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Deutschland / Welt „Wir sollten die Chancen der Digitalisierung noch stärker nutzen“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Wir sollten die Chancen der Digitalisierung noch stärker nutzen“
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05:00 31.05.2019
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek kündigt an, die Bundesregierung werde in Kürze eine Nationale Weiterbildungsstrategie vorstellen. Quelle: Britta Pedersen/dpa
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Frau Karliczek, was ist das Wichtigste, das Sie in Ihrem ersten Jahr als Ministerin dazu gelernt haben?

Zunächst wollte ich mich in die vielen und komplexen Themen meines Hauses einarbeiten. Wenn man ein neues Amt antritt, sollte man sich diese Zeit nehmen und in die Tiefe gehen.

Es gab viel Kritik an Ihnen. Sind Sie denn jetzt in der Tiefe der Themen angekommen?

Sie sehen doch die Erfolge meines Ministeriums. Die Verabschiedung der drei Wissenschaftspakte ist ein Meilenstein für die Zukunft der Hochschulen und Forschung. Nie hatten die Hochschulen und Forschungseinrichtungen mehr Planungssicherheit. Eines meiner zentralen Themen bleibt die berufliche Aus- und Weiterbildung. Für mich ist sie gleichwertig mit einer akademischen Bildung. Und doch stand die berufliche Bildung zu lange im Schatten der Ausbildung an den Universitäten und Hochschulen. Hier müssen wir umdenken.

Gemeinsam mit dem Arbeitsministerium und den Sozialpartnern arbeiten Sie an einer Nationalen Weiterbildungsstrategie. Was soll der zentrale Gedanke darin sein?

Wir müssen eine echte Weiterbildungskultur entwickeln. Weiterbildung im Beruf muss in der Zukunft zum Arbeitsalltag gehören. Die technologische Entwicklung ist rasant. Unternehmen, Gewerkschaften und der Staat müssen zusammen daran arbeiten, dass die Arbeitnehmer Schritt mit den Entwicklungen halten können, jeder nach seinen Fähigkeiten. Das kann auch bedeuten, dass sich Arbeitnehmer im Berufsleben komplett neu orientieren. Das ist in unserem Denken in Deutschland noch nicht richtig verankert. Das müssen wir ändern.

Ändert sich durch die Strategie auch praktisch etwas? Oder wird in Wirklichkeit nur viel bedrucktes Papier mit wohlklingenden Worten produziert?

Wir werden in vielen Bereichen ansetzen. In den nächsten Wochen werden wir in der Bundesregierung die Nationale Weiterbildungsstrategie vorstellen und damit die Offensive für mehr Weiterbildung beginnen. Unternehmen und Gewerkschaften müssen aber mitziehen. Ein Ziel ist, eine Plattform zu schaffen, auf der die vielen Weiterbildungsangebote gut geordnet sichtbar werden. Wir werden einen Wettbewerb starten, um hierfür bestmögliche Lösungsvorschläge zu erhalten.

Eine Plattform – ist das denn schon eine riesige Verbesserung?

Das Problem ist heute doch: Es gibt viele Angebote, aber es ist schwer einen Überblick zu bekommen. Eine Plattform, die diese Weiterbildungsangebote besser sichtbar macht, ist eine echte Neuerung. Wir werden auch sicherstellen, dass die Qualität von Weiterbildung für Nutzerinnen und Nutzer transparenter wird, beispielsweise durch die Einführung von Bewertungen der Anbieter.

Die große Koalition hat auch angekündigt, mit den Ländern einen Nationalen Bildungsrat in die Spur zu setzen. Warum gibt es den immer noch nicht?

Ich habe meine Pläne schon vor einem Jahr vorgestellt. Es gibt bei den Ländern zum Teil die unbegründete Sorge, dass wir als Bund über den Nationalen Bildungsrat in ihre Entscheidungshoheit – insbesondere bei den Schulen – eingreifen wollen. Das will niemand. Der Nationale Bildungsrat nimmt alle Bildungsbereiche und die gesamte Bildungsbiographie in den Blick. Er soll mit Hilfe von Wissenschaftlern und Praktikern Empfehlungen geben. Das Ziel müssen mehr Transparenz, Vergleichbarkeit und Qualität im Bildungswesen sein.

Mit Verlaub, das klingt nach einem Palaver-Gremium, das nichts durchsetzen kann.

Gute Empfehlungen setzen sich durch. Das zeigt der Wissenschaftsrat, den es seit langem gibt und der genau so arbeitet.

Kommen wir in Ihrer Amtszeit einer Bildungslandschaft näher, in der es kein Drama mehr ist, mit Kindern in ein anderes Bundesland umzuziehen?

Ich appelliere an die Länder: Geben wir uns einen Ruck, damit wir das hinbekommen. Wir reden schon viel zu lange darüber, dass ein Umzug von Land A in Land B den Eltern und Schulkindern keine schlaflosen Nächte bereiten darf. Ein Umzug einer Familie mit Schulkindern von einem Bundesland in ein anderes muss in Zukunft, was die Schulfragen angeht, einfach unproblematisch sein. Das wäre sicher eines der ersten Themen für den Nationalen Bildungsrat.

In vielen Bundesländern haben sich Schüler beschwert, dass Mathe-Abitur sei zu schwer gewesen. Der Chef der Pisa-Studie Andreas Schleicher hat gelobt, die Abiturprüfungen in Mathe verlangten heute mehr eigenständiges mathematisches Denken als früher. Der Unterricht sei aber noch nicht genug darauf eingestellt. Hat er Recht?

Ich möchte eine Lanze für die deutschen Mathelehrer brechen. Sehr viele machen einen tollen und modernen Unterricht. An einer Stelle sehe ich noch Luft nach oben: Wir sollten die Chancen der Digitalisierung noch stärker nutzen, um mit individualisierten Lehrmittel die Starken wie die Schwachen in einer Klasse besser zu fördern. Über den Digitalpakt werden wir hier weiterkommen.

Was war Ihre schlechteste Mathe-Note?

Das weiß ich nicht mehr. Mathe war eines meiner Lieblingsfächer. Eine Fünf war in diesem Fach sicher nicht dabei.

Wären Sie – wie die diesjährigen Abiturienten – als Schülerin jemals auf die Idee gekommen, gegen eine als zu schwer empfundene Prüfung eine Petition zu starten?

Nein, das glaube ich nicht.

Finden Sie es legitim, dass Schüler die Möglichkeiten des Internets nutzen, um auf diese Weise für ihre eigene Sache eintreten?

Das Netz schafft neue Möglichkeiten des Protests – auch in diesen Fällen. Diejenigen, die eine Abiturprüfung erstellen, brauchen deshalb heute auch ein anderes Stehvermögen als früher. Man darf sich dennoch nicht scheuen, Schülern und Eltern zu sagen: Das ist der Standard, der verlangt wird – auch schwierige Aufgaben mit einem hohen Transferanteil gehören dazu. Diskussionen um die Schwierigkeit von Aufgaben gab es aber schon immer.

Der Youtuber Rezo hat mit seinem mehr als einstündigen Video „Die Zerstörung der CDU“ viel Aufmerksamkeit auf die Europawahl, aber auch auf die Klimapolitik gelenkt. Freut es Sie als Bildungsministerin, dass junge Menschen auf diesem Weg mit politischen Fragen in Kontakt kommen?

Es ist gut, dass junge Menschen sich politisch interessieren. Rezo hat offenbar einen Nerv getroffen – auch wenn viele seiner Ausführungen zweifelhaft sind. Als Partei müssen wir die Lehren aus der Diskussion ziehen. Wir müssen schneller auf die Wellen reagieren, die Internet-Kampagnen oder Videos im Netz immer häufiger auslösen. Ein anderes Thema ist, wie wir unsere parteiinterne Willensbildung modernisieren. Wir müssen neue Möglichkeiten der Beteiligung schaffen, vielleicht sogar etwas wie einen digitalen Kreisverband. Das würde auch Jüngere sicher mehr motivieren, sich politisch zu engagieren. Ich bin dafür. Letztlich muss aber die Partei entscheiden und es muss noch geprüft werden, ob das rechtlich geht.

Lässt sich aus der Wahlschlappe bei der Europawahl etwas darüber lernen, wie die Union sich inhaltlich verändern muss?

Wir müssen viel deutlicher machen, dass Klimaschutz und Erhalt der Natur Teile der DNA von CDU und CSU sind. Wir wollen die Schöpfung bewahren. Daher haben wir das Thema Umwelt schon vor knapp 40 Jahren vor vielen anderen auf die politische Agenda gesetzt. Wir brauchen beim Klimaschutz einen Gesamtansatz, der die unterschiedlichen Ziele und Interessen zusammenführt und ausgleicht.

Was bedeutet das konkret?

Klimaschutzpolitik muss zusammen mit der Stärkung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gedacht werden. Die finanziellen Lasten von Klimaschutz und Energiewende müssen tragbar sein und sozial gerecht verteilt werden, sonst wird das Engagement der Bevölkerung für den Klimaschutz schwinden. Wir brauchen bezahlbare Energie. Das sehen andere Parteien ja ganz anders. Die Interessen zu bündeln und dann für die Menschen die beste Entscheidung zu formulieren, das hat die Union immer ausgemacht. Darauf müssen wir uns auch bei dem Thema Klimaschutz besinnen. Mit einer solchen ausgleichenden Klimaschutzpolitik werden wir die Bürger überzeugen.

Bekommen jetzt die neuen Auftrieb, die Annegret Kramp-Karrenbauer den Job als Parteichefin nicht zutrauen?

Annegret Kramp-Karrenbauer hat gezeigt, dass sie die unterschiedlichen Interessen zusammenbringen kann. Und dass sie gewillt ist, den Erneuerungsprozess aus der Partei heraus voranzutreiben. Dass der nicht von heute auf morgen abgeschlossen sein kann, muss allen klar sein.

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