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20:27 20.11.2009
Dorfälteste in der Region Kundus stimmen sich für ihren gemeinsamen Kampf gegen die Taliban ab. Quelle: afp
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„Wir hatten genug von den Taliban“, sagt Abdul Dschalil Tawakal mit Nachdruck. „Sie haben Leid und Tod über uns gebracht.“ Der Stammesälteste aus dem nordafghanischen Bezirk Kala-i-Sal schritt zur Tat. Zusammen mit anderen Männern aus seinem Dorf griff er zu den Waffen – mit einem Ziel: die aufständischen Taliban zu vertreiben, die sich seit Monaten mit den Nato-Soldaten in seiner Heimat bekriegen. Überall in der Provinz Kundus haben sich Milizen gegründet, die sich gegen die schleichende Machtübernahme der Taliban zur Wehr setzen.

Die Bewohner von Kundus seien zwischen die Fronten eines eskalierenden Krieges geraten, sagt Tawakal. „Das war zu viel. Also beschlossen wir zu kämpfen und vertrieben die Taliban aus unserem Dorf.“ Mit Erfolg, sagt der Alte: „Jetzt haben wir ein friedliches Leben.“

Für die Taliban wurde die Gegend interessant, als die westlichen Truppen in diesem Jahr eine Nachschubroute eröffneten, die Treibstoff und anderes Material von Tadschikistan über die Grenze zu Militärstützpunkten in Afghanistan bringen sollte. Die riesigen Konvois, von denen manche aus Hunderten Lastwagen bestanden, wurden zu einem begehrten Ziel der Taliban, was wiederum dazu führte, dass die Nato ihre Truppen verstärkte. Rund 1000 Bundeswehrsoldaten sind mittlerweile in Kundus stationiert. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kündigte bei einem Besuch in der Provinz vergangene Woche an, Anfang kommenden Jahres eine weitere Kompanie Infanteristen zu entsenden und zusätzliche Schützenpanzer zu schicken.

In Kundus ist bereits die Rede von „Schattenregierungen“, die die Islamisten eingesetzt hätten. „In Chahar Dara regieren die Taliban, sie helfen bei der Streitschlichtung und kassieren Steuern“, berichtet Dorfbewohner Nematullah. Die Aufständischen patrouillierten in der Region ungehindert, sagt er.

Die Taliban seien in vielen Gegenden zur „Instanz für die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten geworden“, sagt auch ein westlicher Entwicklungshelfer, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Die Aufständischen praktizierten „auf lokaler Ebene eine schreckliche, grobe Form der Justiz“, sagt er. „Aber für viele Menschen in diesem Land ist das besser als gar kein Recht.“ „Die Sicherheitslage in Kundus hat sich in diesem Jahr verschlechtert“, räumt Provinzgouverneur Mohammed Omar ein. Wie viele afghanische Regierungsvertreter auch macht er Aufständische im benachbarten Pakistan für die Zunahme der Gewalt verantwortlich, leugnet aber auch nicht die hausgemachten Ursachen: Die hohe Arbeitslosigkeit, zu wenig Sicherheitskräfte und Mängel beim Wiederaufbau nützten den Taliban, sagt Omar.

„Wir haben nur tausend Polizeibeamte für die ganze Provinz“, klagt der Gouverneur. „Das reicht nicht.“ Mehr als 60 Polizisten seien in den vergangenen drei Jahren Opfer von Anschlägen geworden. „Die meisten jungen Männer haben keine Arbeit. Das nutzt der Feind aus. Sie bekommen Geld fürs Kämpfen.“ Noch sei es nicht zu spät, um die Sicherheit wieder in den Griff zu bekommen, sagt Omar.

Bei einer Reihe von Offensiven in Kundus haben afghanische Sicherheitskräfte in diesem Monat mit Unterstützung durch die Nato mehr als 130 Rebellen getötet, wie es aus Kabul heißt. Auch die Selbstverteidigung in Dörfern wie Kala-i-Sal wird von offizieller Seite gelobt. „In manchen Gegenden greifen die Menschen freiwillig zu den Waffen gegen die Taliban“, sagt Omar. „Sie waren erfolgreich, und wir hoffen, diesen Leuten helfen zu können.“

von Gul Rahmi Niazmand

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