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Deutschland / Welt Bundeswehr übergibt Feldlager in Kundus
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Bundeswehr übergibt Feldlager in Kundus
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07:37 07.10.2013
Die Bundeswehr übergibt ihr Feldlager Kundus an die Afghanen. Quelle: dpa
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Kundus

Sengende Sonne, 35 Grad, staubiger Beton: Stoisch stehen die Einheiten von Polizei und Armee in dieser Hitze fast zwei Stunden lang auf dem zentralen Platz im Feldlager Kundus.

Sie sind angetreten zur feierlichen Übernahme des Camps von der Bundeswehr. Ihre deutschen Kameraden haben es besser. Nicht nur, weil ihnen ein Aufmarschplatz im Schatten der neuen Lagerkantine zugewiesen ist. Sie rücken ab aus diesem unwirtlichen Ort. Ein paar Tage oder Wochen noch, dann ist Schicht, dann verlassen auch die restlichen Bundeswehrsoldaten die Provinzhauptstadt. Die Afghanen müssen dann selbst für ihre Sicherheit sorgen.

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Kundus ist zum Symbol des deutschen Afghanistan-Einsatzes geworden. Hier zahlte die Bundeswehr den größten Blutzoll seit ihrem Bestehen. Hier fielen 20 eigene Soldaten, weit mehr als 100 Zivilisten kamen im September 2009 bei dem verheerenden Bombenangriff auf zwei Tanklastwagen ums Leben, für den ein Bundeswehroffizier die Verantwortung trägt.

Kundus“, sagt Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), „das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste, zu kämpfen.“ Eine Zäsur sei das gewesen, sagt der Minister, der zusammen mit seinem noch amtierenden Kollegen im Außenamt, Guido Westerwelle (FDP), zur Schlüsselübergabe eingeflogen ist. Auch Westerwelle wählt große Worte: „Die heutige Übergabe in Kundus schreibt Geschichte. Es beginnt die letzte Phase unseres Kampfeinsatzes in Afghanistan.“

Bis Ende 2014 soll dieser endgültig abgeschlossen sein. Dann endet die Isaf-Mission der internationalen Staatengemeinschaft. Eine Anschlussmission ist geplant, aber noch nicht sicher. Sie sieht allein Training und Beratung der afghanischen Sicherheitskräfte vor. Deutschland lasse Afghanistan nicht im Stich, der Abzug der Kampftruppen sei endgültig – das ist die Botschaft der beiden Minister an die afghanische Seite. „Vergessen werden wir diesen Ort niemals“, versichert der sonst so nüchterne de Maizière und schließt seine kurze Ansprache mit einer Portion Pathos. „Hier wurde aufgebaut und gekämpft, geweint und getröstet, getötet und gefallen.“

War es die Opfer wert? Auf Einladung des Verteidigungsministeriums ist auch Tanja Menz mit nach Kundus geflogen. Ihr Sohn Konstantin ist hier im Februar 2011 gestorben. Er war 22 Jahre alt, als er von einem afghanischen Soldaten erschossen wurde. „Innentäter“ heißen in der Militärsprache solche Attentäter. „Ich hoffe, dass der Einsatz etwas genutzt hat“, sagt die Frau aus Baden-Württemberg, „aber wissen werden wir das erst in einiger Zeit.“ Sie ist gerührt von den Worten des afghanischen Vizeverteidigungsministers Nasrullah Nasari. „Ihr Sohn hat sich mit seinem Blut für den Frieden in Afghanistan geopfert“, sagt Nasari – Worte, die einer Verbeugung gleichkommen.

Wendet sich alles zum Guten, wie der Regierungsmann aus Kabul überzeugt ist? Thomas de Maizière tut sich schwer mit einer Prognose. Die Sicherheitslage sei schwierig, „schlechter als erhofft“, sagt er am Rande der offiziellen Übergabe. Illusionslos gibt sich auch Westerwelle. Man müsse sich in jedem Fall auf schlechte Nachrichten gefasst machen. In Deutschland diskutiert man unterdessen darüber, wie mit afghanischen Helfern der Isaf-Truppen umgegangen werden soll: Viele fürchten Racheakte. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte jetzt, gefährdete Helfer der Bundeswehr sollten die Chance erhalten, nach Deutschland zu kommen. Es müsse aber jeder Einzelfall für sich betrachtet werden.

Die Extremisten sind nämlich noch lange nicht besiegt. Immer wieder gibt es Zwischenfälle, auch an diesem Tag. Etwa 15 Kilometer außerhalb von Kundus wird ein Polizeiaußenposten angegriffen. Es geht glimpflich aus, aber das ist nicht immer so. Erst im September starben der Chef der Wahlkommission in Kundus und ein Distriktgouverneur bei Attentaten.

Dennoch wird den afghanischen Soldaten und Polizisten, die nun in das von den Deutschen gebaute Camp einziehen, kräftig Mut zugesprochen. De Maizière bescheinigt ihnen „Riesenfortschritte“. Er stellt aber ebenso klare Forderungen. Gut ausgerüstet seien sie, und sie hätten sich lange auf diesen Tag vorbereitet – daher erwarte er nun von ihnen, dass sie „die Sicherheit in und um Kundus bewahren und notfalls wieder herstellen“.

Heiko Diehl, der Kommandeur der Kampftruppen in Kundus, traut den Afghanen das zu. Sie hätten sich gut entwickelt, planten ihre Operationen längst selbst. Diehl hat jetzt nur noch ein Ziel: Das Kapitel Kundus zu einem guten Ende zu bringen. „Ich möchte alle meine Soldaten gesund und munter zurückbringen“, beschreibt der Oberstleutnant die Aufgabe der nächsten Wochen.

Irgendwann im Oktober – das Datum ist aus Sicherheitsgründen geheim – wird ein großer Konvoi mit den letzten verbliebenen Soldaten und Fahrzeugen Richtung Masar-i-Scharif aufbrechen. Von dort geht es dann später zurück nach Deutschland. Kundus ist dann Geschichte. Der Verteidigungspolitiker der Grünen, Omid Nouripour, hält den Afghanistan-Einsatz schon jetzt für komplett gescheitert: In der „Bild am Sonntag“ prophezeite er, es drohe ein „langer und blutiger Bürgerkrieg“.

Bislang 54 deutsche Soldaten getötet

Der deutsche Einsatz in Afghanistan begann mit dem Bundestagsbeschluss am 22. Dezember 2001: Damals entschied das Parlament, dass Deutschland sich an der internationalen Truppe Isaf beteiligen werde. Seitdem sind 54 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ums Leben gekommen, davon starben 35 bei Anschlägen oder Angriffen. Insgesamt soll der Einsatz rund 7,6 Milliarden Euro gekostet haben.
Derzeit sind in Afghanistan noch etwa 4000 deutsche Soldaten stationiert, davon 900 in Kundus. Auch nach der Räumung des Feldlagers dort bleibt das Hauptquartier in Masar-i-Scharif weiterhin bestehen. Dennoch ist die Übergabe von Kundus ein Meilenstein beim Abzug der Bundeswehr. Bis Ende 2014 sollen alle Isaf-Kampfeinheiten das Land verlassen haben. Der Abzug der einst bis zu 5350 Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan hatte vor knapp zwei Jahren begonnen. Verteidigungsminister Thomas de Maizière geht davon aus, dass nach 2014 nur noch 600 bis 800 deutsche Soldaten im Rahmen einer kleinen Beratermission am Hindukusch stationiert sein werden. Deutschland hat Afghanistan bis 2016 bis zu 430 Millionen Euro jährlich für den Wiederaufbau versprochen. afp/rtr/dpa

Von Arnold Petersen

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