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Deutschland / Welt CDU folgt Parteispitze bei Verbot der Früherkennungsdiagnostik
Nachrichten Politik Deutschland / Welt CDU folgt Parteispitze bei Verbot der Früherkennungsdiagnostik
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22:38 16.11.2010
Wann beginnt das Leben? Aufnahmen früher Embryonalstadien nach künstlicher Befruchtung in der Universitätsfrauenklinik in Leipzig.
Aufnahmen früher Embryonalstadien nach künstlicher Befruchtung in der Universitätsfrauenklinik in Leipzig. Quelle: dpa
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Karlsruhe. Die Seele einer Partei und ihr Markenkern werden gern beschworen wenn es gilt, die eigenen Reihen zu schließen. Dieser Mittelpunkt, oder das, was man dafür hält, wird häufig zitiert, interpretiert und vorgeschoben, um sich vom politischen Gegner abzugrenzen. Umso überraschender ist es, mit welcher Ernsthaftigkeit die mehr als 1000 CDU-Delegierten am Dienstag um ihr Selbstverständnis rangen. Die Frage des Umgangs mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) spaltet die Basis und die Führung.

Seit drei Jahren hat die CDU ein Verbot der Früherkennungsdiagnostik in ihrem Parteiprogramm verankert. In Karlsruhe aber zeigt sich, dass das PID-Verbot wohl zu den umstrittensten Programmpunkten gehört. 408 Delegierte stimmen dafür, 394 dagegen.

Grundsätzlicher hätte die Debatte kaum geführt werden können: Wann beginnt das menschliche Leben? Was heißt christlicher Umgang mit schutzlosem Leben? Und wann gebietet die schlichte Barmherzigkeit Toleranz gegenüber Lebensentscheidungen, die den eigenen Ansichten und Wertvorstellungen entgegenlaufen?

Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen auf Erbkrankheiten hin untersucht, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden. Etwa drei Tage nach der Befruchtung, wenn sich acht Zellen des heranwachsenden Embryos gebildet haben, werden ein bis zwei Zellen entnommen und in einem aufwendigen Verfahren auf ihre Erbanlagen geprüft. Für die Übertragung in die Gebärmutter der Frau werden schließlich nur diejenigen Embryonen ausgewählt, bei denen bestimmte Chromosomenstörungen oder Mutationen und damit eine Fehlgeburt oder die Geburt eines schwer behinderten Kindes mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden können.

Im Jahr wählen in Deutschland wenige hundert Paare diesen Weg – zumeist, weil sie um eine genetische Vorbelastung wissen oder bereits ein behindertes Kind haben. Sie wünschen sich einen unkomplizierten Umgang mit dieser Methode, die in anderen europäischen Ländern seit Jahren eine Selbstverständlichkeit ist. Und sie verweisen darauf, dass ähnliche Untersuchungen bei Embryos im Mutterleib allgemein üblich sind.

Trotz dieser Realitäten berührt die Untersuchung Grundlagen christlicher Ethik. Günter Krings, Fraktionsvize im Bundestag, sieht deshalb keine Kompromissmöglichkeiten: „Wie wollen wir die PID konkret ausgestalten? Welche Krankheiten führen zur Selektion? Welche zu erwartenden Behinderungen führen zu der Entscheidung, Embryonen absterben zu lassen?“ Die Ehrfurcht vor dem Leben gebiete es, Embryonen besonders zu schützen.

Peter Hintze, Parlamentarischer Staatssekretär und enger Merkel-Vertrauter, hält am Dienstag kräftig dagegen: „Es geht um ein Gebot der humanitären Vernunft.“ Das Verbot dieser Untersuchung komme einem Erkenntnisverbot gleich – und das habe sich in der Geschichte niemals auf Dauer durchsetzen können. Für Hintze ist es nicht hinnehmbar, dass alle Untersuchungen an Embryonen im Mutterleib erlaubt sein sollen – mit zum Teil dramatischen Folgen bis hin zur Spätabtreibung eines fast ausgewachsenen Kindes –, die Tests in der Petrischale aber zu ächten sind.

Zu der weit verbreiteten Befürchtung, PID führe zur Auswahl von „Designerbabys“, sagt der evangelische Theologe: „Wer glaubt, die Sehnsucht nach blauen Augen treibe irgendjemanden in die künstliche Befruchtung, geht an der Lebenswirklichkeit total vorbei.“

Ähnlich äußert sich Ursula von der Leyen, die am Montag mit großer Zustimmung zur Parteivize gekürt worden war. Gerade als Ärztin habe sie miterleben müssen, welchen Nöten und Ängsten Mütter und Väter ausgesetzt seien, weil sie Träger schwerer Erbkrankheiten seien: „Sie wünschen sich ein Kind und haben Angst.“ Eine Ideallösung habe auch sie nicht zu bieten, „aber ich bin in meinem Urteil vorsichtiger geworden“, sagt die Bundesarbeitsministerin, die sich mit ihrer Position deutlich von ihrer Parteichefin Angela Merkel absetzt.

Die vierstündige Debatte am Dienstag in Karlsruhe wird mit Leidenschaft geführt. So mancher Delegierte sagt, dass der unbedingte Schutz des ungeborenen Lebens und die christliche Ethik die eigentlichen Gründe seien, warum er sich in der Union engagiert.

Am Rande des Parteitags sind aber auch andere Stimmen zu hören. „Es ist in unserer Gesellschaft schwieriger geworden, sich in moralischen Fragen zu einigen. Bei der PID können sich viele Konservative hingegen schnell einigen“, sagt eine niedersächsische Parteifunktionärin – auch, weil nur sehr wenige Menschen davon betroffen sind.

Die Befürworter eines Verbotes der PID zweifeln daran, dass sich eine Liste von Krankheiten festlegen lässt, für die die PID zulässig sein soll. „Wenn die Tür erst offen steht, wird der Druck wachsen“, warnt die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner. Eltern eines behinderten Kindes könnten dann in die Lage kommen, sich für ihr Kind rechtfertigen zu müssen. Die Kirchenbeauftragte der Unionsfraktion, Maria Flachsbarth aus Hannover, fragt mit Blick auf eine mögliche begrenzte Zulassung der PID: „Wer schreibt die Grenzen fort entsprechend der medizinischen Entwicklung?“

Der gestrige Beschluss besagt noch nicht allzu viel. Im deutschen Embryonenschutzgesetz von 1990 wurde die PID noch nicht ausdrücklich geregelt und galt daher als strafbar. Im Juli dieses Jahres hat der Bundesgerichtshof allerdings die Auswahl künstlich befruchteter Eizellen bei Paaren, die Träger schwerer genetischer Erkrankungen sind, erlaubt. Deswegen steht nun eine gesetzliche Regelung an. Mit einer Entscheidung ist frühestens Anfang 2011 zu rechnen. Die Unionsfraktion hat bereits signalisiert, ihren Abgeordneten keinen Fraktionszwang aufzuerlegen und sie frei nach ihrem Gewissen entscheiden zu lassen. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Stefan Koch