Bundesaußenminister, Vizekanzler und in der Selbstwahrnehmung: Staatsmann, Professor auf Zeit, Politikberater. Das alles passt in ein Berufsleben. Heute wird Joschka Fischer 65 Jahre alt.

Seine Memoiren hat er schon geschrieben, in zwei Bänden. Es gibt über ihn ungefähr ein Dutzend Biografien in Buchform. In unzähligen Essays haben journalistische Weggefährten den Mann zu ergründen versucht; er dürfte der am ausführlichsten analysierte lebende deutsche Politiker sein.

Dass Fischer einer der härtesten Schläger während der Frankfurter Straßenkämpfe der siebziger Jahre war – geschenkt. Wortreich hat er seine Erfahrungen beschrieben, elegant seine Läuterung dargestellt. Die ihm aber nicht jeder abnahm: Erst kürzlich äußerte sich der Polizist Jürgen Weber im „stern“ – er wäre 1976 bei einem Einsatz in Frankfurt fast verbrannt, weil Molotowcocktails auf ihn flogen. „Fischer ist für mich der geistige Täter“, sagt Weber. Am Abend vor der Tat hatte Fischer als linker Szeneführer laut „stern“ zum Einsatz von „Mollis“ aufgerufen.

Dass Fischer einst dem Bundestag den Bären aufbinden wollte, er habe seinerzeit nicht gewusst, dass seine legendäre „Putztruppe“ als Abkürzung für „Politische Union für Theorie und Zerstörung“ gestanden hat, manche sagen auch „für Terror und Zerstörung“ – ebenfalls geschenkt.

Auch wenn viel herumgedeutet worden ist an diesem Politiker – das Faszinosum Fischer ist noch lange nicht entschlüsselt. Dieser Mann, der seine erste Bekanntheit im bürgerlichen Lager auf das Tragen weißer Turnschuhe während einer Eidesleistung gründet, der öffentlich, für jeden sichtbar, aus dem Leim ging, dann nach einer persönlichen Niederlage die Entdeckung der Askese zelebrierte bis zur Lächerlichkeit, der erneut aus dem Leim ging und bis heute nicht wieder in Form gekommen ist, ein gnadenloser Zyniker, der im Umgang mit Journalisten arrogant sein kann bis zur Menschenverachtung – dieser Mann also hatte es geschafft, über etliche Jahre beliebtester Politiker dieses Landes zu sein, fleißig hofiert selbst von jenen Medien, für die er nur Hohn und Spott übrig hat. Kaum jemand kann so verletzend Überlegenheit ausspielen und so rüde auftreten.

Bei Joschka Fischer stellt sich die Frage, welche Maßstäbe in Deutschland angelegt werden an Politiker. Man könnte meinen, es herrsche nicht nur im Himmel mehr Freude über einen bekehrten Sünder als über neunundneunzig Gerechte, sondern auch in den Niederungen der Tagespolitik. Aber das ist keine hinreichende Erklärung für den Aufstieg des einstigen Straßenkämpfers zum Säulenheiligen. Es gibt auch reuige Sünder in der Politik, die niemals mehr eine Chance bekommen haben. Fischer hat es geschafft, sich die Aura des Außergalaktischen zu verschaffen, der der Erdanziehung trotzen kann. Er mag ein Rüpel sein, aber ist er nicht der charismatischste Rüpel von allen in der politischen Szene?

Fischer ist ein glänzender Darsteller, in jeder Rolle, die er bislang gespielt hat. Das heißt nicht, wie manche seiner Feinde sagen, dass er nur ein Darsteller wäre und sonst nichts. Udo Riechmann, Mitglied im letzten Vorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), hat einmal behauptet, er habe in seinem Leben nur zwei Menschen erlebt, die klüger als Joschka seien: den Philosophen Theodor W. Adorno und den linken Studentenführer Hans-Jürgen Krahl. Dann komme Fischer, danach Rudi Dutschke, dann erst Jürgen Habermas. Das ist eine erstaunliche Rangliste.

Die Darstellung von Politik muss so gut gewesen sein, dass niemand so recht mitbekommen hat, wie hart das Leben als Politiker dem Schöngeist Fischer gefallen ist. Doch manchmal, wenn Fischer diesen Blick auflegen konnte, als trage er das Leid der Welt, wenn seine Stimme brüchig wurde angesichts des Umstandes, dass er seine Partei für einen Kriegseinsatz deutscher Soldaten gewinnen musste, da hat man als einfacher Beobachter von Politik ahnen können, welch ungeheure Last dieser Politiker zu tragen imstande ist. Nun, rechtzeitig zu seinem 65., hat er sich einem gänzlich unpolitischen Magazin gegenüber geöffnet. Beim Gespräch mit der Eisenbahn-Illustrierten „DB mobil“ spricht der Vizekanzler a.D. ungewohnt offen über die Schattenseiten seines Kabinettslebens. Zwar habe er während seiner politischen Laufbahn alles gemacht, was ein Minister und Stellvertreter des Bundeskanzlers machen könne, „trotzdem war ein Teil meines Ichs nicht glücklich.“ Bereits 1983, als er erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt wurde, habe ein Teil von ihm gelitten. Seinen politischen Erfolg habe er mit Freiheitsverlust bezahlen müssen. Trotz dieser Erfahrungen von Entbehrungen und Dienst am Volk will er der Politik verhaftet bleiben – „allerdings aus der analytischen Perspektive“.

Die analytische Perspektive Fischers beschränkt sich in der Regel auf Namensbeiträge in wenigen ausgewählten Blättern, meist zu außenpolitischen Themen. Was ja immerhin auch denkbar wäre, nämlich, dass Fischer den Grünen seine Lebenserfahrung weitergibt, wird von der Partei nicht abgefordert. Auch das Verhältnis Fischers zu der Partei, die ihn bis in höchste Regierungsämter ge- und ertragen hat, ist häufig Gegenstand von Betrachtungen gewesen: der dogmatische Oberrealo in der (in den frühen Jahren) antikapitalistischen, feministischen, ökologischen und radikal-pazifistischen Partei. Wie ging das zusammen? Das ging bis zu der Frage, ob der Karrierist die Grünen nur benutzt hat, oder ob die Grünen sich an ihm hochgezogen haben. Stark genug ist seine Persönlichkeit, dass sich eine ganze Partei an ihm aufrichten könnte. Wer heute führende Grüne auf Fischer anspricht, bekommt kaum mehr zu hören als ein paar Höflichkeitsfloskeln: Ja, ja, der Joschka. Lass mal gut sein.

Die schlichte Politikberatung, womöglich um Gotteslohn, ist ohnehin die Sache Fischers nicht. Er lebt und arbeitet heute als freier Unternehmer in Berlin. Eigene Firma, Joschka Fischer & Company, mit einem Dutzend Angestellten. Der Firmensitz ist nicht die schlechteste Adresse: Berlin Gendarmenmarkt. Seine Kunden oder Auftraggeber, je nachdem, tragen große Namen: Siemens, RWE, BMW, Rewe. Er reist für sie durch die Welt und öffnet Türen. Seine persönlich enge Freundschaft zur früheren US-Außenministerin Madeleine Albright, die in der gleichen Branche („Albright Stonebridge Group“, Washington) tätig ist, nur ein paar Nummern größer noch, ist den Geschäften durchaus dienlich.

Gesellschaften wie die von Fischer müssen ihre Geschäftszahlen im Bundesanzeiger veröffentlichen. 2011 wies die JF & C einen Gewinn von 700.000 Euro aus. Die „Wirtschaftswoche“ berichtet darüber hinaus, dass Fischer auch persönliche Einnahmen beziehe, die nicht über seine Firma laufen. Eine Zeitlang gehörte zu solchen Beratertätigkeiten auch das Engagement für das Erdgas-Pipeline-Projekt Nabucco. Das stand in direkter Konkurrenz zum Nordstream-Engagement seines früheren Chefs Gerhard Schröder.

Seinen 65. Geburtstag will Fischer heute im kleinsten Kreis feiern. Was er dieser Tage der Boulevardpresse anvertraute, klingt geradezu beängstigend für einen ehemaligen Berufsrevolutionär: „Mit 65 Jahren will man seine Ruhe haben.“ Feiern will Fischer demnach mit seiner Ehefrau Minu in seinem Privathaus in Berlin-Dahlem.

Der letzte Rock ’n’ Roller unter den Politikern, für den er sich doch auch einmal gehalten hat, ist müde. In seiner Freizeit, sagt er, streife er mit seinem treuen türkischen Hirtenhund Benno durch den Wald.