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00:15 25.09.2013
Von Gabi Stief
„Das ist bitter“: Rainer Brüderle (links) mit Parteichef Philipp Rösler und dessen Ehefrau Wiebke. Quelle: dpa
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Berlin

In der Krise ist es der Ältere, der den Jüngeren stützt. Philipp Rösler, Noch-Vorsitzender der FDP, steht vorn auf der Bühne und sagt, sichtlich um Fassung bemüht, dass er „die persönliche und politische Verantwortung“ übernehmen werde. Zuvor hat ihm Rainer Brüderle, 68 Jahre alt, zugeraunt, „nun komm“, väterlich die Hand auf den Arm gelegt und fast unmerklich zum Rednerpult gezogen.

Rösler, zu Jahresbeginn gerade 40 Jahre alt geworden, sagt: „Die Politik und die Partei war für mich kein Beruf, sondern Berufung.“ Die Stimme ist fest, jedes Wort wird besonders betont. Wie in den vergangenen Tagen spürt man in diesem Moment, dass er kämpft, mit sich und dieser Rolle, mit der er nie so richtig warm geworden ist. „Es war meine Leidenschaft.“ War! Vorbei.

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Eine dreiviertel Stunde zuvor, ist das geschehen, was einige führende Liberale befürchtet haben, aber bis zur letzten Sekunde lieber verdrängten. Vorn im Saal, auf der Leinwand wächst der gelbe Balken und verharrt bei 4,5 Prozent. Raus aus dem Bundestag? Wirklich raus? Stille im Saal, noch eben wurde gelacht, geplaudert, bei Würstchen und Kartoffelsuppe. Fassungslos starren sie auf die Leinwand. Sollte es tatsächlich sein, dass die FDP erstmals in ihrer Geschichte aus dem Bundestag fliegt? Hochkant. „Fuck“, schimpft eine Gruppe junger Liberaler, fast alle mit hipper Gel-Frisur, ganz unziemlich. „Nein, bitte nicht“, ruft eine junge Frau entsetzt, die sich in ein blau kariertes tief dekolletiertes Dirndl mit gelber Schürze gezwängt hat; aus Solidarität mit Spitzenkandidat Brüderle, dem im Frühjahr eine Dirndl-Zote nachgesagt wurde.

Viele FDP-Fans sind ins Berliner Congress Centrum in Blau-Gelb gekommen. Doch nun steht blau-gelb für den Absturz, für die Katstrophe. Eine Abgeordnete schluchzt und kann die Tränen nicht zurückhalten. Freunde umringen sie, tröstend, schützend. Im Internet spottete eine junge Frau: Schön, dass die FDP nun auch merkt, wie es sich anfühlt, wenn der Arbeitsvertrag nicht verlängert wird. Trost sucht auch Rösler, als er eingerahmt (und gestützt) von seiner Frau Wiebke und Brüderle, über eine „bittere Niederlage“ und die „bitterste Stunde der freiheitlichen Partei“ spricht. Die FDP habe eine starke Verankerung vor Ort, sagt er. Diese Arbeit werde die Partei wiedererstarken lassen.

Die Gäste im Saal spenden minutenlang Beifall, nur vereinzelt hört man Pfiffe. Rösler erinnert daran, dass auch die SPD in schwieriger Zeit kämpfen musste und dies geschafft habe. „Dies motiviert auch uns.“ Daniel Bahr, scheidender Bundesgesundheitsminister, wird später sagen, dass er persönlich enttäuscht sei. „Offenbar sind alle Erfolge bei der Union verbucht worden.“ Ähnlich erging es den Sozialdemokraten vor vier Jahren, am Ende der Großen Koalition. Kein Wunder, dass Rösler der SPD gratuliert. Sie hat es zu neuer Größe geschafft, soll das heißen. Kleine Größe im Vergleich zur übermächtigen Merkel-Partei. Aber immerhin. Die SPD wird überraschenderweise Mutmacher für die Liberalen in schwerer Stunde.

Brüderle ist der einzige führende FDP-Politiker, der zu früher Stunde die Hoffnung auf Wiedereinzug in den Bundestag noch nicht ganz aufgegeben hat. „Es könnte noch Fortschritt geben“, sagt er, blass, mit steinerner Miene. 0,5 Prozentpunkte würden reichen. Auch er betont, dass man selbstverständlich Verantwortung übernehmen werde. „Es wird schwieriger, aber es ist nicht das Ende der Partei.“ Wer Rösler folgen wird, ist an diesem Abend kein Geheimnis. Als vorn auf der Leinwand der nordrhein-westfälische Landeschef Christian Lindner interviewt wird, geht zustimmendes Raunen durch den Saal. Da den Gästen an diesem Abend der Ton der Fernsehsendungen nicht zugemutet wird, weiß man nicht, was Lindner sagt. Aber dass er recht schnell Rösler als FDP-Vorsitzender folgen wird, gilt als sicher. An diesem Montag tagt der Bundesvorstand. „Der Neue ist der da vorn“, sagt einer, der es wissen muss, aber wie so viele nicht allzu laut darüber reden will.

Die Devise „Weiter so!“, erprobt im Wahlkampf, wird nicht reichen. Ein parteiinterner Machtkampf ist absehbar. Doch um welche Ämter und Posten? Was gibt es noch zu verteilen, wenn die FDP künftig nicht mehr im Bundestag sitzt? Bereits die massve Werbung um Zweitstimmen war vielen Liberalen in der vergangenen Woche unangenehm aufgestoßen. Vor allem Brüderles Äußerung, eine Stimme für die FDP sei eine Merkel-Stimme sorgte für Verstimmung. Zumal manche sich daran erinnerten, dass Parteichef Rösler noch zu Amtsantritt verkündet hatte, dass sich ähnliche Formulierungen aus Kohl-Regierungszeiten nicht wiederholen dürften. Eine stolze Partei versprach Rösler, nachdem Guido Westerwelle sanft aus der ersten Reihe geboxt worden war. Westerwelle blieb das Amt des Außenministers und die Hoffnung, dass seine Stunde noch einmal kommt. Und nun? Zwei Landesverbände haben bereits in den vergangenen Wochen begonnen, die Truppen zu sammeln.

Dem Kurs der Bundespartei folgten weder die Schleswig-Holsteiner mit Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki noch die Nordrhein-Westfalen mit Landeschef Christian Lindner. Vorsichtig setzten sie eigene Akzente. Mit der Vorsicht ist es nun vorbei. Bereits bei der ersten Hochrechnung, die die Prognose bestätigt, haben die ersten Gäste das Veranstaltungszentrum verlassen. Im Saal selbst ist Stimmung auf dem Tiefpunkt. „Blei, wie Blei“, sagt einer und geht. Kurz nach 21 Uhr, sind der Saal und die Gänge verwaist. Ein paar Gäste stehen wie Reisende rum, die den abfahrenden Zug verpasst haben. Rösler ist zusammen mit seiner Frau bereits um 20 Uhr gegangen, durch eine Hintertür. Vorher ist das Paar, verfolgt von den Kamerapulks, durch den Saal gerirrt, hat sich von Bekannten verabschiedet.

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