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Deutschland / Welt „Besonders bei Einzeltätern gibt es viele psychische Erkrankungen“
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11:00 07.01.2019
Peter R. Neumann, Professor am King’s College in London, ist Autor mehrerer Bücher zum Thema islamistischer Terror und Direktor des International Center for the Study of Radicalisation, das er 2008 gegründet hat. Quelle: Foto: IPON/imago
Berlin

Peter R. Neumann gilt als einer der führenden Experten zum Thema Radikalisierung. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland beschreibt er auch, wie extremistische Gruppen gezielt das Internet nutzen, um labile Persönlichkeiten zu beeinflussen

Herr Neumann, der Attentäter von Bottrop gilt als psychisch krank. Zugleich soll er einen Hass auf Ausländer gehabt haben. Schließt das eine das andere aus?

Überhaupt nicht. Es kann gut sein, dass er ein Terrorist und Ausländerfeind war und zugleich verwirrt und psychisch krank. Es kommt auf die Schwere der psychischen Erkrankung und die Steuerungsfähigkeit des jeweiligen Attentäters an, ob er also überhaupt gewusst hat, was er tat. Wenn er das nicht mehr wusste, dann ist er auch kein Terrorist. Wie das im Bottroper Fall war, das kann ich nicht beurteilen.

Wenn er wusste, was er tat – ist er dann ein Terrorist?

Dann stellt sich eine zweite Frage, nämlich die nach dem beabsichtigten Effekt. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Hassgewalt und Terrorismus. Hassgewalt ist etwas eher Impulsives – wenn sich also Neonazis abends betrinken und einen Ausländer verprügeln. Wenn sie einen Ausländer gezielt verprügeln, um alle anderen Ausländer einzuschüchtern, damit sie den Ort verlassen, dann ist das ein Akt des Terrors. Die Grenzen zwischen Hassgewalt und Terror sind allerdings fließend.

Der norwegische Attentäter Anders Breivik gilt als psychisch krank.

Darüber gab es in Norwegen eine Debatte. Ein zweites Gutachten ist im Gegensatz zu einem ersten Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass Breivik zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsfähig war – auch wenn er sich gewisse Sachen eingebildet hat. Und anders als offenbar der Mann in Bottrop hat er sehr lange und intensiv über seine Tat nachgedacht. Es gab zudem eine ganz klare Ideologie dahinter, die Breivik in einem Manifest von 1500 Seiten aufgeschrieben hat. Seine Ideen ähneln denen von rechtspopulistischen Parteien.

Was ist mit dem Serienmörder vom Münchner Olympia-Einkaufszentrum, David S., der als Amokläufer geführt wird?

Er ähnelt eher dem Täter von Bottrop. Auch David S. war ein Einzeltäter mit einer diffusen rechten Orientierung. Er tötete am Jahrestag des Breivik-Attentats. Ich finde es nicht falsch, ihn als Rechtsterroristen zu bezeichnen. David S. hat sich die Tat genau überlegt – auch wenn er nicht Teil einer Organisation war. Aber das ist ohnehin vorbei. Die Rechtsextremisten sprechen schon seit den 1990er-Jahren vom führerlosen Widerstand. Und auch der „Islamische Staat“ ermutigt die sogenannten einsamen Wölfe, die eigene Marke für sich zu reklamieren. Das ist kein entscheidender Punkt mehr.

Wie dicht liegen politischer Terror und Wahnsinn generell beieinander?

Bis vor zehn Jahren waren sich alle Terrorismusforscher einig, dass Terroristen nicht mehr und nicht weniger verrückt sind als der Rest der Bevölkerung. Das hat sich durch die einsamen Wölfe und das Internet geändert. Besonders bei Einzeltätern haben Studien gezeigt, dass stark überproportional psychische Erkrankungen vorliegen – sowohl auf der jihadistischen als auch auf der rechtsextremistischen Seite. Das Internet bietet Projektionsflächen an für Leute, die einschlägige Tendenzen haben. Extremistische Gruppen machen sich das zunutze.

Das heißt, es wächst die Gefahr, dass sich psychisch labile oder kranke Leute Terror als Ausweg suchen, um ihr persönliches Problem mit einer übergeordneten Idee zu verbinden und zu veredeln.

Ja, genauso ist es. Und das gilt für alle Extremisten.

Was bedeutet das für die Terrorprävention?

Das bedeutet zum Beispiel, dass bei den Präventionsprogrammen der letzten Jahre verstärkt Psychologen und Psychiater zum Einsatz gekommen sind. Das war vor 20 Jahren nicht der Fall.

Manche Experten sagen, Psychiater sollten den Ermittlungsbehörden Hinweise geben auf etwaige Risiken, die von Patienten ausgehen könnten. Teilen Sie das?

Ja. Das kann für Psychologen und Psychiater natürlich ein Problem sein, weil sie das Arztgeheimnis wahren müssen. Aber wenn einer davon spricht, dass er Ausländer umbringen möchte, dann gibt es eine Verantwortung, den Behörden Bescheid zu sagen. Denn es kann eben Fälle geben, in denen tatsächlich etwas passiert.

Wir leben auch sonst in Zeiten, in denen der emotionale Anteil an der Politik steigt – bis hin zu jenem offenen Hass, von dem schon die Rede war. Steckt hier eine Quelle für zusätzlichen Terror?

Natürlich haben sich unsere Gesellschaften zuletzt stark polarisiert. Daran docken Extremisten und politisch labile Leute an. Dabei kopieren sie Handlungsweisen. Denn mit dem Auto in eine Menge reinzufahren wie in Bottrop, das wurde ja vom „Islamischen Staat“ erfunden. Die gesellschaftliche Polarisierung unserer Zeit ist die Begleitmusik, die zusätzlichen Terror ermöglicht.

Von Markus Decker

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