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Deutschland / Welt Blutige Straßenschlachten in Ägypten
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18:57 02.02.2011
Anhänger und Gegner des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak bekämpfen sich auf dem Tahrir-Platz. Quelle: dpa
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Straßenschlachten im Zentrum Kairos: Anhänger des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak gehen mit brutaler Gewalt auf die Regimegegner los. Nach der Rückzugsankündigung Mubaraks eskalierte die Lage im Land, die wohl nur noch durch ein Eingreifen der Armee unter Kontrolle gebracht werden kann. Mindestens ein Toter und 350 Verletzte, lautete die offizielle Bilanz der Übergriffe am Mittwoch auf dem Tahrir-Platz. US-Präsident Barack Obama drängte Mubarak in einem Gespräch zum sofortigen Rückzug. Die Staatengemeinschaft reagiert entsetzt auf die Exzesse.

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Schlägertrupps und knüppelschwingende Reiter auf Kamelen stürmten in die zunächst friedlich demonstrierende Menge. Die Kontrahenten bewarfen sich aus nächster Nähe mit voller Wucht mit Steinen. Das Militär, das sich zunächst zurückgehalten hatte, setzte schließlich Wasserwerfer ein, um das Treiben zu beenden.

Augenzeugen berichteten, mehrere Männer hätten auf eine ausländische Journalistin eingeschlagen. Anwohner retteten die Frau, indem sie sie in eine Nebenstraße zogen. Mohammed Omar, ein Fotograf der European Pressphoto Agency (EPA), wurde während der Auseinandersetzungen, die er am Ägyptischen Museum fotografierte, am Kopf verletzt. Nach Angaben von Kollegen nahmen ihn Soldaten in Gewahrsam. Auch eine ZDF-Journalistin soll festgesetzt worden sein.

Etwa 4000 Anhänger von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei (NDP) waren am Nachmittag auf den Tahrir-Platz in Kairo geströmt, um die Regimegegner zu vertreiben. Die Armee hatte zuvor vergeblich an die Menschen appelliert, die Demonstrationen zu beenden. Die Forderungen der Jugend seien verstanden worden, erklärten die Streitkräfte im Staatsfernsehen. Die Botschaft sei angekommen.

Immer wieder ritten angeblich bezahlte Schläger des Regimes auf Kamelen und Pferden in die Menge hinein und schlugen mit Knüppeln und Eisenstangen auf die Regimegegner ein. Einige hatten auch Messer dabei, hieß es. Anti-Mubarak-Demonstranten nahmen mehrere Angreifer fest und übergaben sie den Soldaten, die am anderen Ende des Platzes standen.

Die Anti-Mubarak-Demonstranten warfen der NDP vor, sie habe bezahlte Schlägertrupps und Polizisten in Zivil geschickt. Das Innenministerium in Kairo ließ über das Staatsfernsehen dementierten, dass Polizisten an den Ausschreitungen beteiligt gewesen seien.

Im Kairoer Stadtteil Mohandesin demonstrierten tausende Anhänger Mubaraks. Die Demonstranten trugen Plakate, die sowohl den islamischen Halbmond als auch das christliche Kreuz zeigten. Einige der Demonstranten attackierten Journalisten, denen sie vorwarfen, die Unruhen in Ägypten geschürt zu haben.

Die USA, die UN und die EU verurteilten die Eskalation. Washington sei tief besorgt über Angriffe auf friedliche Demonstranten sowie auf Medienvertreter, sagte Regierungssprecher Robert Gibbs. Gleichzeitig rief er die Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf.

EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte Mubarak zu Gesprächen mit der Opposition auf. Israel macht sich angesichts des erwarteten Machtwechsels in Ägypten Sorgen um die Zukunft seines mehr als 30 Jahre alten Friedensabkommens mit dem Nachbarland.

Erstmals seit Beginn der Unruhen telefonierte Bundesaußenminister Guido Westerwelle mit dem ägyptischen Oppositionsführer Mohammed el Baradei. Er zeigte sich äußerst besorgt: „Ich fordere die Sicherheitsbehörden in Ägypten auf, keine Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden.“ Die Bundesregierung redet auch mit Teilen der islamistischen Muslimbruderschaft. In Berliner Regierungskreisen hieß es, es gebe Gespräche mit gemäßigten Kräften innerhalb dieser Organisation.

Obama forderte von Mubarak, sofort den Weg zum Aufbau einer Demokratie freizumachen. „Ein geordneter Übergang muss bedeutungsvoll sein, muss friedlich sein und muss jetzt beginnen“, sagte Obama in Washington. Er habe dies in einem Telefonat mit Mubarak nach dessen Rede verdeutlicht. Die Bundesregierung sprach sich für einen zügigen politischen Neuanfang in Ägypten aus.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verlangte weitere Schritte von Mubarak. Das ägyptische Volk erwarte, dass in kurzer Zeit mit dem Aufbau einer neuen Demokratie begonnen werde, habe aber kein Vertrauen in den Reformwillen des bisherigen Systems.

Mubarak hatte am Dienstagabend erklärt, er werde bei der Präsidentenwahl im Herbst nicht mehr antreten. Die noch verbleibenden Monate im Amt wolle er für eine „friedliche Machtübergabe“ nutzen.

Die Opposition fordert den sofortigen Rücktritt des 82-Jährigen. Die Jugendbewegung 6. April kündigte an: „Wir setzen die Proteste fort, bis unsere Forderungen erfüllt sind, besonders die Forderung nach dem Rücktritt Mubaraks und seines Regimes.“

Der von den oppositionellen Muslimbrüdern unterstützte Friedensnobelpreisträger El Baradei kritisierte: „Wie immer hört er (Mubarak) nicht auf sein Volk.“ Der Sprecher der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, sagte, die Zugeständnisse Mubaraks kämen zu spät. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, kündigte an, er werde möglicherweise ebenfalls für das Präsidentenamt kandidieren.

Auch in anderen arabischen Ländern rumort es. Der jemenitische Präsident Ali Abdullah Salih erklärte am Mittwoch in Sanaa vor beiden Kammern des Parlaments, er wolle nach 32 Jahren auf eine weitere Amtszeit verzichten. Außerdem will der starke Mann Jemens die für April geplante Parlamentswahl verschieben und eine Regierung der nationalen Einheit bilden, wie ein dpa-Mitarbeiter berichtete.

Die Demokratiebewegung in den arabischen Ländern steht auch im Mittelpunkt bevorstehender internationaler Treffen. Die Entwicklung werde bei der dreitägigen Münchner Sicherheitskonferenz, die an diesem Freitag beginnt, eine erhebliche Rolle spielen, sagte der Leiter Wolfgang Ischinger der Nachrichtenagentur dpa.

dpa

Dieser Artikel wurde erneut aktualisiert.

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