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Deutschland / Welt Castor-Transport bis Montagmorgen lahmgelegt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Castor-Transport bis Montagmorgen lahmgelegt
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17:10 09.11.2010
Polizeikräfte stürmen im niedersächsischen Harlingen die von mehreren tausend Atomkraftgegnern besetzte Fahrtstrecke, um einzelne Störer herauszugreifen.
Polizeikräfte stürmen im niedersächsischen Harlingen die von mehreren tausend Atomkraftgegnern besetzte Fahrtstrecke, um einzelne Störer herauszugreifen. Quelle: dpa
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Begleitet von massiven Protesten hat der Castor-Transport am Sonntag die Region nahe dem Verladebahnhof Dannenberg erreicht. Bei Harlingen blockierten am späten Sonntagabend etwa 2000 Atomkraftgegner die Gleise. Der Zug, der bei Dahlenburg stand, wurde daraufhin von der Polizei mit Stacheldrahlt eingezäunt. „Die Polizei ist absolut am Ende ihrer Kräfte“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Polizei-Gewerkschaft, Rainer Wendt, zur Begründung. Die Polizei hingegen wollte nicht ausschließen, dass der Zug noch in der Nacht weiterfahren kann.

Noch am Abend war ein Gespräch mit den Demonstranten vorgesehen, um sie zur Freigabe der Strecke zu bewegen. Jens Maggerl von der Initiative „Widersetzen“ sagte: „Wir sind unräumbar!“ Er appellierte an die Polizei, die Blockade nicht während der Dunkelheit zu räumen. Heute um 9 Uhr soll es eine Einsatzbesprechung über das weitere Vorgehen geben. Kernkraftgegner hatten den Zug schon zuvor mehrfach aufgehalten, unter anderem mit einer Gleisblockade bei Eschede nahe Celle. Die Verspätungen summierten sich auf elf Stunden.

Am Sonntag überschatteten zudem Krawalle im Wendland die bis dahin friedlich verlaufene Anti-Atom-Demonstration mit bis zu 50 000 Teilnehmern vom Vortag – die größte in der mehr als 30-jährigen Geschichte der Atommülltransporte. Die Polizei setzte am Sonntag Schlagstöcke, Pfefferspray und Wasserwerfer gegen Demonstranten ein, die auf Gleise stürmten. Rund 20 000 Polizisten waren im Einsatz.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen kündigte am Sonntagabend im ZDF an, er wolle noch dieses Jahr ins Wendland reisen. Er werde „mit Bürgern sprechen“ und seine Konzepte zur Atommülllagerung vorstellen, sagte der CDU-Politiker. Röttgen äußerte Unverständnis für die Massenproteste und wies darauf hin, dass der Atommüll nicht in ein Endlager Gorleben, sondern nur in ein Zwischenlager transportiert wird. „Ob Gorleben als Endlager geeignet ist, darauf werden wir eine Antwort finden“, sagte Röttgen, wich aber aus, als er nach Alternativen zu Gorleben gefragt wurde. Röttgen betonte, in den vergangenen Jahrzehnten seien viele Politiker vor dem Problem der Endlagerung davongelaufen; er werde sich nicht wegducken.

Unterdessen hatten nach Angaben der Anti-Atom-Bewegung am Sonntagabend etwa 5000 Demonstranten gegen den mit 123 Tonnen hochradioaktivem Atommüll beladenen Zug protestiert. Entgegen Befürchtungen gelang es Demonstranten aber kaum, beim „Castor-Schottern“ massenhaft Steine aus dem Gleisbett zu räumen und die Strecke unpassierbar zu machen. Kanzlerin Angela Merkel hatte vor solchen Aktionen gewarnt und eine harte Reaktion auf gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr angekündigt. Auf der Synodentagung der Evangelischen Kirche in Deutschland am Sonntag in Hannover forderte der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider eine Energiepolitik, die nicht auf Atomkraft setzt.

Nahe dem Dorf Harlingen gingen Polizisten gegen einzelne Demonstranten auf den Gleisen mit Reizgas vor. Atomkraftgegner hatten zuvor versucht, ein gepanzertes Räumfahrzeug der Polizei anzuzünden. Das Feuer wurde rasch gelöscht. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, sprach von einer „neuen Stufe der Gewalt“. Das Bündnis „Castor Schottern“ berichtete, die Polizei sei mit „großer Brutalität“ vorgegangen. Beamte hätten ungezielt Gasgranaten verschossen.

Bauern blockierten mit Traktoren Zufahrtsstraßen zum Castor-Verladebahnhof Dannenberg. Von dort aus werden die Behälter auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben transportiert. Auf dieser Strecke kam es schon oft zu einer letzten Kraftprobe zwischen Demonstranten und Polizisten. Die klagten über lange Dienstzeiten und fehlende Essensversorgung.

Dirk Schmaler und Heinrich Thies

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