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Deutschland / Welt Autor Tuvia Tenenbom: „Deutsche Politiker müssen ihre Scheinheiligkeit aufgeben“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Autor Tuvia Tenenbom: „Deutsche Politiker müssen ihre Scheinheiligkeit aufgeben“
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17:38 21.06.2019
„Der deutsche Antisemitismus hat mit Moslems nichts zu tun“: Autor Tuvia Tenenbom mit seinem Buch „Allein unter Flüchtlingen“ bei einem Besuch in Leipzig. Quelle: dpaI
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Mit seinem Buch „Allein unter Deutschen“ hat er einen Bestseller gelandet: Der jüdische Theatermacher und Autor Tivia Tenenbom, geboren 1957 bei Tel Aviv und seit Jahrzehnten in New York zu Hause, gilt als präziser Chronist der deutschen und jüdischen Befindlichkeiten. Inzwischen sind auch „Allein unter Amerikanern“ und „Allein unter Flüchtlingen“ erschienen. Der fünfte Band seiner Reihe, „Allein unter Briten“, erscheint im November bei Suhrkamp. Im Interview spricht der Gründer des Jewish Theater of New York über deutsche Doppelmoral, uralte Vorurteile und die Frage, ob muslimische Flüchtlinge Antisemitismus importieren

Herr Tenenbom, Bundespräsident Frank Walter Steinmeier sagte jüngst: „Nur wenn Juden in Deutschland vollkommen zu Hause sind, ist diese Republik ganz bei sich.“ Ist Deutschland ganz bei sich?

Tuvia Tenenbom: Welches Land ist das schon? Wenn ich in Deutschland bin, fühle ich mich immer wie zu Gast bei einem Stamm. Es gibt eine Art Stammesdenken in Deutschland, eine gemeinsame Mentalität, eine Art zu denken. Natürlich ist München kulturell anders als Hamburg, aber es gibt schon ein einheitliches Geschichtsverständnis, eine Vorstellung von der Nation und von der Frage, welche Ansprüche das Land an sich selbst hat. Und was die Heimatgefühle von Juden in Deutschland angeht: Es kommt darauf an, welche Juden man meint. Sich selbst hassende jüdische Antizionisten zum Beispiel fühlen sich sehr wohl in Deutschland. Denn sie befinden sich in einem Land, das mehrheitlich denkt wie sie selbst: Israel ist ein Apartheidstaat. Andere Juden dagegen fühlen sich, so höre ich, nicht zu Hause in Deutschland.

„Wir alle wünschen uns, dass Deutschland anders wäre“

Wenn der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, Juden davon abrät, in manchen Teilen Deutschlands eine Kippa zu tragen – ist das ein sinnvoller Hinweis oder eine Kapitulation des Staates?

Es ist zunächst mal die Beschreibung der Wirklichkeit. Wir alle wünschen uns, dass Deutschland anders wäre. Aber es ist schwer, den Menschen auszutreiben, was sie wirklich denken. Der Holocaust ist jetzt 75 Jahre her, und manche sagen eben wieder: Sieh, was die Juden in Israel und anderswo tun! Sie sind schlechte Menschen! Viele denken im Stillen, dass die Juden diese Angriffe verdienen. Das ist sehr traurig. Sehr viele Deutsche sind geradezu besessen vom Thema Israel. Das ist verräterisch.

Was meinen Sie damit? Es gab in letzter Zeit eine Reihe antisemitischer Vorfälle in Deutschland. Manche wundern sich, dass das keine Massenproteste oder eine Solidaritätswelle ausgelöst hat. Haben Sie eine Erklärung?

Das ist ein europaweites Phänomen. Das knüpft an die jahrhundertealte Geschichte der Judenverfolgung an, an die Vertreibung, Folterung und Tötung von Juden, denen seit jeher einfach alles angelastet wird, was schief läuft in der Welt. Schon lange vor der Gründung des Staates Israel und lange vor dem Konflikt mit den Palästinensern warf man Juden vor, kleine Christenkinder zu entführen und aus ihrem Blut Matzeklöße zu machen. Heutzutage wirft man ihnen eben vor, Palästinenserkindern zu entführen. Es ist dieselbe uralte Geschichte. Ich war gerade in Großbritannien – auch da ist ein unglaublicher Antisemitismus zu spüren.

Das ist Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom (61), geboren in Israel, ist ein israelisch-amerikanischer Autor, Regisseur und Theaterleiter. Mit 17 Jahren wanderte er nach New York aus. 1994 gegründete er das Jewish Theater of New York. 2011 erschien sein Buch „Allein unter Deutschen“, für das er mehrere Monate Deutschland erkundete. Für den von Kritikern ebenfalls gefeierten Nachfolgeband „Allein unter Juden“ reiste er durch sei Geburtsland und sprach mit Hunderten Bewohnern Israels und Palästinas aller politischer Couleur. Tenenbom gilt als unbestechlicher Seismograf des Zeitgeistes, inzwischen sind auch „Allein unter Amerikanern“ und „Allein unter Flüchtlingen“ erschienen. Der fünfte Band seiner Reihe, „Allein unter Briten“, erscheint im November bei Suhrkamp.

„Der Antisemitismus war einfach immer da“

Glauben Sie, dass dieser Antisemitismus in letzter Zeit zugenommen hat?

Er war einfach immer da. Wissen Sie, nach dem Holocaust fühlte sich die ganze Welt schlecht, weil so unfassbar viele Juden so erbarmungslos abgeschlachtet worden waren, vernichtet wie Ratten. Aber je länger das zurückliegt, desto mehr gerät der alte Antisemitismus wieder in den Vordergrund. In Deutschland ist er natürlich verknüpft mit der Historie des Zweiten Weltkriegs, aber es bleibt im Kern der uralte europaweite Judenhass, es sind dieselben Vorwürfe und Vorurteile wie immer. Es gibt eine Menge Menschen, die wütend wären, wenn Deutschland wirklich ernsthaft damit beginnen würde, Israel zu unterstützen.

Tut es das nicht?

Offiziell schon. Aber hinter den Kulissen, jenseits der Wahrnehmung, passiert das Gegenteil: Deutschland zahlt Millionen von Euro an antisemitische Nichtregierungsorganisationen, die auf arabischer Seite aktiv sind. Deutschland agiert mit doppeltem Boden. Aber wenn das anders wäre, wenn das Land tatsächlich die jüdische Seite unterstützen würde, würde das vielen Deutschen nicht gefallen.

„Natürlich muss Deutschland seine Minderheiten schützen“

Die Zahl der antisemitischen Straftaten 2018 ist gegenüber dem Vorjahr um knapp 20 Prozent gestiegen – auf 1800 Fälle. 90 Prozent davon wurden von rechtsextremen Tätern begangen. Der israelische Präsident Reuven Rivlin hat Deutschland aufgefordert, seine jüdische Bevölkerung besser zu schützen, statt davon abzuraten, eine Kippa zu tragen.

Er hat ja auch leicht reden als Politiker. Wenn er Deutschland besucht, wird er von Personenschützern bewacht. Niemand wird ihm Leid zufügen. Natürlich muss Deutschland seine Minderheiten schützen, aber es ist eben traurigerweise Realität, dass das Tragen der Kippa in manchen Gegenden riskant ist. Und darauf hinzuweisen, wie Herr Klein das tat, ist notwendig. Aber das entbindet die Regierung natürlich nicht vor der Pflicht, für die Sicherheit der Juden hierzulande zu sorgen. Wenn ich als Jude sehe, dass Synagogen in Deutschland von Polizisten beschützt werden müssen, dann weiß ich: Das ist leider die Realität. Um das zu ändern, gibt es eine andere Abteilung des Staates als die Sicherheitskräfte – und das sind die Schulen und Kultusministerien, das ist die Kultur.

Sie meinen, mehr Bildung und Aufklärung würde helfen?

Ich meine noch etwas anderes: Wenn Sie deutsche Filme und Fernsehsendungen sehen, deutsche Zeitungen lesen, dann hören sie überall, wie schlecht Israel ist. Und alle lernen, wie böse das Land ist. Und natürlich beeinflusst das, was die Menschen denken. Der mediale Mainstream und die deutsche Politik klagen immer und immer wieder Israel an, geißeln und kritisieren das Land. Und selbst deutsche Menschenrechtler sehen immer Israel als Täter. Das ist es, was sich in Deutschland ändern müsste, um Antisemitismus wirksam zu bekämpfen: das Mainstream-Denken. Sonst fühlt sich der Durchschnittsbürger ermutigt und denkt: Okay, Israel ist ein problematisches, rassistisches Land, die Juden sind Rassisten.

„Europäer bringen Arabern bei, dass man Juden nicht trauen darf“

Wird die Geschichte in Deutschland falsch vermittelt?

Ich habe mit deutschen Studenten gesprochen. Natürlich haben sie den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg studiert – aber auf die langweiligste Art überhaupt. Nur mit Zahlen, Daten und Statistiken. Wen kümmert das? Erzählt die echten Geschichten. Erzählt, was wirklich passiert ist. Zeigt ihnen die Straßen und Plätze, auf denen es geschah, in Berlin, in Hamburg. Sagt ihnen: „Genau hier, wo du jetzt stehst, war der Umschlagplatz. Hier standen die Juden, hier wurden sie in Viehwaggons gesperrt, ohne Nahrung, ohne Toiletten, für Stunden und Stunden, um sie dann in Auschwitz bei lebendigem Leib zu verbrennen – einfach, weil sie Juden waren.“

Stattdessen werden manche Deutsche des Themas müde. Und rechte Gruppierungen behaupten entgegen allen Fakten, die Zunahme antisemitischer Vorfälle habe auch mit der gestiegenen Zahl muslimischer Flüchtlinge in Deutschland seit 2015 zu tun. Eine billige Ausrede?

Natürlich. Der deutsche Antisemitismus hat mit Moslems nichts zu tun. Sicher gibt es Judenhass auch unter muslimischen Flüchtlingen, aber der hat nicht dieselbe Dimension wie der klassische europäische Antisemitismus. Niemals in der Geschichte wurden Juden in muslimischen Ländern millionenfach in Gaskammern ermordet. Ich würde sogar sagen: Die westliche Welt verstärkt den Antisemitismus von Moslems. Gehen Sie nach Israel, besuchen Sie die europäischen NGOs, die dort gegen Israel arbeiten und den Arabern beibringen, dass man Juden nicht trauen darf. Das Geld, mit dem sie arbeiten, kommt aus Deutschland.

Israel ist ein Mahnmal dessen, was Deutsche Juden angetan haben“

Könnte diese Bigotterie auch durch ein schlechtes Gewissen geschürt werden, das praktisch ins Gegenteil umkippt?

Ja. Vielen Deutschen ist die Existenz des Staates Israel ein Dorn im Auge. Das Land ist ein Mahnmal dessen, was Deutsche den Juden angetan haben. Denn ohne den Holocaust wäre es vermutlich nicht zur Gründung Israels gekommen. Die Vereinten Nationen hätten dieses Land dann kaum den Juden überlassen. Also wünschen sich viele Deutsche insgeheim, dass Israel verschwinden und damit alles wieder in Ordnung werden möge.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation verbessert?

Von selbst wird sich das niemals ändern. Es wird sich nicht ändern, so lange nicht mehr Deutsche laut sagen: Schluss damit! So lange deutsches Geld auf Betreiben der deutschen Regierung in den Nahen Osten fließt, um Organisationen zu finanzieren, die mit großer Leidenschaft Juden hassen, und so lange Deutsche auf Plakaten pauschal fordern „Free Palestine“, ohne zu wissen, was dort wirklich vor sich geht – so lange wird sich nichts ändern. Im Gegenteil: Es wird nur schlimmer werden. Hass geht nicht von selber weg. Die einzige Möglichkeit, Hass zu bekämpfen, ist ihn wirklich zu bekämpfen. Dafür müssen Deutsche aufstehen und sagen: Hört auf damit! Und Juden müssen aufstehen und sagen: Tötet uns nicht zum zweiten Mal.

„Die Deutschen müssen ihren dummen Stolz aufgeben“

Was fordern Sie von der deutschen Politik?

Deutsche Spitzenpolitiker müssen die Scheinheiligkeit aufgeben. Ich wünsche mir, dass die Enkel und Urenkel derjenigen, die Juden ermordet haben, doch ein wenig bescheidener und zurückhaltender auftreten sollten gegenüber Israel, statt Israelis als Rassisten zu bezeichnen und zu fordern, dass sie sich so oder so verhalten sollten. Wenn meine eigenen Großeltern Deutsche in Krematorien getötet hätten, würde ich es im Leben nicht wagen, Deutschland in gleicher Weise zu kritisieren. Ein bisschen Demut – das würde ich mir wünschen. Die Deutschen müssen lernen, ihren dummen Stolz aufzugeben. Sie müssten doch die Ersten sein, die sich für Israel einsetzen – statt denjenigen, die überlebt haben, zu erklären, auf welche Weise sie ihr Leben leben sollten.

Von Imre Grimm

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