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Deutschland / Welt Die neue Familienministerin Köhler ist schwer zu fassen
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22:17 29.11.2009
„Während in meiner Klasse alle für Pferde schwärmten, habe ich für Helmut Kohl geschwärmt“: Kristina Köhler. Quelle: ddp
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Sie lebt mit dem Innenstaatssekretär Ole Schröder zusammen; seit Kinderjahren steht die Politik im Fokus ihrer Interessen. Köhler ist die Antwort der CDU auf den jugendlichen Charme, den Philipp Rösler für die FDP und Karl-Theodor zu Guttenberg für die CSU ins Bundeskabinett einbringen.

Sie stamme aus einer „eher unpolitischen Familie“, erzählte die Bundestagsabgeordnete dem Buchautor Thomas Leif („Angepasst und ausgebrannt – Die Parteien in der Nachwuchsfalle“) in einem biografisch angelegten Interview. Aber die Wiedervereinigung, der Fall der Mauer, veränderten grundlegend ihre Mädchenwelt. „Während in meiner Klasse alle für Pferde schwärmten, habe ich für Helmut Kohl geschwärmt. Deshalb war für mich völlig klar: Ich will in die Junge Union, und ich will politisch etwas machen.“

Wohlgemerkt, damals war Köhler ein zwölfjähriges Mädchen, zu jung für einen Jugendverband. Am Tag ihres Geburtstages erfüllte sie sich zwei Jahre später ihren Wunsch und überraschte den JU-Funktionär Bernd Lorenz mit einer Bitte. Am Ende eine Veranstaltung sei Kristina auf ihn zugetreten, erinnert sich der heutige Fraktionschef der CDU in Wiesbaden, und habe gesagt, sie habe die Namen aller Bundesminister auswendig gelernt. Ob sie die aufsagen dürfe. Sie durfte.

Die innerparteiliche Ochsentour fiel für Köhler dann recht kurz aus. Sie knüpfte mithilfe ihres Mentors Lorenz ein Netzwerk, das ihr zum Aufstieg zunächst in JU-Gremien und mit 24 Jahren zum Einzug über die Landesliste in den Bundestag verhalf. In ihrem ersten großen Antrag im Bundestag setzte sie sich mit dem Islamismus auseinander. Damals unter dem Eindruck der Attentate vom 9. September 2001 wollte sie „den politischen Islam genauso bekämpfen wie den Terrorismus“. Köhler forderte den „Aufstand der Anständigen“ unter den Muslimen – lange bevor Wolfgang Schäuble als Innenminister zur Islamkonferenz einlud. Nach dem Gipfel gratulierte Köhler dem Innenminister, monierte aber, dass es bei der Frauenfrage „noch knirscht“.

Zur hessischen Landtagswahl vor knapp zwei Jahren leistete Kristina Köhler einen besonderen Beitrag. Ein Überfall von zwei Jugendlichen auf einen Rentner in München hatte zu einer Debatte über geeignete Maßnahmen gegenüber kriminellen jugendlichen Ausländern geführt. Im Polit-Magazin „Panorama“ beklagte Köhler in jenen Tagen, „dass es in Deutschland zunehmend auch eine deutschenfeindliche Gewalt von Ausländern“ gebe.

Sie berief sich dafür auf Staatsanwälte und Richter. Von „Panorama“ befragte Juristen konnten das nicht bestätigen. Daraufhin verwies Köhler auf Studien des hannoverschen Kriminologen Christian Pfeiffer, der das als Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse zurückwies. In das konservative Bild passt, dass Köhler die Beobachtung der Linkspartei durch den Verfassungsschutz für „selbstverständlich“ hält. Sie befürworte innen- und sicherheitspolitisch den „starken Staat“, vertrete in Fragen der Familienpolitik und Lebenspartnerschaft eine sehr liberale Position, erklärte sie. In der Familienpolitik will sie die liberale Politik ihrer Vorgängerin ausdrücklich fortsetzen.

Im BND-Untersuchungsausschuss fiel die junge CDU-Abgeordnete dadurch auf, wie forsch sie den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) befragte. Sie hielt ihm vor, unter Rot-Grün als Kanzleramtschef entgegen offizieller Bekundungen für eine Beteiligung Deutschlands am Irak-Krieg der USA gesorgt zu haben, weil BND-Agenten Koordinaten übermittelt hatten. Sie hakte kritisch nach, warum Steinmeier sich nicht nachdrücklich für die Freilassung des „Bremer TalibanMurat Kurnaz verwandt habe, der unschuldig in Guantanamo festgehalten wurde. In jenen dreieinhalb Ausschussjahren lernte sie den Grünen-Politiker Christian Ströbele schätzen, was auch umgekehrt gilt, wie Ströbele auf Anfrage bestätigte.

In der Bundestagswahl im September setzte sich Köhler mit 40,8 Prozent der Erststimmen gegen die damalige SPD-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul in ihrem Wahlkreis durch. Zu aller Zielstrebigkeit der CDU-Politikerin kommt das notwendige Quäntchen Glück. Noch am Dienstag twitterte Köhler ihrem Freundeskreis: „Ich bin in Zukunft weiter zuständig für Islamkonferenz, Religionsgemeinschaften, Statistik, Integration, Extremismus und Datenschutz.“ Drei Tage später ereilte sie der Anruf der Kanzlerin. Die CDU-Chefin kannte die junge Abgeordnete aus der Fraktion. Zudem war die Kanzlerin beeindruckt von Köhlers Auftreten auf einer Wahlkundgebung.

Dass sich aber Merkel für die 32-Jährige entschied, hat vor allem damit zu tun, dass für den ausscheidenden Minister Franz Josef Jung ein anderer Vertreter aus der hessischen CDU gewonnen werden musste, damit dem Regionalproporz Genüge getan wurde. Die hessische Umweltministerin Silke Lautenschläger winkte aus familiären Gründen ab. Erst danach klingelte bei Köhler das Telefon. Damit ist sie am Ziel ihrer Jungmädchenträume angelangt.

Von Michael M. Grüter

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