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Deutschland / Welt Mordfall Lübcke: Die bürgerliche Fassade des Stephan E.
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13:19 18.06.2019
Journalisten gehen vor dem Wohnhaus von Stephan E., Tatverdächtiger im Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Quelle: Uwe Zucchi/dpa
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Kassel

Die bürgerliche Fassade ist perfekt. Ein Siedlungshaus im Osten Kassels, am Hang gelegen, mit Blick auf die Stadt: Hier hat Stephan E. mit seiner Frau und zwei Kindern bisher gelebt. Es gibt einen kleinen Garten, ein Tor mit dunkelbraunen Holzlatten, neben dem Eingang hängt eine Metallrolle für die Tageszeitung.

Nur die Haustür ist nicht mehr da. Stattdessen ist der Eingang jetzt mit einer roten Platte verbarrikadiert, am Rand ist die Fassade abgesprungen. Es sind die einzigen Spuren jener Nacht, in der um zwei Uhr morgens ein Spezialeinsatzkommando der Polizei die Haustür auframmte, um den 45-Jährigen zu verhaften. Er gilt als dringend tatverdächtig, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (+65) vor dessen Wohnhaus in Wolfhagen-Istha aus nächster Nähe erschossen zu haben.

„Freundlich und unauffällig“

Von seinen Vorstrafen, seinen Einstellungen, seinen Kontakten in die Neonazi-Szene haben seine Nachbarn anscheinend nichts bemerkt. Freundlich seien sie gewesen, unauffällig, sagt ein Mann, der direkt gegenüber wohnt. Vor mehr als zehn Jahren sei die Familie eingezogen, erzählt eine andere Nachbarin, damals hätten sie das Haus gekauft.

„Vor allem die Frau grüßt immer sehr nett“, sagt sie, die Kinder hätten mit den anderen in der Straße gespielt. Geschockt sei sie, sagt die Frau, „richtig glauben kann ich das noch nicht“.

Dieses gepflegte Einfamilienhausviertel und ein Leben als gewaltbereiter Rechtsextremist, das passt für sie nicht zusammen. Aber anscheinend war die äußere Angepasstheit bei Stephan E. auch nur die perfekte Tarnung seiner tatsächlichen Radikalität.

Seit der Jugend einschlägig bekannt

Seine Ermittlungsakte ist ellenlang und einschlägig. Bereits im Alter von 15 Jahren soll E. laut Medienberichten 1989 ein Mehrfamilienhaus in Aarbergen-Michelbach (Taunus) in Brand gesetzt haben. Gerade mal 19 geworden, verletzt er auf einer öffentlichen Toilette in Wiesbaden einen Ausländer mit einem Messer lebensgefährlich. Am Tag vor Heiligabend 1993 versucht der 20-Jährige E., der damals noch zu Hause wohnte, einen Sprengsatz vor einer Asylbewerberunterkunft in Hohenstein-Steckenrath (Taunus) zur Detonation zu bringen. Er scheitert, wird festgenommen und zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt.

Für 2003 vermerkt die Akte sogar einen gemeinschaftlichen Totschlag in Kassel, dann mehrer Verstöße gegen Waffen- und Versammlungsgesetz. Am 1. Mai 2009 überfällt E. mit mehreren Hundert Neonazis aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland eine Gewerkschaftskundgebung in Dortmund. Wegen Landfriedensbruch bekommt er sieben Monate auf Bewährung.

Spende an Höckes AfD mit dem Betreff „Gott segne euch“

Danach wird es ruhig um ihn. Seine Mitgliedschaft in der rechtsextremen NPD, die ihm den Beinamen „NPD-Stephan“ eingebracht hat, läuft aus. Es scheint, als hätte er sich ins Familienleben zurückgezogen.

2016 spendet E. nach RND-Informationen 150 Euro an die AfD, das Geld soll Björn Höckes Landesverband Thüringen zugute kommen. In den Verwendungszweck schreibt er: „Gott segne euch.“ Das klingt fast schon, als hätte sich der gewalttätige Neonazi E. ein Stück weit entradikalisiert, wenn er sich jetzt der AfD zuneigt. Die Bundesgeschäftsstelle der Partei prüft den Eingang der Spende noch. Nach deren Bekanntwerden forderten die Parteichefs Alexander Gauland und Jörg Meuthen: „Der widerwärtige Mord an Walter Lübcke muss umgehend und lückenlos aufgeklärt werden.“

Wahrscheinlich ist, dass Stephan E. auch in seinem kleinbürgerlichen Idyll seinen rassistischen Gedanken verhaftet blieb, dass er auf den Tag X wartete und irgendwann entschied, zu handeln. Oder entschied jemand für ihn? Wie kam es, dass er mutmaßlich in der Nacht zum 2. Juni die 28 Kilometer von seinem Wohnhaus nach Wolfhagen-Istha fährt und Walter Lübcke hinrichtet?

Diese Frage wird die Ermittler, sie wird Deutschland noch lange beschäftigen.

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Von Thorsten Fuchs und Jan Sternberg/RND

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