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Deutschland / Welt Diesel-Debatte: Mathematiker werfen Umweltbundesamt falsche Rechnung vor
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13:46 20.02.2019
Rechnungen auf einer Schultafel im Mathematikunterricht einer 8. Klasse an einer Integrierten Gesamtschule. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
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Berlin

Jetzt wird’s für den Laien noch unübersichtlicher: Die Debatte um Dieselfahrverbote, Gesundheitsgefahren durch Stickstoffdioxid (NO2), Grenzwerte und falsche Berechnungen dominieren zunehmend Experten einzelner Fachgebiete.

Nach der Kritik von inzwischen 130 Lungenärzten und Ingenieuren an Grenzwerten und Messverfahren melden nun auch Mathematiker Zweifel an Grundlagen an.

Der habilitierte Epidemiologe und Mathematiker Peter Morfeld von der Ruhr-Universität Bochum wirft im ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ dem Münchener Helmholtz-Institut vor, in seiner umstrittenen Studie für das Umweltbundesamt ohne wissenschaftliche Grundlage übertriebene Ängste vor mehr als 6000 vorzeitigen Todesfällen durch Stickstoffdioxid zu schüren. „In diesem Report wird eine Formel verwendet, die falsch ist“, sagt Morfeld. „Eine solche Aussage ist Unsinn.“

6000 Menschen vorzeitig gestorben?

Der Professor bezieht sich dabei auf eine Studie vom März 2018. Das Helmholtz-Institut hatte darin mit statistischen Methoden Zusammenhänge von Stickstoffdioxid-Belastungen und Krankheitsverläufen errechnet.

Dabei kamen die Forscher zu dem Schluss, dass im Jahr 2014 rund 6000 Menschen in Deutschland vorzeitig durch Stickstoffdioxid verstorben seien. Die Studie diente auch in der Debatte um Fahrverbote für Diesel-PKW wiederholt als Argument der Befürworter strenger Grenzwerte.

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In „Plusminus“ wirft Morfeld dem Helmholtz-Institut vor, eine in der Mathematik gebräuchliche Formel, die sogenannte AF-Formel (Attributale Fraktion), falsch angewendet zu haben. Es fehle schlicht die notwendige Datengrundlage.

Um vorzeitige Todesfälle durch Stickstoffdioxid bestimmen zu können, müsse jeder Person, die beurteilt werden soll, ein statistischer Zwilling zugeordnet werden, mit genau derselben Lebensweise wie regelmäßigem Sport, oder etwa dem genau gleichen Alkoholkonsum.

Es dürfe nur einen Unterschied geben: die Belastung durch NO2. „Solche Daten gibt es in der Epidemiologie nicht“, sagt der Mathematiker Morfeld.

Experte: Formel falsch angewendet

Mit der Formel könne nur generell verlorene Lebenszeit gemessen werden, erläutert der Professor. Dann ergebe sich jedoch ein ganz anderes Bild der Schadstoffbelastung als öffentlich dargestellt.

Der Effekt der NO2-Exposition sei in Wahrheit klein, im Jahr 2014 statistisch für die Gesamtbevölkerung betrachtet nur acht Stunden pro Person. „Diese große, plakative Wirkung mit dem vielen Todesfällen, die ergibt sich nur, wenn ich die Formel falsch anwende.“

Das Umweltbundesamt will die Anwendung der Formel nun überprüfen. Die Frage sei dabei nicht, ob die Formel falsch oder richtig sei. Bezweifelt werde lediglich, ob sie auch für die Ableitung vorzeitiger Todesfälle verwendbar ist, wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen.

Bundesamt soll Bericht zurückziehen

Morfeld will kein Öl ins Feuer gießen. Man müsse nur in der Dieseldebatte klar sagen, dass vorzeitige Todesfälle nicht bestimmt werden könnten. Dabei ginge es auch um das Vertrauen der Bürger in Politik und Wissenschaft.

Das Umweltbundesamt sollte seinen Bericht zu den 6000 vorzeitigen Todesfällen zurückzuziehen: „Sicher ist das ein schwieriger Schritt für das Umweltbundesamt, aber ich halte ihn für überfällig.“

Köhler verteidigt die These der Lungenfachärzte

Korrigiert haben inzwischen die Lungenärzte um den früheren Chef der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, Dieter Köhler, ihre Stellungnahme zu Gesundheitsgefahren durch Luftschadstoffe.

Köhler hat Fehler bei der Berechnung von Feinstaubbelastungen von Rauchern und falsche Ausgangswerte über den tatsächlichen Schadstoffgehalt von Zigaretten eingeräumt.

Er verteidigt jedoch die These der Lungenärzte, wonach das Beispiel der Raucher mit ihren hohen Schadstoffbelastungen die Annahmen des Umweltbundesamts zu Gesundheitsgefahren von Luftschadstoffen in niedrigen Dosen widerlege.

Mathematik-Professor Morfeld hat die Köhler-Berechnungen überprüft. Dessen Rechenfehler habe jedoch keine große Relevanz für das eigentliche Argument, das er führt. „Die eigentliche Logik der gesamten Argumentation wird dadurch nicht betroffen.“

Von Thoralf Cleven/RND

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