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Deutschland / Welt Realos blasen zum Angriff auf Trittin
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Realos blasen zum Angriff auf Trittin
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14:07 08.07.2014
Zwei Geschlagene: Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin. Quelle: dpa
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Berlin

So geht Jubel: Als um 18 Uhr das FDP-Ergebnis über die Leinwand flimmert, reißen fast 2000 Grüne in der Berliner Columbiahalle die Hände hoch. Sonnenblumen fliegen durch die Luft. Dem politischen Erzfeind droht nach der ersten Prognose von 4,7 Prozent der Gang in die außerparlamentarische Opposition. Wenige Sekunden später folgt die Ernüchterung: Bei 8,0 Prozent verharrt der grüne Balken. Das sind satte 20 Prozent weniger als in den Umfragen im April 2011 nach dem Fukushima-Gau. Ein langes „Ooooohh“ zieht durch den Saal. Das war es dann also mit der Wahlparty.

Die Grünen hatten mit einem mäßigen Ergebnis gerechnet nach den Diskussionen der vergangenen Wochen. Stichworte Steuerbelastung, Veggie-Day, pädophile Zwischentöne in der Vergangenheit. Doch dass es so dicke kommt, dass die Partei nur einstellig ist und vielleicht das zweitschlechteste Wahlergebnis seit 1998 einfährt – damit nicht. „Wir haben unsere Ziele nicht erreicht“, sagt Fraktionschef und Spitzenkandidat Jürgen Trittin nüchtern. Katrin Göring-Eckardt spricht offen von einer „Niederlage“. Da ist es schon 18.45 Uhr. Eine Dreiviertelstunde hat die Grünen-Spitze die Anhänger zunächst warten lassen, weil man noch auf bessere Hochrechnungen hoffte. Der Saal hält sich derweil mit Bier und Brezeln bei Laune. Außerdem werden bei jeder neuen Hochrechnung zur AfD „Nazis raus“-Rufe laut.

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Trittin sieht unendlich müde aus. Der Oberkörper kippt nach vorne. Er stützt sich mit den Armen am Rednerpult ab. Die letzten Wochen haben Spuren hinterlassen. Genau wie Co-Spitzenkandidatin Göring-Eckardt kündigt er an, die Niederlage in Ruhe zu analysieren und sich vor allem „gemeinsam aus dem Loch“ herauszukämpfen. Mäßiger Applaus. Denn: Ob es in dieser Formation dazu kommt, ist fraglich. „Es ist alles offen“, heißt es aus dem Parteirat, der schon am Nachmittag fiebrig tagte. Das bezieht sich sowohl auf mögliche Koalitionen wie auf die künftige Besetzung der Partei- und Fraktionsspitze. Schwarz-grüne Befürworter findet man in der Columbiahalle zwar eher selten, doch an der Parteispitze gehen die Planspiele weiter. „Ich wäre nicht unglücklich, wenn uns eine Alleinregierung der Union erspart bleibt“, orakelt Parteichef Cem Özdemir. Er gilt als möglicher Türöffner für Schwarz-Grün und legt an diesem Abend noch mit interner Kritik nach: „Wir haben den Eindruck erweckt, dass wir eine Verbotspartei sind. Das müssen wir korrigieren.“ Özdemir selbst hat doppelt gelitten. In seinem Wahlkreis Stuttgart 1 holt er ganze 27 Prozent und unterliegt dem CDU-Kandidaten Stefan Kaufmann erneut deutlich. Rückenwind sieht anders aus.

Für den sorgt dann Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg. „Wir können sicher nicht alles richtig gemacht haben. Auch die Steuerpolitik gehört dazu“, poltert er. Und sagt auch: „Bei Sondierungen ist man immer dabei.“ Das klingt nach Angebot. Und auch nach Abrechnung? Klar ist: Die Tage nach der Wahl werden für die Grünen mindestens so turbulent wie die vor der Wahl. Noch am Abend treffen sich Realos und Linke in getrennten Runden. Man redet schon eher übereinander als miteinander. Heute tagen die Gremien. Dann wird es zunächst darum gehen, ob und in welcher Form überhaupt Sondierungsgespräche mit der Union geführt werden. Dafür braucht man Trittin schon noch, heißt es süffisant in der Partei. Erst danach könnte es wirklich eng werden für den Fraktionschef. Angeblich steht der bayerische Verkehrsexperte Anton Hofreiter als Nachfolger bereit. „Ich glaube, dass bei dem Ergebnis sowohl inhaltliche als auch personelle Fragen auf den Tisch gehören“, giftet die Spitzen-Grüne Anja Hajduk aus Hamburg. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer klingt ähnlich. Der Realo-Flügel koordiniert seinen Angriff auf Trittin offensichtlich bereits .

Dessen Kernproblem: Auch in der Parteilinken schwindet bereits der Rückhalt. „Mit dem Wahlergebnis müssen wir Inhalte und Köpfe hinterfragen“, sagt ein Spitzen-Linker. Doch auch: „Das Ergebnis ist zu schlecht, um es allein ihm und Göring-Eckardt anzulasten.“ Aber ist es nicht Trittin, der die Grünen-Steuerpläne maßgeblich zu verantworten hatte und damit eine nachhaltige Ausdehnung der Partei in bürgerliche Gefilde verhinderte? Niemand, den man fragt, widerspricht. Stattdessen heißt es: Am Ende wird Trittin allein entscheiden, was aus ihm wird.

Von Patrick Tiede