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Deutschland / Welt Das Todespuzzle von Srebrenica
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Das Todespuzzle von Srebrenica
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02:14 30.07.2009
Bosnische Frauen lesen die Namen der Toten auf der Gedenktafel. Quelle: afp
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Der drückende Geruch des Todes lastet in der Kühlhalle über den Regalen mit den weißen Plastikbündeln: 3500 Plastiksäcke mit Knochen, Schädeln, verrotteten Kleiderresten und Habseligkeiten. Von „body bags“ – „Körper-Säcken“ – spricht Emina Kurtalic, leitende Mitarbeiterin des Forensischen Zentrums im bosnischen Tuzla. Bis heute weiß jedoch keiner, wie vielen Opfern des Massakers von Srebrenica die aus den Massengräbern geborgenen Überreste zuzuordnen sind. Denn oft seien die Knochen eines Skeletts über mehrere Gräber verstreut, sagt Emina Kurtalic: „Wir informieren die Familien über die Identifikation ihrer toten Angehörigen erst, wenn wir uns zu 99,9 Prozent sicher sind.“

14 Jahre liegt der Bosnienkrieg zurück. Doch seine Schrecken sind für die Angehörigen der Opfer des Massakers von Srebrenica noch lange nicht überwunden.

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Am Abend des 11. Juli 1995 waren bosnisch-serbische Truppen unter Führung von General Ratko Mladic nach mehr als zweijähriger Belagerung in die von den überforderten Blauhelmen der niederländischen UN-Einheit Dutchbat kampflos preisgegebene Enklave einmarschiert. Nur Frauen und Kinder durften Srebrenica in von serbischen Truppen eskortierten Buskonvois verlassen. Ihre Söhne und Brüder, Männer und Väter blieben zurück. Bei generalstabsmäßig organisierten Massenexekutionen wurden in den folgenden Tagen sogar Jugendliche und Greise in den umliegenden Wäldern ermordet – und in Massengräbern verscharrt. Nur wenigen sollte die Flucht nach Tuzla gelingen. „8372 kamen nicht an“ – so erinnert ein Plakat im Gedenkzentrum von Potocari an die vermissten Opfer des Massenmords.

Jedes Jahr wiederholt sich an der Gedenkstätte die gleiche, so gespenstische wie tröstliche Zeremonie. Schweigend gedenken Zehntausende bosnischer Muslime der Ermordeten. Dann setzen sie die sterblichen Überreste all jener bei, die im zurückliegenden Jahr identifiziert werden konnten. An diesem Sonnabend sind 534 Tote endlich beerdigt werden.

Einer der Toten ist Saidin. Er war gerade 14 Jahre alt, als er zusammen mit seinem Vater ermordet wurde. Sein 16-jähriger Bruder war eine Woche zuvor von einer Granate getötet worden. Die Mutter überlebte; aber sie starb, so sagt es ihre Schwester, drei Jahre später an gebrochenem Herzen. Kadrija Muminagic selbst versteckte sich im Wald, um sich vor den bosnisch-serbischen Einheiten zu retten. So ist von der Familie nur noch die Tante da, um Saidin auf diesem letzten Weg zu begleiten. Kadrija Muminagic ist aus Deutschland angereist, um der Beisetzung ihres Neffen beizuwohnen.

Das Friedensabkommen von Dayton besiegelte Ende 1995 das Ende des Bosnien-Kriegs – und löste in den Wäldern um Srebrenica hektische Grabungsarbeiten aus. In aller Eile mühten sich bosnisch-serbische Truppen, das Massaker zu vertuschen. Mit Baggern und Planierraupen wurden die Toten aus ihren Gräbern gehievt – und in neuen, kleineren Gruben verscharrt. Viele der halb verwesten Leichen zerfielen: Ihre Gliedmaßen endeten nach der hastigen Umbettung oft in verschiedenen Gräbern. Auf den Skelettschemen sind die vorhandenen Knochen rot, die fehlenden weiß und Knochenbruchstücke gelb eingezeichnet. Sorgfältig misst die Osteologin Neva Cosic den Durchmesser eines Schenkelhalsknochens. Manchmal liege von den Toten nur ein Knochen, manchmal ein nahezu komplettes Skelett vor, erzählt die 25-Jährige: „Oft müssen wir ein Skelett mit Knochen aus sieben oder acht Fundstellen rekonstruieren.“

Nach Ende der Kriege in Bosnien und Kroatien regte der damalige US-Präsident Bill Clinton 1996 die Gründung der Internationalen Kommission für Vermisste Personen (ICMP) mit Sitz in Sarajevo an. 40 000 Menschen galten Ende der neunziger Jahre auf dem Gebiet des früheren Jugoslawiens als vermisst und vermutlich tot – drei Viertel davon waren Opfer des Bosnien-Kriegs. Als das ICMP 1997 in Tuzla begann, die Herkunft der Toten in den ersten aufgespürten Massengräbern mit konventionellen Methoden zu klären versuchte, konnten zunächst nur einige Dutzende Vermisste pro Jahr identifiziert werden. „Wir hatten kaum Erfolg. Manchmal glaubten gleich drei Mütter auf einmal, anhand von Kleidungsresten eines Toten den Sohn zu erkennen“, berichtet Kurtalic über die mühsamen Anfänge der Totensuche.

Mithilfe modernster Technik und eines ausgefeilten Systems der DNA-Analyse hat das ICPM inzwischen die Überreste von mehr als 14 000 Vermissten auf dem Territorium des früheren Jugoslawiens identifizieren können; darunter ist die Hälfte der vermissten Srebrenica-Opfer. Das von mehreren westeuropäischen Staaten und den USA finanzierte IMCP in Tuzla gilt inzwischen weltweit als das führende Institut für groß angelegte DNA-Analysen. Auch nach Naturkatastrophen wie der Tsunami-Flut in Südostasien, dem „Katrina“-Orkan in Louisiana und Fähr- oder Flugzeugunglücken sind die Dienste der bosnischen Identifizierungsexperten gefragt. „Es gibt weltweit viele Fälle, bei denen wir helfen“, berichtet Zentrumsleiter Edin Jararagic.

Obwohl das ICMP inzwischen die Überreste von 4126 Srebrenica-Vermissten identifizieren konnte, sind bislang erst 2700 beerdigt worden. Viele Familien warteten vor einer Bestattung zunächst ab, weil sie hoffen, dass noch mehr der fehlenden Teile des Skeletts gefunden werden, sagt Kurtalic. Die Reaktionen auf die Identifikation von vermissten Angehörigen seien sehr „unterschiedlich“. Für manche Familien sei es sehr schwer, endgültig die letzte Hoffnung auf ein Überleben des Vermissten aufgeben zu müssen: „Aber der Mehrheit hilft es in ihrer Trauer, dass sie nach der Beerdigung zumindest einen Platz haben, wo sie ihrer Angehörigen gedenken können.“

Wie lange aber wird dieses Todespuzzle in Tuzla noch währen? Die 33-jährige Bosnierin antwortet mit einem Achselzucken. Nicht zuletzt wegen der Zerstörung der ursprünglichen Massengräber ist die Identifizierung der Toten von Srebrenica eine besonders aufwendige und mühsame Geduldsarbeit. Noch immer sind nicht alle Gräber entdeckt. Sind Überreste endlich geborgen, werden sie gereinigt, registriert und fotografiert. Der Zuordnung der Knochen und der Rekonstruktion der Skelette folgt die Entnahme von DNA-Proben aus dem Knochenmark. In den IMCP-Labors in Sarajevo werden die DNA-Proben analysiert, bevor sie im Identifizierungszentrum in Tuzla mit den DNA-Proben noch lebender Angehöriger verglichen werden. Für das Erstellen des DNA-Profils eines Vermissten seien Blutproben von zumindest drei bis vier direkten Familienmitgliedern nötig, erläutert Edin Jasaragic.

Manche Familien hätten aber alle männlichen Angehörigen verloren, oft seien die verbliebenen Überlebenden nach dem Krieg mit unbekannten Ziel ins Ausland emigriert: Schon das Aufspüren ihrer Adressen sei für die ICMP-Mitarbeiter eine enorme Herausforderung.

In bislang 14 Ländern hat das ICMP Angehörige der Opfer aufgespürt. Dank der 87 000 Blutproben im Kühlschrank des Forensischen Instituts konnte inzwischen das DNA-Profil von 6000 der 8000 Vermissten erstellt werden. Nach der erfolgreichen Abgleichung mit den DNA-Proben von Angehörigen folgt der schwierigste Teil der Arbeit: die Benachrichtigung der Familie. Die Trauer und die Emotionen der Angehörigen erforderten einen „sehr behutsamen Umgang“, sagt Emina Kurtalic: „Vor allem Mütter hoffen bis zuletzt. Auch wenn sie wissen, dass ihre Söhne aller Wahrscheinlichkeit nach tot sind.“

von Thomas Roser