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Deutschland / Welt Die europäische Queen: Victoria und der Brexit
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10:00 11.05.2019
Vor 200 Jahren wurde Königin Victoria geboren. Unterschwellig ist die Monarchin heute präsenter denn je, vor allem die „Brexiteers“ halten sie in hohen Ehren. Wie konnte die „Großmutter Europas“ zu einer Ikone des Brexits werden? Quelle: RND/Pohl
Isle of Wight

Zum Geburtstag soll alles picobello aussehen. Die Blumenbeete von Os­borne House auf der Isle of Wight sind frisch bepflanzt. Ein Turm ist noch eingerüstet. Arbeiter restaurieren Teile des historischen Bauwerks, in dem die britische Königin Victoria einen Großteil ihres Lebens verbrachte. Ihres Privatlebens, mit Mann und Kindern und Hunden.

Vor 200 Jahren, am 24. Mai 1819, wurde Victoria geboren, und runde Geburtstage sind im Königshaus stets ein großes Ereignis. Selbst wenn die Jubilarin schon seit mehr als 100 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Unterschwellig allerdings ist Victoria heute präsenter denn je. Im britischen Fernsehsender ITV läuft bereits die dritte Staffel der Fernsehserie „Victoria“, eines Historiendramas, das „Downton Abbey“ längst den Rang abgelaufen hat. Im ganzen Land sind rund 80 Statuen der einstigen Königin verteilt. Gemessen daran ist Victoria deutlich prominenter als jeder andere britische Monarch vor oder nach ihr.

Victoria, eine Ikone des Brexits?

London, Hull, Belfast, Bristol, Glasgow – wo man auch hingeht, Victoria ist schon da. Klein und füllig, wie sie in ihren späteren Lebensjahren war, steht sie da auf ihrem Sockel, in Stein gehauen – und blickt doch mit unnachahmlicher majestätischer Würde auf ihr Volk hinab. Und das ist heute entzückter von ihr als je zuvor. Dieser stolzen Dame, spürt jeder, konnte niemand widersprechen.

„Wir werden nicht versagen“, wird Victoria gern zitiert, „nur Erfolg haben und Neues lernen.“ Ein Satz wie geschaffen für jene Briten, die Großbritannien unbedingt aus der EU treiben und einen Neustart im Alleingang wagen wollen. Die „Brexiteers“ halten Queen Victoria in besonders hohen Ehren. Und sie holen sie und ihre Zeit des Empires gern in Debatten hervor. Victoria, die Ururgroßmutter der heutigen Queen Elizabeth II., eine Ikone des Brexits?

Osborne House auf der Isle of Wight war ein geliebter persönlicher Rückzugsort Königin Victorias. Quelle: Michael Pohl

So einfach scheint es nicht zu sein – wie leicht zu erfahren ist, wenn man sich mit ihrem Leben beschäftigt. Zum Beispiel in Osborne House auf der Isle of Wight, der sonnigen Insel im Ärmelkanal vor der südenglischen Hafenstadt Portsmouth. Victoria verbrachte viel Zeit in Osborne House; die ersten Jahre mit ihrem Mann Prinz Albert, nach dessen frühem Tod – er starb 1861 mit nur 42 Jahren – schließlich allein und in lebenslanger, stiller Trauer.

Über seiner Seite des Bettes hängt bis heute ein Bild von ihm. Victoria hatte es nach seinem Tod dort anbringen lassen. Albert war der starke Mann an ihrer Seite. Manche behaupten sogar: ein König ohne Krone. Victoria mag durch markige Sprüche und intuitive Entscheidungen bekannt geworden sein. Sie verließ sich aber stets auf den Rat anderer: anfangs den des früheren Premierministers Lord Melbourne, später den ihres Ehemannes.

Was vom Empire übrig blieb

Osborne war so etwas wie ein Zufluchtsort für die königliche Familie. Albert und Victoria hatten das Gebäude privat erworben und im italienischen Stil nach sehr eigenem Geschmack umbauen lassen. Hier verbrachten sie ihre Geburtstage und andere große Ereignisse. In einem Brief an Lord Melbourne schwärmte Victoria 1845: „Es ist unmöglich, sich einen schöneren Ort vorzustellen.“

Michael Hunter hat die Zeit der Queen auf der Isle of Wight anhand ihrer 122 lückenlos erhaltenen Tagebücher nachvollzogen. „Abends gingen Victoria und Albert manchmal aufs Dach, um der Nachtigall zuzuhören“, hat der Kurator von Osborne House darin erfahren und manches mehr. Am 22. Januar 1901 starb die Königin hier, auf der Isle of Wight.

Die Insel, das war die kleine, private Welt der Königin. Die große wartete in London. In einem Treppenhaus des britischen Außenministeriums in London hängt ein riesiges Gemälde mit einer Szene aus Indien. Erinnerung an die Zeit, in der Victoria nebenbei als Kaiserin von Indien fungierte, obwohl sie selbst nie dorthin gereist war. Viele Jahrzehnte hieß die Behörde deswegen „Außen- und Indien-Ministerium“.

Victorias Weltreich: Diese Karte zeigt das Britische Empire um das Jahr 1880 – die rot markierten Länder unterstehen zu dieser Zeit direkt der britischen Krone. Quelle: Mary Evans Picture Library

1947 wurde Indien unabhängig, nach Australien (1907), Südafrika und Kanada (beide 1931). Das Außenministerium war wie im Rest der Welt plötzlich nur noch das Außenministerium. Hongkong, Großbritanniens Basis in Asien, gaben die Briten 1997 an China zurück. Um die weit weniger bedeutungsvollen Falklandinseln musste Margaret Thatcher 1982 Krieg führen.

Das British Empire? Aus heutiger Sicht ist es nicht viel mehr als ein Kapitel in den Geschichtsbüchern. Selbst das Commonwealth als eine Art Nachfolgekonstrukt gilt längst nur noch als loser Staatenbund früherer Kolonien ohne nennenswerten Einfluss auch nur in irgendeinem Teil der Welt.

Viele Brexit-Befürworter sehen das aber ganz anders. „Nach dem Brexit haben wir wieder die Macht, frei Handelsverträge mit unseren Freunden aus dem Commonwealth zu schließen“, jubelte einer der engagiertesten EU-Gegner der Insel, der frühere britische Außenminister Boris Johnson, im vergangenen Jahr in einem Meinungsartikel.

Gerade einmal eine Handvoll Handelsabkommen

Liam Fox, Großbritanniens Minister für internationalen Handel, kündigte 2017 frohgemut an, dass er bis zum Tag des Brexits Handelsabkommen „mit mindestens 40 Staaten“ unterzeichnet haben werde. Es sind bis heute gerade einmal eine Handvoll, geführt von Ländern wie Fidschi und Papua-Neuguinea. Und selbst wenn es gelänge, weltweite Handelsbeziehungen aufzubauen – kann das Imperium dadurch zumindest in wirtschaftlicher Form wiederauferstehen?

Arno Hantzsche, Ökonom am Londoner National Institute of Economic and Social Research (NIESR), ist skeptisch, dass sich Großbritannien mit Freihandelsabkommen jemals besserstellen wird als mit einer EU-Mitgliedschaft. „Unsere Schätzungen gehen davon aus, dass der Gewinn in den nächsten zehn Jahren bei gerade einmal 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen würde“, erklärt er.

Dabei setzt das NIESR voraus, dass Großbritannien mit allen großen Wirtschaftsblöcken Handelsabkommen schlösse, wovon das Land zum jetzigen Zeitpunkt aber weit entfernt ist. Bei einem ungeregelten Austritt aus der EU würde das Bruttoinlandsprodukt, der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die während eines Jahres innerhalb eines Landes erwirtschaftet wurden, demnach sogar um 3 bis 6 Prozent geringer ausfallen im Vergleich zu einer fortgeführten EU-Mitgliedschaft.

Schwierige Verhandlungen – und keine wirtschaftlichen Vorteile in Sicht: Premierministerin Theresa May im April 2019 bei einem EU-Sondergipfel zum Brexit. Quelle: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

Das NIESR sieht eine weitere entscheidende Hürde: Handelsabkommen mit fernen Ländern bringen einem europäischen Land aus ökonomischer Sicht wenig. „Kulturelle und geografische Nähe spielen beim Handel eine ganz entscheidende Rolle“, betont Hantzsche.

Dazu kommt eine Besonderheit der britischen Wirtschaft: Der Handel mit Dienstleistungen macht hier rund 80 Prozent aus. Etwa die Hälfte aller britischen Dienstleistungsexporte betreffen Partner in anderen EU-Staaten.

„Der Zugriff auf den EU-Binnenmarkt ist für die britische Wirtschaft von enormer Bedeutung“, unterstreicht Ökonom Hantzsche. Denn der Binnenmarkt reguliere im Gegensatz zu den üblichen Freihandelsabkommen auch Dienstleistungen. Hantzsche sieht in den Zahlen nur eine Schlussfolgerung: „Unter jedem Szenario eines Brexits würde es der britischen Wirtschaft schlechter gehen.“

Vom Vorbild zur Lachnummer

Gerade wirtschaftliches Wachstum, die Industrialisierung und vor allem der Handel werden oft als die Eckpfeiler des Empires unter Victoria angeführt. Eine Darstellung, die Historiker heute relativieren. „In den 1850er-Jahren schaute die Welt in der Tat auf zu Großbritannien“, sagt Russell Foster, Politikwissenschaftler für europäische und internationale Studien am King’s College in London.

Aber als Victoria 1901 starb, sei das Imperium bereits zunehmend stagniert, zerfallen und weit zurückgefallen. „So wurde Großbritannien in 50 Jahren vom beneideten Vorbild Europas zur Lachnummer“, bilanziert Foster. Der Handel mit britischen Kolonien sei zu Victorias Zeiten nie eine besondere Stärke gewesen, erläutert der Politikwissenschaftler, anders als es Brexit-Befürworter heute gern darstellen.

„Er war nichts im Vergleich zum Handel zwischen Großbritannien und vor allem europäischen Ländern.“ Londons Kolonien seien im 19. Jahrhundert schlichtweg zu arm gewesen, um Produkte made in Britain zu kaufen. „Die Briten verkauften ihre Waren deswegen lieber an die reichen, stark bevölkerten Staaten in Europa und dem Osmanischen Reich“, sagt Foster. Schon damals war dies so.

Der Crystal Palace, Austragungsort der ersten Weltausstellung, galt schon zu Victorias Lebzeiten als Symbol von Reichtum und Größe der Nation. Quelle: Archie Miles Collection

Dass die Zeiten Victorias dennoch gern als glorreiche Epoche angesehen werden, könnte unter anderem an den pompösen Gebäuden in Großbritannien liegen, die aus dieser Zeit erhalten geblieben sind und noch immer ganze Straßenzüge prägen.

Einmal im Jahr führt ein privater Verein im Londoner Süden zu einem Ort, der lange Zeit als Markenzeichen des Empires galt: zum Crystal Palace, dem Kristallplast. Das 92 000 Quadratmeter große Glas-Stahl-Konstrukt brannte zwar 1936 aus – doch erhalten geblieben ist immerhin der prachtvolle Eingangsbereich, durch den es damals zu einem inzwischen abgebauten Bahnsteig ging.

Der Crystal Palace, der ursprünglich im Hyde Park stand, dann aber in den Süden umgesiedelt wurde, war im Jahr 1851 Schauplatz der ersten Weltausstellung. Sie wurde maßgeblich von Victorias Mann Prinz Albert geleitet und galt als überaus erfolgreich. Mehr als sechs Millionen Besucher kamen in den Crystal Pa­lace, am Ende stand ein Überschuss von mehr als 18 Millionen Pfund, umgerechnet in die heutigen Verhältnisse.

Die Weltausstellung finanzierte Museen und Universitäten

Dem Erfolg der Great Exhibition verdankt Richard Edgecumbe in gewisser Weise seinen Job: Er ist Kurator im Victoria and Albert Museum in London, kurz V&A, einem der renommiertesten Kunst- und Designmuseen der Welt. „Finanziert wurde das gesamte Areal hier mit mehreren Museen und Universitätseinrichtungen vom Erlös der Great Exhibition“, sagt Edgecumbe.

Sein Museum selbst war als eine Anerkennung an die Verdienste Alberts für die Weltausstellung gedacht. Die runden Geburtstage – auch Albert wäre in diesem Jahr 200 geworden – feiert das V&A unter anderem mit einem Einblick in den Reichtum Victorias. Schmuckstücke aus ihrem Fundus sind teilweise erstmals öffentlich zu sehen.

Die Regentschaft Victorias gab der Nation so viel Selbstbewusstsein, dass ihr Name eine ganze Epoche beschreibt: das Viktorianische Zeitalter. Dabei stand die spätere Queen als Kind zunächst nur auf Platz fünf der Thronfolge. Dass sie 1837 ihrem Onkel Wilhelm IV. folgte und tatsächlich Königin wurde, lag an einer Folge krankheits- und altersbedingter Tode.

Polly Putnam, Kuratorin im Londoner Kensington Palace, mit einem Gewand Königin Victorias. Quelle: Michael Pohl

Skepsis schlug Victoria entgegen, als sie mit gerade einmal 18 Jahren Oberhaupt des Vereinigten Königreichs wurde. In ihr Tagebuch schrieb sie damals: „Sie behandeln mich wie ein kleines Mädchen – aber ich werde ihnen zeigen, dass ich die Königin von England bin.“

Claudia Williams und Polly Putnam wollen London-Besucher in genau diese Zeit zurückführen. Im Kensington Palace haben die beiden Kuratorinnen in den vergangenen Monaten die früheren Privaträume Victorias und ihrer Mutter rekonstruiert.

Anhand von Bildern und Tapetenresten wurden die Zimmer weitestgehend so umgestaltet, wie sie zu deren Zeit ausgesehen haben müssen. Gleich über dem heutigen Eingangsbereich sei Victoria geboren worden, sagt Claudia Williams. Der Blick von hier reicht bis weit in die Kensington Gardens hinein, einen öffentlichen Park.

Das Kensington-System

Die strenge Erziehung, der Victoria hier in Kinderjahren unterworfen war, nennt man längt das Kensington-System. Die kleine Victoria wurde abgeschottet, weil aus Sicht vor allem ihrer Mutter Victoire von Sachsen-Coburg-Saalfeld schon früh die Möglichkeit bestand, dass sie einmal Königin werden könnte. „Sie durfte nicht mal allein die Treppe benutzen“, sagt Kuratorin Williams. Ihr Bett stand bis zur Thronübernahme im Schlafzimmer ihrer Mutter.

Mit Victorias Krönung endete die Personalunion mit dem Königreich Hannover, denn anders als in England waren dort Frauen vom Thron ausgeschlossen. Doch die enge Bindung an Deutschland blieb – nicht nur durch ihre Mutter. Mit Prinz Albert heiratete Victoria ebenfalls einen Coburger, zudem setzten die beiden viel daran, ihre insgesamt neun Kinder strategisch in die europäischen Königshäuser zu verheiraten.

Im Kensington Palace hängt heute ein Bild, das dies verdeutlicht: Victoria ist darauf zu sehen in späteren Jahren, um sie herum 42 ihrer Enkelkinder – Kinder aus allen großen Königshäusern Europas. Historiker gehen inzwischen davon aus, dass auf diese Weise durch einen Gendefekt Victorias Hämophilie, auch die Bluterkrankheit, Einzug in den europäischen Adel hielt.

Königin Victoria im Kreis ihrer Familie. - Erste Reihe (sitzend): Kaiser Wilhelm II, Queen Victoria, die Kaiserin Friedrich mit Beatrice von Edinburgh und Feodora von Sachsen-Meiningen (Enkelin). Zweite Reihe: Herzog von Connaught, Prinz Alfred, Zarewitsch Nikolaus (der künftige Zar Nikolaus II.) mit seiner Braut Alix von Hessen, Victoria von Battenberg, Irene von Hessen, Großfürstin Maria Pavlovna, der Prinz von Wales (später König Edward VII); Dritte Reihe: Herzog Alfred von Edinburgh, Prinzessin Beatrice von Großbritannien, Prinzessin Luise von Coburg, Prinzessin Alexandra von Edinburgh, Charlotte von Sachsen-Meiningen, Herzogin von Connaught; hinten von links: Prinz Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha, Prinz Ludwig von Battenberg, Prinz Philipp von Coburg, Großfürst Paul von Russland, Graf Mensdorff-Pouilly, Großfürst Sergej, Kronprinz Ferdinand und Prinzessin Marie von Rumänien, Großfürstin Elisabeth, Herzogin Marie von Edinburgh. Quelle: Archiv für Kunst und Geschichte Berlin

Ähnlich wie die amtierende Königin Elizabeth II. wird Victoria gern als Mutter der Nation gesehen. Aus heutiger Sicht scheint aber klar: Sie war weit mehr – eine Großmutter für ganz Europa. „Albert und Victoria setzten sich sehr für den Frieden in Europa ein“, betont Kensington-Palace-Kuratorin Putnam. Albert habe viel daran gelegen, die parlamentarische Monarchie der Briten in ganz Europa zu etablieren. „Er glaubte, dies schaffe Frieden.“

Nicht wenige Historiker vertreten die These, dass der Erste Weltkrieg unter Victoria nie ausgebrochen wäre. Und auch Putnam geht davon aus: „Sie hätte nie zugelassen, dass ihre Cousins gegeneinander kämpfen.”

Hätte Victoria einen Brexit hingenommen? Bei der Antwort auf diese Frage sind sich Experten weitestgehend einig: nein. „Ich habe viel darüber nachgedacht, ob Victoria in einem Referendum für einen Verbleib in der EU oder ein Verlassen gestimmt hätte“, sagt etwa Putnam. Ein Brexit aber hätte ihrer Auffassung eines europäischen Friedens widersprochen.

Der Friedensaspekt führt zum Kern der Europaskepsis

Der Friedensaspekt führt zum Kern der Europaskepsis der Briten: „Während die EU in Kontinentaleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem als ein Weg angesehen wurde, dauerhaft Frieden zu sichern, blicken Briten in erster Linie aus wirtschaftlicher Sicht darauf“, erläutert Ökonom Hantzsche.

Und gerade in diesem Punkt üben sich viele gern in typisch britischem Pragmatismus – wie etwa Historiker Foster. „Es sind nicht Estland oder Malta, die die EU verlassen“, sagt er. Es sei Großbritannien, ein dicht besiedeltes, wohlhabendes Land, das die Importe der EU benötige, während die EU die britischen Märkte brauche.

Die junge Königin Victoria und Prinz Albert im Kreis ihrer Kinder. Quelle: JT Vintage

Oder braucht das mächtige Großbritannien am Ende nicht vielleicht doch, ähnlich wie Victoria mit Albert, den starken Partner an seiner Seite? „Wir haben es seit 2000 Jahren, seit der Invasion von Julius Caesar, geschafft“, resümiert Foster. „Und wir werden es weiter schaffen. Irgendwie.“

In Osborne House rückt das Thema Brexit ohnehin erst einmal in den Hintergrund. Vom 24. Mai an feiert das Anwesen das Geburtstagsjahr Victorias. Kurator Hunter hat dafür die passende Sonderausstellung geplant: 80 Geburtstagsgeschenke aus der Familie Victorias. „Viele Präsente wurden hier in Osborne übergeben“, sagt Hunter.

Zahlreiche Bilder sind darunter, ein prunkvoller Kerzenhalter, sogar ein ganzes Haus: Swiss Cottage, eine Art Spielwiese für die königlichen Kinder. Albert und Victoria ließen ihren Nachwuchs hier fit machen für die Zukunft – eine Zukunft in Europa.

„Victoria wäre vom Brexit verwirrt gewesen“

Daisy Goodwin, Autorin der britischen Fernsehserie „Victoria“. Quelle: Olivier Blanchet/Imago

Frau Goodwin, in Ihrer Fernsehserie haben Sie sich bereits drei Staffeln lang mit dem Leben Queen Victorias befasst. Würden Sie selbst gern in dieser Zeit leben?

Nein. Als Frau bin ich sehr dankbar für Empfängnisverhütung, Gleichheit vor dem Gesetz und alle anderen Vorteile des vergangenen Jahrhunderts.

Auch nicht als Victoria?

Das Einzige, um das ich Victoria in ihrem Leben beneide – abgesehen von Charakteren wie Dickens –, sind die Juwelen. Ich wollte schon immer eine Tiara.

Warum interessiert Sie Victoria so sehr, dass Sie eine Fernsehserie aus ihrem Leben gemacht haben?

Ich finde es faszinierend, dass sie mit 18 Jahren Königin wurde, als Frauen fast keine Rechte hatten. Und ich finde es erstaunlich, dass sie über eine solche Charakterstärke verfügte. Obwohl sie ständig im Blickfeld der Öffentlichkeit lebte, war sie nie von ihrer großen Verantwortung eingeschüchtert.

Was macht Victoria in Großbritannien auch heute noch so überaus beliebt?

Ich denke, dass sie und Albert die britische Monarchie zu einer sehr erfolgreichen Marke gemacht haben. Eine zufriedene Familie, zu der die ganze Nation aufblicken konnte.

Das Vereinigte Königreich erlebte unter Queen Victoria eine seiner größten Epochen. War das denn wirklich ihr Erfolg oder war sie einfach nur zur richtigen Zeit an der Macht?

Victoria war nicht persönlich für den Erfolg Großbritanniens im 19. Jahrhundert verantwortlich. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass sie ein Symbol für diesen Erfolg war. Und ich würde behaupten, dass eine Frau als Staatsoberhaupt die Art und Weise, wie die Menschen über Macht denken, verändert hat und dass das wiederum zum Wohlstand Großbritanniens beigetragen hat. So wie es jetzt den Schritt gibt, mehr Frauen in Gremien zu holen, um unterschiedliche Denkweisen zu fördern, denke ich, dass eine weibliche Monarchin die traditionellen Denkmethoden gebrochen hat.

Victoria scheint anderen Ländern gegenüber stets sehr offen gewesen zu sein. Was hätte sie wohl vom Brexit gehalten?

Ich denke, der Brexit hätte Victoria verwirrt und traurig gemacht. Sie und Albert wollten Europa vereinigen, indem sie ihre Kinder mit den Königsfamilien Europas, einem Vorläufer der Europäischen Union, verheirateten. Victoria wäre entsetzt von der Idee, dass Großbritannien allein steht, sie wollte vor allem die Dinge auf dem Kontinent beeinflussen.

Wird es weitere Episoden von „Victoria“ geben?

Ja, ich denke schon.

Daisy Goodwins „Victoria“ ist weltweit ein Erfolg. In Deutschland ist die Fernsehserie bei Sky, Amazon Prime sowie auf DVD zu sehen. Quelle: ITV/Imago

Von Michael Pohl

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