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Deutschland / Welt Christchurch-Überlebende berichten von verschlossener Tür
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Christchurch-Überlebende berichten von verschlossener Tür
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08:23 29.03.2019
Hat eine Fehlfunktion einer Tür vielen Menschen das Leben gekostet? Quelle: Phil Walter/Getty Images
Wellington

Als der Attentäter das Feuer in der Al-Noor-Moschee eröffnete, hastete Ahmed Alayedy in Panik zum nächstgelegenen Notausgang. Er erreichte ihn als erster. „Ich habe versucht, die Tür zu öffnen“, erinnert sich der 30-Jährige. „Aber sie ging nicht auf.“

Alayedy und andere Überlebende der Anschläge vom 15. März in Neuseeland schilderten der Nachrichtenagentur AP Szenen von Chaos und Terror an einer Seitentür des Hauptgebetsraums. Es sind die ersten Augenzeugenberichte zur Bedeutung des Ausgangs während der Geschehnisse.

Er sei von so vielen Menschen gegen die Tür gepresst worden, dass er mehrere Rippenbrüche erlitt, sagte Alayedy. Ein anderer Überlebender, Khaled Alnobani, glaubt, dass bis zu 17 Menschen bei dem Versuch, durch den Ausgang ins Freie zu gelangen, ums Leben gekommen sein könnten.

Elektrische Schließanlage deaktiviert

Die Ermittler inspizierten offenbar eine neue elektronische Schließanlage, die nur wenige Tage vor dem Anschlag an der Tür installiert worden war. Nach Angaben der Moscheegemeinde hatte ein Elektriker am Tag vor der Tat das System deaktiviert.

Shagaf Khan, Präsident des für die Moschee zuständigen Muslimischen Verbands von Canterbury, erklärte, der Ausgang sei ähnlich wie eine Haustür geschlossen, aber nicht verschlossen gewesen. Möglicherweise hätten Gläubige das im Chaos irrtümlich gedacht.

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Ein Elektriker habe die neue elektronische Schließanlage am Donnerstag überprüft und dann für das Freitagsgebet abgeschaltet, sagte Khan. Einige Überlebende bezweifeln das aber. Klar ist, dass es an diesem Nachmittag niemandem gelang, die fragliche Tür zu öffnen.

Da sich der Angreifer in der Mitte des Raumes befand, war der Ausgang die einzige Fluchtmöglichkeit für diejenigen, die sich auf der entsprechenden Seite befanden - zumindest bis die Eingeschlossenen begannen, Fensterscheiben einzuwerfen, um nach draußen zu kommen.

An jedem anderen Freitag stand die Tür offen

Bei dem Attentat auf zwei Moscheen in der Stadt Christchurch wurden 50 Menschen getötet, darunter 42 in der Al-Noor-Moschee. Nach Ansicht Alayedys und anderer Überlebender hätten viel mehr Menschen entkommen können, wenn die Tür wie sonst bei Freitagsgebeten üblich weit offengestanden hätte.

Um die Tür zu öffnen, hätte nach Angaben des Verbandspräsidenten ein Hebel umgelegt werden müssen. Dass der Durchgang an diesem Tag nicht offengestanden habe, sei Zufall oder möglicherweise dem kalten Wetter an diesem Tag geschuldet gewesen, sagte Khan: „An jedem anderen Freitag wäre die Tür offen gewesen. Aber an diesem Freitag hat niemand die Tür geöffnet.“

Überlebender will Attentäter vergeben

Ein anderer Überlebender, Farid Ahmed, will hingegen in die Zukunft blicken und das Attentat hinter sich lassen, obwohl dabei seine Frau umgebracht wurde. „Ich will kein Herz haben, das wie ein Vulkan kocht“, sagte Ahmed bei einer Gedenkveranstaltung in Hagley Park für die Opfer am Freitag.

„Ein Vulkan hat Wut, Zorn, Rage. Er hat keinen Frieden. Er hat Hass. Er verbrennt sich selbst damit, und er verbrennt seine Umgebung. Ich will kein solches Herz haben.“

Der Name seiner Frau, Husna Ahmed, gehörte zu den 50 Namen der Opfer, die bei dem Gedenken verlesen wurde. Es war die dritte derartige Gedenkveranstaltung. Etwa 20.000 Menschen kamen, darunter die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Yusuf Islam, auch bekannt als Cat Stevens, spielte. Der Musiker war 1977 zum Islam konvertiert.

Ardern spricht zu Überlebenden

Ardern, die einen Umhang der indigenen Maori trug, sagte, der Teufelskreis des Extremismus, in dem die Welt gefangen sei, müsse enden. Ihr Land habe von denjenigen gelernt, die von den Angriffen betroffen waren.

Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland, wartet auf der nationalen Trauerfeier darauf, eine Rede zu halten. Quelle: Mark Baker/AP/dpa

„Es waren Geschichten des Mutes. Geschichten von denjenigen, die hier geboren wurden, aufwuchsen oder Neuseeland zu ihrem Zuhause gemacht haben. Die Zuflucht suchten, oder ein besseres Leben für sich und ihre Familien“, sagte Ardern. „Diese Geschichten, diese neue Form unseres kollektiven Gedächtnisses. Sie werden uns bleiben. Sie sind wir.“

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Von RND/AP