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Deutschland / Welt Integration im Alltag: Was wurde aus der Willkommenskultur?
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16:42 08.02.2019
Astrid Jäger vom Helferkreis Alling bringt ihren Schülern Deutsch bei. Quelle: privat
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Berlin

Alling, Landkreis Fürstenfeldbruck, westlich von München: Vor fast vier Jahren kamen etwa drei Dutzend Flüchtlinge in die 5000 Einwohner-Gemeinde. Viele Allinger wollten den Neuankömmlingen helfen – Nähe aufbauen, statt Distanz schaffen. Astrid Jäger engagiert sich für den Helferkreis Alling. Die 67-jährige pensionierte Lehrerin bringt den Geflüchteten Deutsch bei. Bevor die CDU an diesem Sonntag und Montag die Fehler ihrer Flüchtlingspolitik seit 2015 aufbereitet, spricht die bayrische Flüchtlingshelferin im RND-Interview über ihre Erfahrungen.

Frau Jäger, in der CDU und CSU ist man inzwischen nicht mehr gut auf die „Willkommenskultur“ von 2015 und 2016 zu sprechen, für die sich Kanzlerin Merkel stark gemacht hatte. Wie sind Sie damals zur Flüchtlingshilfe gekommen?

Ich bin da über den Deutschunterricht reingerutscht. 2015 hat unsere Gemeinde eine Unterkunft für 30 bis 40 Menschen eingerichtet. Da dachten wir uns: Sie sind jetzt hier, dann bringen wir ihnen doch mal Deutsch bei.

Wie haben Sie die Arbeit mit den Geflüchteten empfunden?

Gerade am Anfang ging es uns ums reine Überleben der Menschen. Sie brauchten Nahrung und Kleidung, ein junger Mann ist in der Zeit leider auch gestorben. Das hat uns Helfer sehr getroffen. Für mich sind sie keine Flüchtlinge, sondern Menschen, die mittlerweile zu Freunden wurden. Wir haben für Struktur im Tag gesorgt. Das musste sich aber auch erstmal einspielen. Wenn es zum Beispiel geregnet hat, kamen manche nicht zum Unterricht. Wir fanden dann heraus: In Afghanistan und Syrien fällt bei schlechtem Wetter die Schule aus. Mittlerweile funktioniert es sehr gut – manche unserer Schüler sind pünktlicher als die Deutschen!

Konnten Sie auch abseits des Deutschunterrichts helfen?

Auf jeden Fall. Einer der Schüler ist Fliesenleger und wollte hier die Gesellenprüfung ablegen. Er war sehr clever und hat die Prüfung dann in einem sechswöchigen Schnelllehrgang geschafft. Daran merkt man: Die Leute wollen nicht in der sozialen Hängematte liegen. Unsere Syrer haben eher Probleme, wenn sie Akademiker sind, weil sie erst sprachlich wieder auf ein hohes Niveau kommen müssen und dafür den Kopf nicht frei haben, weil daheim gerade die Welt untergeht.

Im Asylstreit hört man oft die Sorge um die deutsche Kultur – besonders aus Bayern ...

Nein, um unsere Werte muss man sich nicht sorgen, vor allem wegen der Frauen. Sie sind bei uns echte Senkrechtstarter. In Syrien durften sie nicht arbeiten, im Iran nicht zur Schule gehen. Hier blühen sie auf. Sie sind begeistert von unseren Werten. Die Männer müssen sich am Anfang etwas umgewöhnen, zeigen uns aber große Anerkennung und Dankbarkeit.

Haben Sie auch Gegenwind wegen Ihres Engagements gespürt?

Das gibt es, aber der Helferkreis Alling hat eine starke Stellung hier im Ort. Die Leute trauen sich deshalb nicht, uns Negatives offen ins Gesicht zu sagen. Kinder von Flüchtlingen werden ab und zu von anderen Kindern dumm angeredet, aber das geht nur von einzelnen Familien aus. Der Großteil der Leute hier ist gegenüber den Flüchtlingen freundlich gesinnt.

Die CSU hat mit Merkel vehement über Migrationspolitik und Asyl-Obergrenze gestritten. Wie lief für Sie vor Ort die Zusammenarbeit mit der Politik?

Wir mussten schon immer mit der Politik kämpfen. Auch der Landtag wollte sich unseren Gesprächsangeboten nicht stellen. Nebenan in Fürstenfeldbruck hat die Politik nun ein Ankerzentrum eingerichtet. Dort wohnen 800 bis 1000 Menschen, das finden wir unmöglich. Die Flüchtlinge haben dort nicht viel, was ihren Tag sinnvoll gestaltet, deswegen gibt es da auch immer wieder Ärger. Sowas erleben wir nicht, weil wir hier auf die Menschen eingehen können.

Wie sehen Sie heute Merkels Prognose, „Wir schaffen das“?

Nach den vielen Konflikten mit der Politik in Bayern haben wir am Ende das Gefühl: Es soll gar nicht funktionieren. Die Politik löst kleine Unterkünfte auf, in denen es klappt, zugunsten von Ankerzentren, in denen Hunderte Menschen verschiedener Nationen zusammenleben. Das können wir nicht verstehen. Wir würden uns sehr wünschen, dass auch unsere Erfahrungen berücksichtigt werden, dass die Helferkreise gehört werden und wir nicht nur dazu da sind, im Hintergrund die Wogen zu glätten.

Was raten Sie denn der Politik, wenn sie jetzt aus ihren Fehlern lernen will?

Viele Firmen suchen dringend Arbeitskräfte. Warum sollen also diejenigen, die sich gut integrieren und arbeiten wollen, wieder weggeschickt werden – nur weil es die Politik so will? Es sollte viel mehr der einzelne Fall berücksichtigt werden. Bei Personen, die unsere Rechtsordnung und unsere Wertvorstellungen nicht akzeptieren, haben wir keine Probleme, wenn sie wieder gehen müssen. Wir sehen durchaus auch die Probleme und sind keine blinden Idealisten. Aber wir sind eben nicht der Meinung, dass Abschiebung die Lösung aller Probleme ist.

Von Janik Marx

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