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Deutschland / Welt Brexit-Drama bei „Hart aber fair“: „Wir stehen vorne an der Abbruchkante”
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Brexit-Drama bei „Hart aber fair“: „Wir stehen vorne an der Abbruchkante”
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10:24 09.04.2019
Moderator Frank Plasberg mit seinen Gästen bei „Hart aber fair“. Quelle: Imago
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Berlin

Freitag um Mitternacht wäre Schluss: Dann droht den Briten der harte Brexit. Ein Austritt aus der EU ohne Absprachen, ohne Verträge. Premierministerin Theresa May möchte einen Aufschub bis zum 30. Juni erwirken. Aber bekommt sie ihn? Unter dem Titel „Sorry liebe Briten – Wer nimmt euch jetzt noch ernst?” diskutieren Frank Plasberg und seine Gäste nun bei „Hart aber fair” über das Brexit-Dilemma.

Das Thema

Es ist eine Woche der Wahrheit – werden die Briten noch einmal einen Aufschub beim Brexit bekommen? Wie sollte sich Europa den austrittsbereiten Briten gegenüber verhalten? Moderator Frank Plasberg spricht darüber unter anderem mit einer Frau, die um ihre Zukunft bangt: einer deutschen Bäckerin aus London.

Die Gäste

Norbert Röttgen (CDU) ist Abgeordneter im deutschen Bundestag und hat die Außenpolitik zu seinem Steckenpferd ernannt. Er wird nicht müde zu fordern, dass man den Briten noch ein Jahr Zeit geben sollte. „Ein No-Deal ist die schlechteste Lösung für alle”, sagt der 53-Jährige mit Blick auf die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten.

Der Bundesvorsitzende der Jusos, Kevin Kühnert (SPD), trägt einen Kapuzenpullover mit Europasternen und gibt sich auch sonst europäisch. Den Briten will er nur kurzen Aufschub garantieren. Die Kuschelvariante schaffe nur Nachahmer – „und meiner Generation fliegt Europa um die Ohren”, sagt Kühnert.

Anthony Glees ist Historiker und Politologe und würde die EU am liebsten nicht verlassen. Er sorgt in der Talkrunde mit manchmal schiefen, aber oft lustigen Bildern für humorvolle Augenblicke. „Die EU sollte Großbritannien wie eine gestörte Person behandeln”, findet Glees. Eine Entscheidung sollte nicht einfach durchgedrückt werden. Vielleicht würden die Briten dann noch einmal abstimmen wollen, hofft der 70-Jährige.

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Der Krawallmacher der Runde ist Nikolaus Doll. „Wir haben selbst genug Probleme”, sagt der Journalist. Immer wieder sucht er an diesem Abend die Konfrontation mit Politologe Glees. Moderator Frank Plasberg nennt ihn einen Wüterich. Doll behauptet von sich aber, überzeugter Europäer zu sein.

Petra Braun ist die Person am Tisch, die ganz direkt vom Brexit betroffen ist. Sie ist Inhaberin einer deutschen Bäckerei in London und entsetzt über die Verhandlungen. „Viele Politiker, die Großbritannien an die Wand fahren wollen, haben ihre Schäfchen im Trockenen – ausbaden müssen es die Kleinen”, sagt die Bäckerin, die keine Amerikaner mehr backt, sondern nur noch Europäer.

Das Duell des Abends

Brite Anthony Glees hält flammende Plädoyers für Europa, findet aber, dass die EU den Briten viel mehr helfen müsse. „Die Briten haben doch jetzt erst verstanden, was der Brexit bedeuten würde. Deswegen wollen wir ein zweites Referendum nicht ausschließen.” „Doch”, lautet Nikolaus Dolls recht patzige Antwort. Und er präzisiert es noch: Erst raus, dann rein – wie will man das den Leuten erklären?

Ein zweites Duell dauert etwas länger und ist weitaus lauter. Röttgen ist sich sicher, dass ein No-Deal-Austritt keine Lösung sein kann. “Damit würde Chaos erst beginnen. Wir müssten überall Löcher stopfen und improvisieren”, sagt der CDU-Abgeordnete. Der Brexit sei die schwerste Krise seit dem zweiten Weltkrieg für Großbritannien.

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„Dass Herr Röttgen von Chaos spricht, verstehe ich nicht”, hält Krawallmacher Doll dagegen. Für einen Politiker sei es unangemessen, solche Angst zu verbreiten. „Ein ungeordneter Brexit muss nicht chaotisch sein”, so Doll. Es werde zwar teuer, das Wichtigste sei aber der Binnenmarkt. „Den müssen wir erhalten, zur Not auf Kosten von Wirtschaftsbeziehungen.”

Der einprägendste Satz

Kevin Kühnert fordert, dass man die Schuld nicht immer dem Parlament in die Schuhe schiebe. „Wer sagt denn da andauernd ’Nein’? Es ist die breite Mehrheit der Tories, die alles ablehnt.” Diese eine Partei sei der Grund, weshalb Großbritannien gespalten sei. „Die Partei hat das Land reingeritten und will sich jetzt nicht bewegen, weil sie dann zerbrechen würde”, sagt Kühnert.

Der emotionalste Moment

Bäckerei-Inhaberin Petra Braun lebt seit Jahren in Großbritannien. Einen Tag vor dem möglichen No-Deal-Austritt feiert sie das zehnjährige Jubiläum ihres Geschäfts. „Meine 15 Mitarbeiter und ich sind Brexit-Gegner. Unsere Arbeitsplätze stehen am Freitag auf dem Spiel. Wir stehen vorne an der Abbruchkante”, sagt sie deutlich. Geld verdiene man in Pfund, ausgeben müsse man es in Euro in Deutschland, um hier Delikatessen einzukaufen. „Papiertüten werden nicht in Yorkshire geklebt, die muss ich auf dem Weltmarkt kaufen”, so Braun.

Fazit

Die Fragestellung des Abends „Sorry, liebe Briten: Wer nimmt Euch jetzt noch ernst?” beantworten fast alle mit einer Forderung nach Besonnenheit, Vernunft und Aufschub. Am liebsten würden sie wohl alle die Zeit zurückdrehen. Auch ein zweites Referendum mit einer anderen Fragestellung erscheint den Gästen als eine gute Idee. Nur Nikolaus Doll findet, dass ein zweites Referendum undemokratisch wäre. Aber er gab ja auch den Wüterich in der Runde.

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Von Tomma Petersen/RND

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