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00:15 25.09.2013
Fabian Buchfink (links) und Niko Eicher arbeiten als Interviewer bei der Forschungsgruppe Wahlen. Quelle: Maren Schultz
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Mannheim

„A-2, B-2, C-1, D-3...“: Was wird hier nur gespielt? Schiffe versenken? Schach? Nein. Die Daten, die Fabian Buchfink in seinen Rechner eingibt, sind ein wichtiger Teil dessen, was Deutschland am 22. September um 18 Uhr mit Spannung erwartet: Die erste Prognose über den Wahlausgang für die Bundestagswahl und die Landtagswahl in Hessen. Buchfink ist einer von knapp 400 Interviewern, die das Mannheimer Meinungsforschungsinstitut Forschungsgruppe Wahlen (FGW) derzeit beschäftigt. Zwischen und vor allem in der Zeit vor den Wahlen ist es Buchfinks Aufgabe, Leute in ganz Deutschland nach einem Zufallsprinzip anzurufen, und sie nach ihrer politischen Meinung zu befragen. So entsteht beispielsweise das Politbarometer, das alle 14 Tage im ZDF ausgestrahlt wird. Doch an Wahltagen sind die Rollen vertauscht. Dann ist der 23-Jährige nicht der Anrufer. Er wird angerufen.

Am 20. Januar 2013, dem Tag der Landtagswahl in Niedersachsen, sitzt Buchfink in einem kleinen Raum im Bürogebäude der FGW mitten im Zentrum von Mannheim. An den Wänden stehen Tische mit Monitoren und Headsets, etwa zehn Leute sitzen in dem Raum. Die Stimmung ist ruhig und gelassen, ab und zu hört man ein kurzes Lachen, trotzdem herrscht höchste Konzentration. Immer wieder unterbrechen Buchfink und seine Kollegen ihre Gespräche mit dem Sitznachbarn und wenden sich ihrem Monitor zu, wenn sie einen neuen Anruf auf ihr Headset bekommen.

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Die Anrufer sind die sogenannten Stringer – Mitarbeiter, die vor Ort an den Wahllokalen stehen, um die Wähler nach ihrer Stimmabgabe noch einmal zu befragen. Nach einem bestimmten Abzählrhythmus – zum Beispiel jeder Dritte – sprechen sie die Menschen, die aus dem Wahllokal kommen, an und bitten sie, auf einem Zettel anzukreuzen, wem sie ihre Stimme gegeben haben. Daneben werden Daten wie Geschlecht, Alter, Beruf und die Wahlentscheidung bei der vorherigen Wahl erhoben. Die Zettel landen in einer Urne, die die Stringer zu bestimmten Zeiten öffnen. Die Ergebnisse werden telefonisch an die Zentrale in Mannheim durchgegeben, wo sie in die Computer eingegeben werden.

Und das klingt dann manchmal wie Schiffe versenken. A-1 bedeutet, der Wähler hat seine Erststimme dem CDU-Kandidaten gegeben, A-2 bedeutet eine Erststimme für den SPD-Kandidaten. Unter Punkt B werden die Zweitstimmen erhoben – von 1 für CDU bis 11 für Piraten. C steht für das Geschlecht, D für das Alter, unter E und F wird der Beruf ermittelt, unter G eine Gewerkschaftszugehörigkeit und unter H die vorherige Wahlentscheidung.

Aus all diesen Daten entsteht schließlich die erste Prognose, die mit einem großen Gong um Punkt 18 Uhr im ZDF verkündet wird. Doch bis dahin liegt ein langer Tag vor den Meinungsforschern um Matthias Jung, dem Vorstand der FGW. Hunderte Helfer strömen am Morgen der Wahl aus und beziehen ihre Position vor den Wahllokalen. „Bei der Wahl in Niedersachsen waren wir an 160 Wahllokalen vor Ort, bei der Bundestagswahl werden es etwa 400 sogenannte Points sein, die wir besetzen“, erklärt Jung. Dazu kommen dann die 120 Telefonarbeitsplätze in Mannheim, die in mehreren Schichten mehrfach besetzt sind.

Und die sind auch nötig: „Bei der Niedersachsen-Wahl haben wir 20 158 Interviews vor den Wahllokalen geführt, bei der Bundestagswahl werden es an die 40 000 sein“, sagt Jung. Welche Wahllokale dabei ausgewählt werden, ist laut Jung „reiner Zufall“.

Schon wenige Stunden nach Öffnung der Wahllokale rufen die Stringer an, um erste Befragungsergebnisse durchzugeben – bereits jetzt zeichnet sich also ein erster Trend ab. Wichtig ist deshalb auch, dass die Interviewer in Mannheim bei der Eingabe keine Fehler machen – auch wenn das durchaus mal vorkommt. „Bei der Niedersachsen-Wahl hatten wir 20 000 Interviews mal je zehn Fragen, das sind rund 200 000 Klicks am Computer, überschlägt Jung grob. „Wenn da der ein oder andere Klick daneben geht, verfälscht das nicht gleich das Ergebnis.“

Harte Konkurrenz

Natürlich gibt es nicht nur die Forschungsgruppe Wahlen, die an Wahltagen Befragungen durchführt. Die ARD arbeitet zusammen mit Infratest dimap, RTL erhält seine Hochrechnungen von Forsa. Da ist Konkurrenzkampf programmiert. Natürlich beobachte man die Zahlen der Konkurrenten, sagt Jung. „Und der Ärger ist groß, wenn wir schlechter sind als die anderen.“ Doch davon dürfe man sich nicht nervös machen lassen. „Dann haben Sie schon verloren.“

Letztlich liegen die Umfrageinstitute mit ihren Prognosen meist ohnehin sehr dicht am späteren Ergebnis. Nur bei den Umfragen, die Wochen vorher erhoben werden, kann es zu größeren Abweichungen kommen. So wie bei der FDP in Niedersachsen. Die sahen die Meinungsforscher in der letzten Umfrage vor der Wahl bei fünf bis sechs Prozent – am Ende wurden es fast zehn. „Das liegt aber auch daran, dass wir in der letzten Woche vor der Wahl keine neuen Umfrageergebnisse mehr veröffentlichen dürfen“, erklärt Jung. Erhoben werden die Umfragen aber trotzdem. „Bei der letzten Umfrage war die Stärke der FDP durchaus schon abzusehen.“ Das durfte nur niemand mehr erfahren.

Von Maren Schultz

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