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Deutschland / Welt Der unterschätzte Ostwestfale – So tickt der gefährlichste Nahles-Gegner Achim Post
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12:14 01.06.2019
Nahles-Widersacher Achim Post: Nur nicht unterschätzen. Quelle: picture alliance / dpa
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Berlin

Der Blick ist neu. So ernst, entschlossen, ja grimmig wie vergangenen Mittwoch hat man Achim Post in Berlin noch nie gesehen. Der Fraktionsvize der Bundestags-SPD ist eigentlich ein ausgeglichener und fröhlicher Charakter. Es müsse schon eine Menge passieren, damit „der Achim“ aus der Haut fährt, sagt einer, der ihn gut kennt.

Aber es ist ja auch eine Menge passiert in der SPD. Wahldesaster, Putschgerüchte und die vorgezogene Abstimmung über die Zukunft von Fraktionschefin Andrea Nahles haben die Partei in einen Zustand aus Frust, Entsetzen und Aufruhr versetzt. Es gibt immer mehr Sozialdemokraten, die sich nach Veränderungen an der Spitze sehnen. Und Post, ein außerhalb des politischen Systems bislang weitgehend Unbekannter, ist plötzlich der Mann, der diese Veränderung herbeiführen soll.

Alle Augen richten sich auf ihn, wenn sich Fraktionschefin Nahles am Dienstag zur Wiederwahl stellt. Tritt Post persönlich gegen sie an? Lässt er einem anderen Kandidaten den Vortritt? Oder muss Andrea Nahles in eine Abstimmung ohne Gegenkandidat gehen, bei der ihr trotzdem der Verlust der Mehrheit drohen würde? Das alles hängt nun wesentlich von ihm ab.

Er wird noch immer unterschätzt

Achim Post, 60, Soziologe aus dem ostwestfälischen Minden, evangelisch, verheiratet, zwei Kinder, ist zum gefährlichsten Widersacher der SPD-Partei- und Fraktionschefin geworden.

Das Verrückte daran ist, dass Post selbst jetzt noch von vielen in der SPD unterschätzt wird. Das mag an seinem im Vergleich zu vielen anderen Politikern bescheidenen Auftreten liegen, an seinem unauffälligem Erscheinungsbild, vielleicht auch daran, dass er sehr lange anderen gedient hat, bevor er selbst den Schritt in die erste Reihe gewagt hat.

„Fußball und Biertrinken, das ist das einzige, wovon ich wirklich etwas verstehe“, ist ein typischer Post-Satz über sich selbst. Der Spruch ist sympathisch, aber ziemlicher Unsinn. Post hat eine lange Parteilaufbahn hinter sich, in der er für viele große Sozialdemokraten gearbeitet hat. Er hatte jahrzehntelang Zeit, um ein dichtes Netzwerk zu knüpfen und die Mechanik der Macht zu studieren. Sein Aufstieg verlief langsam – aber sicher.

Politische Lehrjahre bei „Ben Wisch

1976 ist Post in die SPD eingetreten, wegen Willy Brandt, wie so viele seiner Generation. Zehn Jahre später fing er als Mitarbeiter im Deutschen Bundestag an. Er arbeitete für eine Reihe von Abgeordneten, bis er zu Hans-Jürgen Wischnewski kam. Über die Zeit beim großen „Ben Wisch“ redet Post noch heute gerne. Sie hat ihn geprägt, seine Liebe zur Außenpolitik begründet.

Später ging er ins Europaparlament, wo er als Geschäftsführer die Arbeit der SPD organisierte, 1999 folgte der Wechsel ins Willy-Brandt-Haus. 14 Jahre lang leitete Post dort die „Internationale Abteilung“, so etwas wie das Außenministerium der SPD.

Von 2002 bis 2012 war er auch stellvertretender Bundesgeschäftsführer, organisierte in dieser Zeit Wahlkämpfe für Gerhard Schröder und Frank-Walter Steinmeier. 2012 wurde Post Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE). In dieser Funktion zog er die Strippen, damit sein Freund Martin Schulz bei der Europawahl 2014 als Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten antreten durfte.

Keine Angst vor Kampfkandidaturen

2013 folgte die Wandlung vom Mitarbeiter zum Politiker – Post kandidierte erfolgreich für den Bundestag. Nur zwei Jahre später wurde er Chef der Landesgruppe der NRW-Abgeordneten in der Fraktion. In einer Kampfkandidatur setzte er sich gegen den Bochumer Abgeordneten Axel Schäfer durch, der damals nicht nur Landesgruppenchef, sondern auch stellvertretender Vorsitzender der Fraktion war. Post hatte Schäfer zuvor angeboten, ob man sich die Ämter nicht teilen wolle, aber Schäfer wollte nicht. 2017 jagte Post ihm dann auch noch den Stellvertreterposten ab.

Schäfer hatte Post unterschätzt. Heute sagte er nur: „Über Achim Post sage ich besser nichts“.

Die NRW-Landesgruppe ist zahlenmäßig traditionell die größte in der SPD-Fraktion, in den Jahren vor Post aber war sie politisch weitgehend bedeutungslos. Das hat sich unter seiner Führung geändert. Sinnbildlich dafür steht eine Klausurtagung, die Post Anfang des Jahres unter großer medialer Aufmerksamkeit zusammen mit der niedersächsischen Landesgruppe in Osnabrück organisiert hatte. Die Tagung unter dem Motto „Neue Stärke“ war auch als Warnung an Andrea Nahles interpretiert worden.

Großer Bahnhof beim Geburtstag

Kurz vor der Europawahl feierte Post seinen 60. Geburtstag in einer alten Mühle in seinem Wahlkreis. Viele Weggefährten waren da, auch ein paar Journalisten. Und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Das Verhältnis gilt als eng, und Weil wird als möglicher Nachfolger gehandelt, falls Andrea Nahles nach einer Abwahl in der Fraktion auch den Parteivorsitz hinwerfen sollte.

Damals wurde noch gemunkelt, nun macht Post offenbar ernst. Zwar hat er bei der Fraktionssitzung der SPD am Mittwoch seine Kandidatur auch auf Nachfrage nicht erklärt – dass er aber ein Ende der Ära Nahles will, gilt als sicher. Seit Monaten, so berichten es Vertraute, höre Post an der Basis nur noch Klagen, wonach es mit Nahles und Olaf Scholz an der Spitze für die SPD nicht weitergehe.

Plant Post seinen nächsten Coup?

Ob Post nun selber antritt? Er weiß, dass ein 60-jähriger Mann nur schwerlich als Signal des Aufbruchs verkauft werden kann. Gut möglich wäre deshalb auch, dass Post einem jüngeren Kandidaten den Vortritt lässt.

Es wäre nicht das erste Mal. Als die nordrhein-westfälische SPD im vergangenen Jahr einen neuen Vorsitzenden suchte, war Post Teil der Findungskommission. Er soll großen Anteil daran gehabt haben, dass am Ende der bis dahin weitgehend unbekannte Sebastian Hartmann für den Landesvorsitz nominiert wurde – ein persönlicher Freund und Mitglied der NRW-Landesgruppe im Bundestag.

Gut möglich, dass Post gerade einen ähnlich Coup plant. Man muss bei ihm auf alles gefasst sein. Nur unterschätzen sollte man ihn nicht.

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Von Andreas Niesmann/RND

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