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Deutschland / Welt Dohnanyi kommt Sarrazin zur Hilfe
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12:08 08.09.2010
Von Reinhard Urschel
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Bei genauem Nachrechnen gehört Klaus von Dohnanyi vermutlich nicht zur deutschen Talkshow-Elite, also nicht zu den zehn nervigsten Dauergästen in den Fernsehrunden mit Hans-Olaf Henkel, Hans-Ulrich Jörges, Alice Schwarzer oder Karl Lauterbach. Aber der alte Herr im feinen Zwirn wird schon gern genommen, wenn am späten Fernsehabend die Empörung über dies und das im Kammerton vorgetragen werden soll. Klappt es nicht mit der Talkshow, gibt der 82-Jährige auch gern ein Interview, notfalls schreibt er.

Meist hat das Thema, zu dem Dohnanyi als meinungsstarker Zeitzeuge vernommen wird, entfernt mit den Sozialdemokraten zu tun. Es fügt sich nämlich gut, dass der frühere Hamburger Bürgermeister zwar seit 1957 Parteimitglied, in dieser Zeit aber stets ein unabhängiger Geist geblieben ist. „Der treueste Parteianhänger ist derjenige“, sagte Dohnanyi einmal in einem Interview, „der der Partei die Wahrheit sagt.“

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Diese Sicht der Dinge muss es gewesen sein, die ihn letztlich veranlasst hat, für einen gefährdeten Sozialdemokraten auf die Barrikaden zu gehen. In einem Zeitungsbeitrag, in Rundfunk- und Fernsehinterviews hat Dohnanyi dieser Tage mehrfach Partei ergriffen für den in Bedrängnis geratenen Genossen Thilo Sarrazin. Im Parteiausschlussverfahren, das jetzt angestoßen worden ist, bietet sich der promovierte Jurist („magna cum laude“) Sarrazin als Verteidiger an. Der unter Anklage stehende Genosse hat noch nicht recht erkennen lassen, ob er dieses Angebot nun gut findet. Er wolle erst mal mit ihm reden, sagt Sarrazin.

Es ist weiß Gott nicht jedermanns Sache, sich auf Klaus von Dohnanyi, der mit der Schriftstellerin Ulla Hahn verheiratet ist, einzulassen. Sein leicht schnöseliger, nasaler, hanseatisch arroganter Tonfall darf einen nicht stören, erst nach längerem Zuhören entpuppt er sich als angenehmer Plauderer. Seine großen Stärken liegen in seinem gewaltigen Erfahrungsschatz und seiner Weltläufigkeit, zwei Eigenschaften, die natürlich miteinander zu tun haben. Klaus von Dohnanyi gehört zu jener Clique älterer Herren, die es sich auf den Balkonen der Medienöffentlichkeit bequem gemacht haben und ganz gut damit und davon leben, in der Öffentlichkeit gegen den Zeitgeist ihrer Partei anzureden. Was Heiner Geißler oder Kurt Biedenkopf für die Union, ist Dohnanyi für die SPD. „Es macht natürlich Spaß, wenn man merkt, dass Leute wahrnehmen, dass man vernünftige Arbeit macht“, hat der Sozialdemokrat Hamburger Prägung einmal geäußert, „aber das Wort eitel würde ich nicht für mich verwenden.“ Dass Dohnanyis öffentliches Auftreten auch auf Eitelkeit beruht, ist sicher nicht ganz falsch. Aber er steht auch für eine innere Haltung, dass das freie Wort zur Demokratie gehört.

Dohnanyi lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihm Sarrazins Erkenntnisse zur Humangenetik als Beitrag zur Integrationsdebatte etwas zu reißerisch und radikal daherkommen. Doch Dohnanyi, dessen Vater Hans im April 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet worden ist, wirbt dafür, endlich Debatten zu führen, „die bei anderen Völkern gang und gäbe sind“. In einem Essay für die „Süddeutsche Zeitung“ hat er seine Genossen ermahnt, mal halblang zu machen. Die SPD kenne Sarrazin doch als „nervigen Kollegen, mit Parteiräson schwer zu bremsen, aber auch als loyalen und demokratischen Genossen“. Sarrazins Buch – das „Outing eines Rassisten“? Ach was, schreibt Dohnanyi, das Werk sei „faktenreich“, die „biologischen Argumente“, die der Ökonom Sarrazin anführe, seien nicht ganz falsch. „Mit leninscher Klarheit“ lege Sarrazin dar, wie sich die Zuwanderer in dieser Gesellschaft verhalten sollten. Jedenfalls würde Sarrazin deswegen „aus keiner europäischen Linkspartei“ ausgeschlossen, hat von Dohnanyi die heutigen Spitzenfunktionäre seiner Partei wissen lassen.

Was ihn wirklich treibt, ob es nicht doch die Lust ist, wider den Stachel zu löcken, lässt Dohnanyi nicht erkennen. Schon in seiner Zeit als aktiver Politiker war er ein umtriebiger Geist, der überall mitmischte. In guter Erinnerung haben das nicht alle Genossen. Das Mitmischen gehe bei Dohnanyi so lange, bis es in Arbeit ausarte. Sein Spitzname aus Bonner Zeit ist noch in lebhafter Erinnerung: Doch-nie-da.

Jetzt, im Zustand der Altersweisheit, scheint Dohnanyi diese Verballhornung seines Namens abschütteln zu wollen. Er tummelt sich in allen möglichen Kommissionen. Für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wacht er über die Mindestlöhne, in der Atlantikbrücke wirbt er für die Beziehungen zu den USA, als früherer Treuhand-Vorstand engagiert er sich unermüdlich für die innere Einheit des Landes und als Elder Statesman für ganz Deutschland. In einem Interview, wo sonst, hat er sein aktuelles Lebensmotto so beschrieben: „Ich kann nicht loslassen, irgendeinen Beitrag zu leisten zu der Entwicklung in unserem Land.“

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